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Wirtschaft Wut und Enttäuschung bei Alstom-Mitarbeitern
Nachrichten Wirtschaft Wut und Enttäuschung bei Alstom-Mitarbeitern
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19:57 01.07.2011
Der Kampf um die Zukunft beim Bahnhersteller Alstom in Salzgitter wird immer härter.
Der Kampf um die Zukunft beim Bahnhersteller Alstom in Salzgitter wird immer härter. Quelle: dpa
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Salzgitter

Kopfschütteln, Enttäuschung, Wut und Empörung - die Belegschaft des Bahnherstellers Alstom ist fassungslos. Nach drei Tagen Verhandlungen um die Zukunft des Standortes hatte die Geschäftsführung ihre Koffer gepackt und war abgereist. Dabei hatten sie laut Arbeitnehmerseite eine unterschriftsreife Betriebsvereinbarung zur Standortsicherung ausgehandelt. „So was habe ich noch nicht erlebt“, sagte Horst Ludewig von der IG Metall vor rund 2000 Beschäftigten am Freitagmorgen. Nach der Betriebsversammlung verließen die Beschäftigten das Werk und bauten Überstunden ab.

„Ich habe die Nase voll, mich von irgendwelchen Dilettanten verarschen zu lassen, die anscheinend nicht wissen, was sie tun“, stellte Betriebsratsvorsitzender Bernd Eberle unmissverständlich klar. „Das sind harte Worte, die ich nicht gern spreche, aber ich ertrage es nicht mehr“, sagte er vor der Belegschaft. Seit eineinhalb Jahren laufen Gespräche um die Zukunft des Werkes in Salzgitter. „Die Geschäftsführung ist hier am Standort, mit einem Jahresumsatz von etwa 500 Millionen Euro, für rund 2500 Beschäftigte zuständig, aber was sie hier vorführen, ist auf dem Niveau eines Kaspertheaters im Kindergarten“, kritisierte er.

Am Dienstag hatten sich die beiden Seiten in Goslar in einem Hotel erneut getroffen. 56 Stunden - zuletzt fast 20 Stunden am Stück - wurde verhandelt. Der Durchbruch schien erreicht. „Der Vertrag war unterschriftsreif“, berichtet Ludewig - im Gegensatz zur Darstellung des französischen Unternehmens. Dann habe der Sprecher der Geschäftsführung noch einmal Millionenbeträge von den Beschäftigten gefordert. „Teile des Horrorkataloges waren wieder 40 Stunden ohne Lohnausgleich, keine Tariferhöhungen und kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld“, sagte Eberle.

Als Begründung für ihre Forderung hätten die Manager angeführt, sie trauten sich nicht zu, die von ihnen selbst gesteckten Ziele zu erreichen. Alstom wies diese Darstellung zurück. „Wir lehnen es aber ab, die Unfähigkeit der Geschäftsführung zu bezahlen“, stellt Ludewig klar. Im Glauben, die andere Seite würde nun unter einander beraten, warteten die Gewerkschafter - bis sie feststellten, dass die Geschäftsführer einfach abgefahren waren. „Sie schienen Streit gehabt zu haben, jedenfalls knallten Türen“, sagte Ludewig.

Für die rund 2500 Beschäftigten wird die Situation immer schwerer. Dietmar Rieger ist schon seit 1979 im Betrieb, damals noch Linke-Hoffmann-Busch: „Man müsste den Laden abschließen, bis das Papier unterschrieben ist“. Auch Ralf Schnell, mit Unterbrechung seit 1970 im Werk, ist sauer: „Das ist ein Trauerspiel. Man fühlt sich unwürdig behandelt“, sagte er. Früher hätten Geschäftsführung und Belegschaft sich gemeinsam um die Zukunft gekümmert, heute sitze „der Gegner im eigenen Haus“. Viele der Mitarbeiter befürchten, Alstom wolle den Standort bewusst gegen die Wand fahren. Arbeit sei genug da, sagen alle. Bis März sollen jetzt schon Überstunden eingeplant und 300 Leiharbeiter angefordert sein.

Der französische Konzern teilte in einer Pressemitteilung mit, man habe sich der Position der Arbeitnehmer angenähert, insbesondere hinsichtlich des Rohbaus, der Standortsicherung und Massenentlassungen. „Im Gegenzug hat das Management einen Beitrag von der Arbeitnehmerseite gefordert. Jedoch steht ihr Angebot nicht im Einklang mit dem Vorstoß des Managements“.

Zu den Aussichten für nächste Woche sagte Eberle: „Wenn wir über das Wochenende keine Unterschrift bekommen, dann geht der Protest nächste Woche weiter, dann brennt hier die Hütte.“

dpa