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Nachrichten Wissen „Die Nationalhymne ist nicht von gestern“
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13:46 10.05.2019
Professor Ulrich Schmidt-Denter. Quelle: Ulrich Schmidt-Denter
Hannover

Professor Ulrich Schmidt-Denter lehrt an der Universität Köln Entwicklungs- und Erziehungspsychologie. Als Autor der Europäischen Identitätsstudie hat er sich besonders mit der Rolle von Nationalhymnen beschäftigt. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland spricht er über den Vorstoß von Ramelow, die Hymne durch eine neue zu ersetzen, und welche Bedeutung das Lied noch für die Deutschen hat.

Ist die Nationalhymne überhaupt noch zeitgemäß?

Ja. Sie ist insofern zeitgemäß, als sie ein wichtiges identitäts- und bindungsstiftendes Merkmal darstellt, das auf Dauerhaftigkeit angelegt ist. Von daher kann sie meines Erachtens auch nicht ständig zeitgeistig geändert werden. Sie scheint psychologisch immer noch wichtig zu sein, denn meines Wissens haben alle Staaten eine Nationalhymne, und sie wird – zumindest außerhalb Deutschlands – auch oft und gern gesungen. Von daher ist es also nichts von gestern, sondern etwas von heute, was noch eine aktuelle Bedeutung für die Menschen hat.

Der Text der deutschen Hymne hat aber ein Problem – die Diskrepanz zwischen der grundsätzlich gewollten Bedeutung der Worte Fallerslebens und deren Missbrauch durch die Nazis. Würde da ein neuer Text helfen?

Ich glaube, dass ein neuer Text auch nicht unumstritten sein kann. Stellen Sie sich vor, man versuchte sich jetzt auf einen neuen Text zu einigen – was wäre das für eine lange und vielleicht quälende Debatte und würde dann dieser Vorschlag die Funktionen erfüllen, die eine Nationalhymne erfüllen soll? Also, dass sich alle damit identifizieren, dass sie nahe an den Emotionen ist, dass sie die Solidarität stärkt innerhalb der Gesellschaft? Ich glaube nicht.

Wenn man die Hymne nicht ändern sollte, wie kriegt man es dann hin, den ursprünglichen Wert der Worte Fallerslebens heute wieder zu vermitteln?

Indem man sich an die Ursprünge erinnert. Denn schließlich war Hoffmann von Fallersleben ein Emigrant. Er musste vor den antidemokratischen Kräften in Deutschland nach Helgoland flüchten, das damals britisch war, und die Intention seines Textes war gegen das damalige reaktionäre Feudalsystem gerichtet, das alle Demokratiebewegungen unterdrückte. Wenn man sich das vergegenwärtigt, dann kommt einem gewiss nicht das Bild von

Naziaufmärschen in den Kopf. Zudem waren die Nazis absolut keine Freunde des Deutschlandliedes – zumindest nicht der dritten Strophe. Sie sangen die erste Strophe nur zusammen mit dem sogenannten Horst-Wessel-Lied, dass sie am liebsten zur Nationalhymne gemacht hätten. „Deutschland, Deutschland über alles“ ist ja keine Aufforderung zum Imperialismus, wie die Nazis es böswillig interpretiert haben, sondern die Einstufung der Einheit der Nation über Könige, Herzöge und Fürsten.

Ist es denn dann eher ein Bildungsmangel, dass die Intention der ersten und im übrigen ja aller Strophen so unbekannt ist?

Es ist wohl eher die Übertreibung eines an sich guten Ansatzes. In der Nachkriegszeit haben Intellektuelle wie Jürgen Habermas zur kritischen Selbstreflexion und zur kritischen Geschichtsreflexion aufgefordert, was ja an sich nichts Schlechtes ist und auch geboten war angesichts der historischen Tatsachen. Aber ich glaube, man sagen kann, dass diese Aufforderung auch ihre Nachteile und Schattenseiten haben kann – insbesondere, wenn man es

geschichtspolitisch und -didaktisch übertreibt. Nämlich, indem diese Haltung generalisiert wird, auf alles ausstrahlt, Befangenheit und mangelnde Identifikation mit dem Gemeinwesen mit sich bringt. So jedenfalls hat es sich ausgewirkt.

Was kann man tun, um derlei zu überwinden?

Man kann Geschichte komplexer und differenzierter vermitteln – nicht das „Dritte Reich“ so behandeln, als wenn es der einzige Abschnitt der deutschen Geschichte wäre. Für die Zeit davor und danach bleibt oft nicht genügend Zeit, was Schüler ja heute auch oft beklagen. Und wenn man mal über die Nazizeit hinausblickt, wird die Epoche davor oft als Vorbereitung auf das Dritte Reich gesehen und die danach nur als Folgewirkung des Nationalsozialismus. Das wäre dann ein verkürztes Geschichtsbild, was sich übergeneralisiert negativ auf das deutsche Geschichtsbild auswirkt. Eine Erweiterung des Geschichtsbildes wäre das Gebot der Stunde.

Damit reden Sie aber nicht einer Relativierung des Nationalsozialismus das Wort?

Natürlich nicht. Selbstverständlich soll im Geschichtsunterricht keine Verharmlosung des Nationalsozialismus betrieben werden. Von daher ist die Erinnerungsarbeit diesbezüglich schon richtig. Aber alles andere kommt dabei schlicht zu kurz.

Hat Ramelow denn recht mit seiner Bemerkung, dass viele im Osten fremdeln mit dem Text?

Nach meinen Untersuchungsergebnissen ist es eher so, dass hinsichtlich der nationalen Identität die Unterschiede gar nicht so groß sind. Wenn es im Osten Vorbehalte gibt, dann betreffen die eher bestimmte Erscheinungen des politisch-wirtschaftliche Systems, nicht so sehr den Text der Nationalhymne. Ich weiß nicht auf welche Daten Herr Ramelow sich stützt. Er sagt glaube ich, dass er häufig beobachtet, dass die Menschen im Osten die Hymne nicht mitsingen. Das beobachte ich aber im Westen genauso. Ich glaube, dass in Ost und West insgesamt eine Befangenheit in bezug auf nationale Identität besteht und diese drückt sich so aus, dass man auch der Nationalhymne gegenüber nicht unbefangen sein kann.

Kann der Sport, besonders der Fußball, dabei helfen, diese Unbefangenheit wieder herzustellen?

Wir haben gesehen, dass das zumindest punktuell gelingt. Es wurde auch im Ausland die Lockerheit sehr positiv gesehen, die wir bei der WM 2006 zu Hause an den Tag gelegt haben. Und unsere nationale Symbolik wurde im Ausland auch nicht als Bedrohung erlebt, sondern als fröhlicher Patriotismus. Wir haben aber auch gesehen, dass danach wieder alles beim alten blieb, dass es also eine anlassgebundene Lockerungsübung war, die im Alltag leider nicht lange vorgehalten hat.

Wo sehen Sie die Wahrnehmung der Hymne in 40 Jahren?

Es ist ja zu hoffen, dass wir weiter auf eine europäische Integration zusteuern und nationale Identität auch nicht mehr denselben Stellenwert haben wird wie heute. Es bliebe dann sozusagen eine Erkennungshymne, eine Hymne, mit der man positive Gemeinschaftsgefühle verbindet.

Aber sie bleibt ...

Ich meine, sie bleibt – ja.

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Von Daniel Killy/RND

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