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Wissen Gemeinsames Spielen: Wie viel Elternentertainment tut Kindern gut?
Nachrichten Wissen Gemeinsames Spielen: Wie viel Elternentertainment tut Kindern gut?
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10:58 12.09.2019
Kinder spielen im Alter von drei bis vier Jahren häufiger mit ihren Freunden. Bis dahin hat sich etwa 80 Prozent der „Intelligenz“ entwickelt. Quelle: Roman Stetsyk - stock.adobe.com
Hannover

Das erste Mal sah ich meinem Sohn während eines Ultraschall–Termins beim Spielen zu. Fröhlich schlug er im runden Bauch Purzelbäume und nuckelte am Daumen. Was auf den ersten Blick vor allem niedlich ist, folgt einem höheren Sinn, wie mir Andre Zimpel, Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Uni Hamburg, erklärt: „Spielen ist ein zentraler Bestandteil einer gesunden kindlichen Entwicklung und wichtig für die Ausbildung unseres Nervensystems und die Hirnreifung.“ Er spricht von einem angenehmen Turbolernen.

Tatsächlich verbringen Kinder die meiste Zeit des Tages mit Spielen und machen dabei immense Fortschritte in ihrer Entwicklung. Schon Babys entdecken beim Spielen sich, ihre Umwelt und ganz neue Fähigkeiten – Greifen, Schmecken, Fühlen, Hören. Im Laufe des zweiten Lebensjahres gibt es erste Ziele beim Spielen: den höchsten Turm aus Bauklötzen, die größte Matschpfütze. Außerdem beginnt das „Als-ob-Spiel“: der Bauklotz wird zum Telefon, der Teddy zum Gesprächspartner.

Im Spiel sammeln Kinder wichtige Bewegungserfahrungen, erleben Emotionen wie Freude, Wut, Stolz und Enttäuschung, sie begreifen ihre Welt, loten Grenzen aus und werden selbstständiger und selbstbewusster.

Andre Zimpel, Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Uni Hamburg

Kinder loten im Spiel ihre Grenzen aus

Mit drei bis vier Jahren wird das Spiel sozialer. Die Kinder spielen häufiger mit ihren Freunden. Vor allem Rollenspiele – Mutter, Vater, Kind oder Polizist und Räuber – sind beliebt. Im Vorschulalter werden Gesellschaftsspiele und Regeln interessant. Bis dahin hat sich etwa 80 Prozent unserer „Intelligenz“ entwickelt – auf der Krabbeldecke, auf dem Spielplatz, beim Bauklötze-Stapeln.

„Im Spiel sammeln Kinder wichtige Bewegungserfahrungen, erleben Emotionen wie Freude, Wut, Stolz und Enttäuschung, sie begreifen ihre Welt, loten Grenzen aus und werden selbstständiger und selbstbewusster“, erklärt Zimpel weiter. Man könnte sagen, spielerisch stellen sie die Weichen für ihr späteres Leben. Im besten Fall mit dabei auf dieser spielerischen Erfolgsspur, sind wir Eltern.

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Eltern bleiben wichtige Gefährten und Vorbilder

Gerade am Anfang verbringen wir viele, oft quälend lange Stunden neben dem Gitterbettchen oder auf der Krabbeldecke, lächeln, singen vor, spielen Verstecken oder stapeln Klötze. Nur für ein kleines Glucksen, ein schönes Lächeln. Auch wenn wir im Laufe des Kleinkindalters immer mehr zu Randfiguren und Assistenten des kindlichen Spiels werden, bleiben wir doch wichtige Gefährten, die die nötige Sicherheit für Entdeckungen geben und Vorbilder zum Nachahmen sind.

Immerhin lernen Kinder nicht nur durch Ausprobieren, sondern auch durch Beobachtung. So liebt mein Sohn mit einem großen Besen zu fegen und Staub zu wischen. Selbst Fensterputzen bringt ihn in Verzückung. Doch die elterliche Verantwortung im Spiel wirft auch Fragen auf. Wie aktiv muss Mama oder Papa beim Spiel sein? Brauchen Kinder fußballspielende, bauklotzstapelnde, puppenteetrinkende Dauer-Entertainer?

