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Wissen Sind bald alle Bienen Drohnen?
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10:54 28.04.2019
Werden Roboterbienen in naher Zukunft ihre echten Artgenossen ersetzen? Und muss der Einsatz von hoch entwickelten Drohnen und Robotern in der Landwirtschaft eine Horrorvision sein – oder könnte er auch dabei helfen, sie besser umweltverträglich zu machen? Quelle: Josh McCann /Shutterstock
Berlin

Das Video zeigt eine Blumenwiese, klassische Musik, dazu eine Stimme aus dem Off: „Die Bienen sind zurück!“ Doch die Nahaufnahme ist verstörend – die Bienen im Video sind nicht echt, sie haben Körper, Fühler und Flügel aus Metall – und doch fliegen sie eifrig von Blüte zu Blüte.

Und sie können sogar noch mehr: Nähert sich eine Wespe, versprühen sie ein Insektengift, dass diese in wenigen Sekunden tötet. Der Spot mit dem Titel „New Bees“ stammt von Greenpeace und soll eine Horrorvision der Zukunft zeigen, in der es zwar keine Bienen mehr gibt, diese aber von fliegenden Roboterversionen ihrer selbst ersetzt wurden. Eine bitterböse Parodie könnte man meinen, eine gut gemachte Kampagne, um auf das Bienensterben hinzuweisen.

Doch das Szenario ist gar nicht so realitätsfern. Der Greenpeace-Film stammt aus dem Jahr 2014, ein Jahr zuvor hatten Harvard-Wissenschaftler den Prototyp einer Entwicklung vorgestellt, die sie selbst „Robo Bee“ tauften: Eine Minidrohne, die allerdings noch etliche technische Mängel aufwies und eher einer fliegenden kleinen Antenne mit Flügeln glich als den Roboterbienen im Greenpeace-Video. Doch einmal fertig entwickelt, so die Harvard-Forscher, könnte „Robo Bee“ eingesetzt werden, um Pflanzen zu bestäuben.

Muss der Einsatz von Drohnen eine Horrorvision sein?

Ende vergangenen Jahres wurde nun bekannt, dass die US-Handelskette Walmart sechs Patente für landwirtschaftlich nutzbare Drohnen angemeldet hat. Diese sollen wie Bienen die Bestäubung von Pflanzen übernehmen, aber auch Schädlinge aufspüren und Pestizide gezielt ausbringen können. Vermutlich will Walmart die Roboterbienen nicht verkaufen, sondern eines Tages selbst einsetzen – die Supermarktkette stieg Ende des vergangenen Jahres auch in die Produktion von Lebensmitteln ein.

Werden Roboterbienen in naher Zukunft ihre echten Artgenossen ersetzen? Und muss der Einsatz von hoch entwickelten Drohnen und Robotern in der Landwirtschaft eine Horrorvision sein – oder könnte er auch dabei helfen, sie besser umweltverträglich zu machen?

Marc Schetelig ist Professor am Institut für Insektenbiotechnologie der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dass künstliche Systeme eines Tages die Arbeit der Bienen übernehmen, sei gar nicht so abwegig, sagt er. Er findet es auch nicht unbedingt schlimm. „Wichtig ist aber natürlich, dass man nicht vergisst, den Ursachen des Bienensterbens weiter auf den Grund zu gehen. Man muss versuchen, die Biodiversität zu erhalten, und kann sie nicht durch Technik ersetzen“, sagt Schetelig.

Im Gewächshausanbau werden gezüchtete Hummelvölker eingesetzt

Im Gewächshausanbau, aus dem ein Großteil unseres Obstes und Gemüses stammt, finde eine Bestäubung durch Bienen jedoch ohnehin schon lange nicht mehr statt. Stattdessen werden in großen Zuchtanlagen erzeugte Hummelvölker freigelassen, die man wie Gebrauchsware zu kleinen Preisen kaufen kann. „Das ist auch artifiziell“, sagt Schetelig.

