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12:59 15.11.2018
Früheste Kindheitserinnerungen setzen sich häufig aus tatsächlich Erlebten, Erzählungen und Fotos zusammen. Quelle: Jakob Owens/unsplash
Hannover

Kindheitserinnerungen haben oft etwas Nebulöses. Da sind Bilder, Gefühle, vielleicht auch einige Worte. Aber will man die Erinnerung zu fassen bekommen und konkretisieren, wird sie noch schemenhafter. Kleinigkeiten helfen uns, einen zeitlichen Bezug herzustellen: Sei es mithilfe des Ortes, eines bestimmten Spielzeuges oder spezieller Menschen. Aber wie weit können wir uns tatsächlich zurückerinnern? Und an was? Setzt das Gedächtnis wirklich erst im Kindergartenalter ein? Das beschäftigt Forscher schon seit mehr als einem Jahrhundert.

Erinnerungen an erste drei Jahre Fiktion

Psychologen sagen, dass die ersten Lebensmonate und Jahre prägend für den Rest unseres Lebens sind. Aber was bleibt uns davon im Gedächtnis? Vermeintlich nichts, sagt die Wissenschaft: Forscher an der University of London haben kürzlich per Onlinefragebogen mehr als 6600 Menschen in Großbritannien befragt, woran sie sich noch aus ihren ersten zwei Lebensjahren erinnern können. Dabei konnten rund 40 Prozent der Probanden noch recht detailliert Erlebnisse aus dieser Lebenszeit schildern. Ein Ergebnis, das die Wissenschaftler in ihrem Wahrheitsgehalt anzweifeln: Alles angeblich nur ausgedachte Fiktion, weitgehend entstanden aus Familienanekdoten und alten Fotos. Denn nach tradierter wissenschaftlicher Übereinkunft scheinen sich Jugendliche und Erwachsene erst an Dinge ihrer Kindheit erinnern zu können, nachdem sie drei Jahre oder älter geworden sind. Ein Phänomen, das als infantile Amnesie oder auch als Kindheitsamnesie bezeichnet wird. Also gehen die ersten drei Lebensjahre komplett als Erinnerung verloren?

Starke Gefühle machen Erinnerungen

Die Münchner Kinder- und Jugendpsychiaterin Dorothea Wolff arbeitet in der Psychotherapie viel mit Erinnerungen. Denn jede Erinnerung hat eine gewisse Relevanz. „Wir erinnern uns dann besonders gut an Dinge, wenn sie emotional besetzt sind“, so Wolff. Das können sowohl emotional positive als auch negative Erinnerungen sein. Verlustangst sei zum Beispiel ein sehr starkes Gefühl. Wenn ein Kind im Zoo oder im Schwimmbad nur kurz seine Eltern aus den Augen verliert, bleibt dieses erschreckende Erlebnis oft ein Leben lang im Gedächtnis. „Wir als Psychotherapeuten gehen allerdings stark davon aus, dass die Erinnerung – also das, was da explizit passiert ist – so gar nicht objektiv stattgefunden haben muss. Kinder erinnern sich entlang der Linie ihrer emotionalen Erregtheit vermutlich anders, als das Geschehene objektiv gewesen ist“, so Psychiaterin Dorothea Wolff.

Inwieweit die Schilderungen der Kinder oder späteren Erwachsenen tatsächlich inhaltlich korrekt sind, bleibt fraglich. Einem Kind kommt beispielsweise die Phase des verzweifelten Alleinseins in einem Kaufhaus wie eine Ewigkeit vor, während es de facto nur eine halbe Minute von den Eltern getrennt war. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben außerdem, dass die ersten Erinnerungen häufig einem Bausatz aus verschiedenen Erlebnissen gleichkommen. Mit dem tatsächlich Erlebten vermischen sich noch Erinnerungen an Fotografien, Videos oder Erzählungen zu einer neuen Einheit. Bezieht Kinder- und Jugendpsychiaterin Dorothea Wolff die Erinnerungen ihrer Patienten in die Therapie mit ein, sei der „Wahrheitsgehalt“ der Erinnerung aber sekundär: „Entscheidend ist, dass der emotionale Gehalt der Erinnerung echt ist.“

Negative Erinnerungen landen im Langzeitspeicher

Alexander ist Mitte 40. Seine älteste Erinnerung an die Kindheit ist von Scham besetzt: „Ich stand im Wohnzimmer und habe gemerkt, dass mir Pipi an den Beinen herunterläuft. Es war mir unangenehm. Ich hatte Angst davor, wie meine Mutter reagieren wird.“ Wie alt Alexander damals war, kann er nicht mehr sagen. Windeln hatte er keine mehr an – also war er vermutlich schon im Kindergarten, schlussfolgert er. Auch die Reaktion der Mutter auf sein kleines Missgeschick hat er nicht mehr präsent im Kopf. Er geht aber davon aus, dass sie nicht geschimpft hat. Sonst hätte er das vermutlich noch im Kopf. Alexanders Erinnerung zeigt, dass die erlebte Scham noch vier Jahrzehnte später deutlich präsent ist. Die konkreten Rahmenbedingungen hat er vergessen, lediglich Vermutungen über Ort, Alter und Reaktionen kann er angeben. Mit seinem Erinnerungsvermögen ist Alexander repräsentativ für die meisten Menschen: Vergessen als normale Entwicklung, die sinnvoll ist.

Erinnerungsanker helfen Gedächtnis

Je älter wir werden, desto weniger können wir die Erinnerungen aus unserer Kindheit aktiv abrufen. Zwar werden entgegen dem, was der Begriff „Kindheitsamnesie“ suggeriert, Erinnerungen wahrscheinlich nie wirklich vergessen. Aber nach aktuellem Stand der Neurobiologie verlieren wir den Zugriff auf sie, weil das Gehirn innerhalb der Kindheit massiv umgebaut wird. Durch die Umstrukturierung der Schaltkreise im Hirn sind alte Erinnerungen dann in Räumen abgelegt, zu denen das Hirn quasi die Tür zugemauert hat. Das Erinnerungsvermögen bildet sich um und passt sich neuen Lebenswirklichkeiten an. Nur dadurch bleiben wir überhaupt effizient. Denn würden wir jede Erinnerung – selbst die überflüssigste – abrufbereit haben, würden wir förmlich überlaufen. Was uns bleibt, sind sogenannte „Anker“, mit denen wir vergessen geglaubte Erinnerungen wieder freilegen können. Etwa, wenn wir mit alten Schulfreunden sprechen und so Kindheitserlebnisse ins Gedächtnis zurückrufen, die wir nicht mehr aktiv auf dem Schirm hatten. Unsere Anker können sprachlicher, emotionaler oder auch körperlicher Natur sein. Selbst eine bestimmte Bewegung oder Berührung kann als Anker fungieren. Und dann ist es plötzlich doch möglich, Erinnerungen an die Oberfläche zu holen, die eigentlich schon lange verbaut waren.

Von Andrea Mayer-Halm/RND

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