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Wirtschaft Das brasilianische Desaster: Dammbruch bei Erzmine könnte den TÜV Milliarden kosten
Nachrichten Wirtschaft Das brasilianische Desaster: Dammbruch bei Erzmine könnte den TÜV Milliarden kosten
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18:01 08.08.2019
Tagelang waren Helfer der Feuerwehr in Brumadinho im Einsatz, nachdem ein als sicher geltender Damm dort gebrochen war. Quelle: dpa
München

Über dem Münchner Prüfkonzern TÜV Süd schwebt seit dem 25. Januar ein Damoklesschwert ungewissen Ausmaßes. An diesem Tag ist in Brasilien ein Damm gebrochen, dem eine TÜV-Tochter vier Monate zuvor noch Sicherheit attestiert hatte. Es gab rund 300 Tote sowie Sach- und Umweltschäden, die am Ende eine mehrfache Milliardendimension erreichen könnten. Die Haftungsfrage steht im Raum und betrifft auch den TÜV Süd.

Der hat bislang gemauert, seine diesjährige Bilanzpressekonferenz abgesagt und auch die Veröffentlichung des Geschäftsberichts 2018 immer weiter hinausgeschoben. In der Sommerpause, wo die öffentliche Aufmerksamkeit erlahmt, ist er nun klammheimlich ins Internet gestellt worden. Es ist ein brisantes Dokument, das bittere Wahrheiten ansatzweise enthüllt.

Der Prüfkonzern räumt darin ein, dass seine brasilianische Tochter TÜV Süd Bureau im September 2018 die Stabilität des Damms bescheinigt habe und dass gegen den TÜV nach dem Unglück Ende Januar 2019 Klagen sowohl angedroht als auch bereits eingereicht worden sind. Eine davon stammt dem Vernehmen nach vom brasilianischen Minenbaukonzern und Dammbetreiber Vale, für den der TÜV geprüft hatte. Es seien auch schon Schadenersatzforderungen geltend gemacht worden, schreibt der TÜV. Beziffert werden sie auch auf Anfrage bislang nicht.

Das Ausmaß des Desasters: Die braune Schlammlawine riss eine Brücke mit. Quelle: AP

Das Ausmaß des Drohpotentials dieser und möglicher weiterer Klagen veranlasst den Wirtschaftsprüfer KPMG aber zu bemerkenswerten Feststellungen im Testat zum TÜV-Geschäftsbericht. Anhängige und drohende Rechtsverfahren könnten „einen wesentlichen Einfluss auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns für das Geschäftsjahr 2019 und künftige Geschäftsjahre haben“, warnt KPMG. Zudem sei der Fortbestand der Tochter TÜV Süd Bureau und einer weiteren brasilianischen TÜV-Firma bei erfolgreichen Regressklagen bedroht, falls deren Gesellschafter, also in letzter Konsequenz der Münchner TÜV-Mutterkonzern, dafür nicht aufkommt.

„Diese Ereignisse und Gegebenheiten deuten auf das Bestehen einer wesentlichen Unsicherheit hin, die bedeutsame Zweifel an der Fähigkeit der beiden Gesellschaften zur Fortführung ihrer Unternehmenstätigkeit aufwerfen kann“, schreibt die KPMG. Auch der TÜV selbst räumt im Geschäftsbericht Existenzrisiken für die beiden brasilianischen Töchter ein. Dort werden über mehrere Posten verteilt erste finanzielle Belastungen für den Dammbruch genannt.

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Das sind zum einen Rückstellungen für Prozesskosten und Schadenersatzansprüche, die vor allem wegen des Dammbruchs um rund 87 Millionen Euro aufgestockt werden mussten. Dazu kommt eine Abschreibung auf die Firmenwerte der brasilianischen TÜV-Gesellschaften von rund 14 Millionen Euro. Dortige Firmenvermögen des TÜV in Höhe von 4,2 Millionen Euro haben brasilianische Behörden bereits pfänden lassen.

Allein das summiert sich schon auf über 100 Millionen Euro, dürfte aber bei weitem noch nicht die ganze Wahrheit sein. Der TÜV habe wahrscheinlichkeitsgewichtete Szenarien entwickelt, um ein realistisches Belastungsszenario abzuschätzen, heißt es im Geschäftsbericht. Weitergehende Angaben zu den Schätzungen würden aber nicht gemacht, um mögliche Gerichtsverfahren und die Interessen des TÜV nicht zu beeinträchtigen.

Mit anderen Worten: Der TÜV verschweigt die ermittelten Risiken aus prozesstaktischen Gründen, um Klägern keinen Hinweis auf eventuelle Zahlungsbereitschaft zu geben.

Zudem sei eine Ermittlung auch nur von Bandbreiten für Haftungsrisiken aus möglichen Umweltschäden derzeit nicht möglich. Die bleiben also bislang komplett ausgeklammert. Beim Bruch eines anderen Damms 2015 in Brasilien ebenfalls mit Vale-Beteiligung sind am Ende vor allem auch wegen Umweltschäden mehrere Milliarden Euro an Entschädigung fällig geworden. Den Dammbruch von 2015 sieht der TÜV, der inzwischen die auf Krisenkommunikation spezialisierte Brunswick-Gruppe eingeschaltet hat, aber nicht als Präzedenzfall.

Insgesamt starben in der Brühe etwa 300 Menschen. Quelle: dpa

Zum Dammbruch im Januar 2019 hat es indessen gegen Vale in Brasilien bereits ein erstes Gerichtsurteil gegeben, das jedem einzelnen Familienmitglied der rund 300 Opfer eine Entschädigungssumme von umgerechnet 166 000 Euro zuspricht. Als Familienmitglied gelten Ehepartner, Kinder und auch Eltern Getöteter. Vale selbst hat umgerechnet gut vier Milliarden Euro für die Katastrophe zurückgestellt. Der Tüv Süd bestreitet, von Vale bereits mit einer Schadenersatzklage bedacht worden zu sein.

Der Prüfkonzern räumt ein, dass die tatsächlichen Belastungen aus dem Dammbruch von den vorläufigen Einschätzungen dazu im Geschäftsbericht abweichen können. Es gebe erhebliche Schätzungsunsicherheiten hinsichtlich Eintrittswahrscheinlichkeit, Fälligkeit und Höhe finanzieller Risiken. „Wir erachten weitere Klagen gegen den TÜV Süd als wahrscheinlich“, wird weiter eingeräumt. Klagen könnten neben geschädigten Privatpersonen und deren Familien insbesondere auch brasilianische Umweltbehörden und nichtstaatliche Organisationen. Zudem könnten sich Risiken aus Reputationsverlusten ergeben.

Letztere könnten sich vor allem dann einstellen, wenn der TÜV Süd seine brasilianischen Töchter Pleite gehen ließe, um ein eventuelles Durchschlagen von Schadenersatzforderungen auf den Mutterkonzern zu verhindern. Die Frage, ob ein solches Vorgehen notfalls erwogen werde oder aber ausgeschlossen ist, ließ der TÜV Süd unbeantwortet.

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Von RND/Thomas Magenheim