Auch sei es theoretisch möglich, mithilfe einer solchen Drohnentechnik Pestizide gezielter einzusetzen. „Um aber zum Beispiel einzelne erkrankte Pflanzen zu erkennen, müsste die Software ziemlich weit ausgereift sein.“

Scheteligs Bedenken angesichts der Roboterbienen betreffen weniger die Auswirkungen auf die Landwirtschaft. „Es geht eher um die Frage, wozu solche Technik missbraucht werden könnte“, sagt der Professor. Wenn einmal tausend- oder millionenfach mit Minikameras ausgestattete Minidrohnen umherfliegen sollten, stelle sich die Frage, was alles gefilmt werde.

Summa summarum können Roboterbienen vielleicht irgendwann Blumen bestäuben, aber sie dienen Vögeln nicht als Futter. Quelle: Greenpeace

Vor einiger Zeit hatte sich Starautor Frank Schätzing von Schetelig für ein neues Buch beraten lassen. Ihn hatte interessiert, welche Anwendungen der Biotechnologie in naher Zukunft denkbar sind. In Schätzings Roman „Die Tyrannei des Schmetterlings“ kommen nun kriegsführende Cyborg-Insekten vor.

Dirk Zimmermann ist Experte für nachhaltige Landwirtschaft bei Greenpeace Deutschland. Das Bienenvideo habe natürlich zeigen sollen, wie zynisch die Idee hinter den Roboterbienen sei, sagt er: „Nach dem Motto: Wenn wir alles kaputt gemacht haben, ersetzen wir es einfach.“

Selbst wenn Roboterbienen technisch machbar seien, lösen ließe sich damit höchstens das Bestäubungsproblem. Sie könnten nicht die Lücke im Ökosystem füllen, die echte Bienen hinterlassen: „Es werden sich wohl kaum Vögel finden, die sich von Roboterbienen ernähren wollen“, sagt Zimmermann. Und auf das allgemeine Insektensterben, das noch viele andere Arten betrifft, seien die Roboter erst recht keine Antwort.

Viele neuartige Hilfsmittel werden nicht zum Wohle der Umwelt eingesetzt

Stattdessen müsse man endlich die Ursachen dafür angehen – eine industrialisierte Landwirtschaft, die mit dem Einsatz von Pestiziden und dem massiven Verlust naturbelassener Flächen einhergeht: „Es ist insgesamt ein Umdenken gefragt.“ Die sinnvollsten Konzepte, um die Landwirtschaft umweltverträglicher zu gestalten, würden aber nicht von moderner Technik geliefert. Sie seien vielmehr „sehr analog“, sagt Zimmermann.

Indem man beim Getreide etwa auf die Fruchtfolgen achte, nicht zu stark dünge oder sich an Mischkulturen versuche, wie in den USA, könne man Erträge auch ohne den Einsatz von Chemie sichern und Schädlingsbefall vorbeugen. Unterstützend könnten dann auch technische Hilfsmittel im ökologischen Landbau eingesetzt werden, wenn das „ressourcenschonend machbar sei“, selbst wenn es sich dabei eines Tages um Drohnen oder Roboter handeln sollte.

„Das Problem ist aber, dass viele neuartige Hilfsmittel nicht etwa zum Wohle der Umwelt eingesetzt werden, sondern um die Gewinne der großen Konzerne und ihre Kontrolle der Landwirtschaft zu sichern.“

Warum noch Insekten schonen, wenn eine Alternative bereitsteht?

So böten Agrochemiekonzerne heute immer öfter „Komplettlösungen“ an: Auf Algorithmen basierende Anwendungen werten die Bodenverhältnisse aus, verbinden sich mit Wettersatelliten und geben dann exakt vor, wann welche Aussaat erfolgen und der Dünger ausgebracht werden soll – oder das Unkrautvernichtungsmittel. „Und da Pestizide von den gleichen Herstellern wie Saatgut verkauft werden, haben diese wenig Interesse daran, den Einsatz zu reduzieren“, sagt Zimmermann.

Und so dürfte auch Walmart in Zukunft wenig Interesse daran haben, durch Anbaumethoden Insekten zu schonen, wenn dort ohnehin schon eine technische „Alternative“ bereitsteht – die Roboterbiene.

Von Irene Habich/RND

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