Kinder brauchen genug Freiheit zum Spielen

„Gerade junge Eltern sind oft sehr motiviert und neigen etwas zum Überaktionismus. Dabei sind Dauerentertainment und ständige Reize von außen gar nicht nötig“, sagt Rahel Dreyer, Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Viel wichtiger ist aus ihrer Sicht Aufmerksamkeit und Präsenz ohne Blick auf das Smartphone oder den Fernseher.

Gerade junge Eltern sind oft sehr motiviert und neigen etwas zum Überaktionismus. Dabei sind Dauerentertainment und ständige Reize von außen gar nicht nötig.

Rahel Dreyer, Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie aus Berlin

Das Kind wird schon von allein signalisieren, wann Mama oder Papa ins Tor gehen oder in der Notaufnahme des Teddy-Krankenhauses aushelfen sollen. Solange darf man vornehme Zurückhaltung walten lassen. Freiheit ist sogar ein wichtiger Faktor für das Spielen. Ohne klare Vorgaben von außen, ohne Zeitdruck hat das Kind die Chance, eigene Regeln und Welten zu erfinden, kreativ zu sein, sich mit Erlebtem im Spiel auseinanderzusetzen.

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Dauerbespaßung kann sich negativ äußern

Die Kritik vieler Pädagogen: Zwischen Spielgruppen, Musikunterricht und Fußballverein bleibt heute kaum noch Platz zum freien Spiel. Eine mögliche Folge der Dauerbespaßung: Die Neugier und Eigeninitiative entwickeln sich nicht richtig. Auch wenn schnell von Förderwahn gesprochen wird, meinen die meisten Eltern es einfach nur gut mit ihrem Kind, wollen ihm vielfältige Anregungen und Abwechslungen bieten. Was dabei viele übersehen: nach einem langen Tag in der Kita, sehnen sich auch Kinder nach Entspannung, dem Rückzug in die Spielecke, der Verarbeitung der Erlebnisse oder der ungeteilten Aufmerksamkeit ihrer Eltern.

Nichtstun hat bei Erwachsenen einen viel zu schlechten Ruf. Dabei bietet es die Gelegenheit, sich neue Spielideen einfallen zu lassen.

Rahel Dreyer, Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie aus Berlin

Kreativität fördern: Nichtstun hilft

Ein, zwei feste Termine pro Woche reichen also völlig aus, immer passend zu den Interessen und Bedürfnissen des Kindes. Und die restliche Zeit darf es auch mal ruhig und „langweilig“ sein. „Nichtstun hat bei Erwachsenen einen viel zu schlechten Ruf. Dabei bietet es die Gelegenheit, sich neue Spielideen einfallen zu lassen“, findet Dreyer. Das fördere wiederum die Kreativität. Wir Eltern kennen solche Momente: Verdächtige Ruhe, dann lautes Lachen und wir stehen vor einem neuen Kunstwerk aus Kreativität und Blödsinn und die nächste Frage: Ist die große Pfütze im Wohnzimmer Anlass zum Schimpfen oder zum Lachen über so viel kindlichen Einfallsreichtum?

Die Spielzeit in Deutschland nimmt ab

Laut einer Umfrage des Spielzeugherstellers Lego spielt ein Drittel aller Familien in Deutschland weniger als fünf Stunden pro Woche mit ihren Kindern. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) der deutschen Familien spielen mehr als fünf Stunden pro Woche. Lego sieht dabei einen Zusammenhang zwischen Spielzeit und Zufriedenheit in der Familie.

Demnach sind 87 Prozent der deutschen Familien, die mehr als fünf Stunden spielen, glücklich. 71 Prozent der deutschen Familien, die weniger spielen, aber auch. Unterstützung für die Thesen der Lego-Umfrage gibt von der AmericanAcademy of Pediatrics (AAP). Auch hier stellten die Forscher fest, dass sich die Möglichkeiten für Kinder, frei zu spielen, verringert haben. Als Gründe dafür sehen die Kinderärzte die steigende Erwerbstätigkeit von beiden Eltern, der Rückgang an sicheren Spielflächen und mehr digitale Ablenkung.

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Von Birk Grüling/RND

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