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Wirtschaft Deutsche Bank: Investmentbanking-Chef Ritchie tritt Ende Juli zurück
Nachrichten Wirtschaft Deutsche Bank: Investmentbanking-Chef Ritchie tritt Ende Juli zurück
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15:12 05.07.2019
Der Investmentbankchef der Deutschen Bank, Garth Ritchie, tritt Ende Juli zurück. Quelle: Arne Dedert/dpa
Frankfurt/Main

Die Deutsche Bank steht vor harten Einschnitten. Am Freitagnachmittag meldete das Institut den Abgang ihres Vizechefs Garth Ritchie, der auch Leiter des Investmentbankings war. Am Wochenende berät der Aufsichtsrat über ein umfangreiches Umbauprogramm mit massiven Stellenstreichungen. Wir erläutern, wie der Vorstandsvorsitzende Christian Sewing das Institut retten will.

Wie wird der Abgang von Ritchie begründet?

Die Deutsche Bank teilte mit, der bisherige Vize-Chef werde das Unternehmen „in gegenseitigem Einvernehmen“ verlassen. Ritchie wird mit den Worten zitiert, die Bank sei nun bereit, „für eine weitere Transformation – das ist der richtige Zeitpunkt für eine neue Führung“, die das Investmentbanking weiterentwickele. Sewing wird den Geschäftsbereich übernehmen. Der Abgang war von Beobachtern erwartet worden und wird als erster Schritt für den Großumbau gewertet.

Wie schlecht geht es der Deutschen Bank?

Einst gehörte die Deutsche Bank (DB) zu den ersten Zehn der Geldinstitute weltweit, war auf Augenhöhe US-Geldhäusern wie JP Morgan. Alexandra Annecke, Portfoliomanagerin bei Union Investment, wies kürzlich auf der DB-Hauptversammlung darauf hin, dass sie jetzt nur noch ein „Koloss auf tönernen Füßen“ sei. JP Morgan etwa mache mittlerweile 20mal mehr Gewinn und sei 20mal mehr wert. Der Börsenwert von Deutschlands größter privater Bank ist in den vergangenen fünf Jahren um als zwei Drittel zurück gegangen.

Was sind die Gründe für den Niedergang?

Es gibt vielfältige Ursachen. Im Kern geht es darum, dass die Bank nach der schweren Finanzkrise der Jahre 2009/2010 nicht schnell genug seine Investmentsparte, die für mehr als die Hälfte der Erträge steht, umbaute. Kosten wurden nicht schnell genug gesenkt – da spielen exorbitante Gehälter der Investmentbanker eine wichtige Rolle. Außerdem wurde es versäumt, funktionsfähige Steuerungs- und Kontrollinstanzen zu schaffen.

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Die Folge war unter anderem, dass das Institut in beinahe alle größeren Bankenskandale weltweit verwickelt war, was dem Finanzkonzern allein schon 17 Milliarden Dollar kostete. Missmanagement gab es aber auch bei der (Nicht-)Integration der Postbank. Statt der neues Geschäftsmodell zu entwickeln, habe man einfach wie zuvor weiter gemacht, so der Bankenexperte Wolfgang Gerke. Zudem wurde unter anderem der Aufbau einer modernen IT-Infrastruktur verschlafen.

Wer trägt die Schuld an ein den gravierenden Fehlern?

Mehrere Vorstandsvorsitzende wurden in den vergangenen Jahren verschlissen, alle wagten sich nicht konsequent genug an die Großbaustelle Investmentbanking heran, das nach Einschätzung vieler Experten seit Jahren rote Zahlen schreibt – genau Daten gibt es dazu nicht, da die Zahlen des Investmentbankings nicht separat ausgewiesen werden. Massive Kritik gibt es auch an Aufsichtsratschef Paul Achleitner, der seit 2012 im Amt ist. Seither geht es mit der Bank bergab. Er hat mehrere gescheiterte Umbauversuche zu verantworten. Unter anderem sollen Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank seine Ablösung nahegelegt haben.

Wie soll die Bank nun gerettet werden?

Sewing, seit gut einem Jahr Vorstandschef, plant nun einen Radikalumbau, der über frühere Umstrukturierungen weit hinaus geht. Im Zentrum steht die Zerschlagung und die Verkleinerung des Investmentbankings, für das bislang Ritchie zuständig war. Zwischen 15.000 und 20.000 Stellen von insgesamt 91.500 Arbeitsplätzen sollen wohl im Laufe mehrerer Jahre gestrichen werden. Sewing hat mehrfach schon massive Einschnitte beim Personal angedeutet. Die Bank hat außer Ritchies Ausscheiden bislang noch keinerlei Details genannt. Noch nicht einmal das Treffen des Aufsichtsrats am Sonntag wird bestätigt.

Welche Bereiche wird es treffen?

Übereinstimmenden Medienberichten zufolge soll es insbesondere den Aktienhandel in den USA und den Handel mit Anleihen und anderen Zinspapieren außerhalb Europas treffen. Auch will Sewing nach Informationen aus Konzernkreisen die längst überfällige Integration der Postbank angehen, das allein könnte rund 2000 Stellen kosten. Harte Verhandlungen mit Betriebsräten stehen bevor. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg vermutet, dass Abfindungen von bis zu fünf Milliarden Euro fällig werden könnten.

Wird es weitere Veränderungen in der Führungsspitze geben?

Es kursieren Vermutungen, dass neben Ritchie auch die Ablösung von Rechtsvorständin Sylvie Matherat bevor steht – ihr wird vorgeworfen, bei diversen Verfehlungen von Investmentbankern nicht hart genug durchgegriffen zu haben. Auch deshalb schaut ein Sonderbeauftragter der Aufsichtsbehörde Bafin den Deutschbänkern in puncto Geldwäsche genau auf die Finger.

Wie soll das neue Geschäftsmodell der Deutschen Bank aussehen?

Laut Bloomberg läuft es auf zwei neue Standbeine heraus. Einerseits auf eine Sparte, die global agierende Unternehmen beim Finanzmanagement umfänglich betreut. In dieser Abteilung sollen auch die Fachleute angesiedelt werden, die Geld-Transaktionen im großen Stil für viele andere Banken abwickeln. Sie wurden von Sewing auf der Hauptversammlung ausdrücklich gelobt. Ausgebaut werden soll auch die Vermögensverwaltung für wohlhabende Privatleute. Geschäftsfelder die heruntergefahren werden, sollen offenbar in eine eigene Organisation - eine Bad Bank - ausgegliedert werden.

Kann die Deutsche Bank pleitegehen?

Die Gefahr ist zwar nicht unmittelbar gegeben. Aber viele Experten warnen vor einer weiteren Auszehrung. Der Niedergang könnte sich in Anbetracht der forcierten Digitalisierung beschleunigen. Die Folgen wären wohl auch für den Steuerzahler verheerend. Die Deutsche Bank gilt als systemrelevant, sie könnte aufgrund ihrer Verzahnung mit anderen Kreditinstituten einen Dominoeffekt in der Branche auslösen. Deshalb müsste es im Falle eines Falles eine Art staatlicher Rettungsaktion geben.

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Von RND/Frank-Thomas Wenzel