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Wirtschaft HSH-Banker vor Gericht
Nachrichten Wirtschaft HSH-Banker vor Gericht
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09:16 18.07.2013
Foto: Wegen Untreue müssen sich ab kommender Woche sechs Vorstandsmitglieder der HSH Nordbank in Hamburg vor Gericht verantworten.
Wegen Untreue müssen sich ab kommender Woche sechs Vorstandsmitglieder der HSH Nordbank in Hamburg vor Gericht verantworten. Quelle: dpa
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Hamburg

Sechs Männer treten am Mittwoch (24.7.) in Hamburg vor ihre Richter. Vor fünfeinhalb Jahren bildeten sie den Vorstand der HSH Nordbank, waren mächtig und angesehen, disponierten über Millionen und Milliarden. Jetzt sind sie angeklagt wegen Untreue in einem besonders schweren Fall und müssen sich verantworten für einen Schaden im dreistelligen Millionenbereich, den sie schuldhaft verursacht haben sollen. Werden sie verurteilt, drohen ihnen Strafen bis zu zehn Jahren Haft. Alle sechs weisen den Vorwurf zurück und betonen, ihre Pflichten als Vorstände gewissenhaft erfüllt zu haben. Das Gericht wird monatelang verhandeln, ehe ein Urteil fällt. Mehr als 40 Prozesstermine bis in den Januar sind schon festgelegt.

Der prominenteste Angeklagte heißt Dirk Jens Nonnenmacher. Er stand vom November 2008 bis März 2011 an der Spitze der HSH Nordbank und polarisierte die Öffentlichkeit wie kaum ein zweiter Banker. Der Mathe-Professor stand in der Kritik, weil er auf vereinbarten Bonuszahlungen bestand und eine Abfindung in Millionenhöhe kassierte. In seiner Amtszeit verstrickte sich die Bank in eine Reihe von Affären. Ein Vorstand wurde zu Unrecht entlassen, ein anderer hoher Mitarbeiter in New York mit falschen Kinderporno-Vorwürfen konfrontiert.

Die Angeklagten

Hans Berger (63) war im Dezember 2007, als das „Omega 55“-Geschäft beschlossen wurde, Vorstandsvorsitzender der HSH Nordbank. Er gehörte bereits seit 1996 dem Vorstand eines der beiden Vorgängerinstitute an, der Landesbank Schleswig-Holstein, zuletzt als Vorsitzender. Berger trat im November 2008 zurück, weil der Vorstand die Intensität und Dauer der Finanzkrise sowie die Risiken für die Ertragslage der Bank nicht hinreichend vorhergesehen habe.

Peter Rieck (60) war als stellvertretender Vorsitzender des Vorstands unter anderem zuständig für die Bereiche Schifffahrt, Transport, Immobilienkunden und die Niederlassungen in Amerika und Asien. Er arbeitete zunächst bei der Landesbank in Kiel und der Investitionsbank Schleswig-Holstein, wurde aber schon 1998 Vorstand der Hamburgischen Landesbank. Rieck wurde im Dezember 2009 vom Aufsichtsrat abberufen.

Jochen Friedrich (49) gehörte im Dezember 2007 dem HSH-Vorstand seit einem halben Jahr an. Er hatte zuvor für JP Morgan und die DZ Bank gearbeitet. Bei der HSH Nordbank war er zuständig für das Investmentmanagement und den Kapitalmarkt sowie die Niederlassung London, die bei dem Verfahren eine besondere Rolle spielt. Friedrich wurde gemeinsam mit Rieck im Dezember 2009 vom Aufsichtsrat entlassen. Er ist - ebenso wie Nonnenmacher - nicht nur wegen schwerer Untreue angeklagt, sondern auch wegen Bilanzfälschung.

Dirk Jens Nonnenmacher (50) gehörte dem Vorstand der HSH Nordbank erst seit Oktober 2007 an. Er war als Mathematiker wissenschaftlich sowie operativ in verschiedenen Positionen der Finanzindustrie tätig, zuvor bei der Dresdner Bank und der DZ Bank. Nonnenmacher sollte als Vorstand für Finanzen und Steuern den geplanten Börsengang der HSH Nordbank vorbereiten. Im November 2008 wurde er als Nachfolger von Berger Vorstandschef. In seiner Amtszeit stabilisierte sich die Bank wirtschaftlich, wurde aber immer wieder von Affären und Skandalen erschüttert. Nonnenmacher musste die Bank im März 2011 auf Druck der Anteilseigner verlassen und erhielt eine Abfindung in Millionenhöhe, die er bei einer rechtskräftigen Verurteilung zurückzahlen muss.

Hartmut Strauß (64) war für das Risikomanagement der Bank zuständig. Er hat sein Berufsleben bei der Hamburgischen Landesbank verbracht, in deren Vorstand er 2001 aufrückte. Strauß schied im Juni 2008 auf eigenen Wunsch und aus persönlichen Gründen aus dem Vorstand der HSH Nordbank aus. Der Vorstand erklärte zum Abschied von Strauß, er habe sich bleibende Verdienste um die Bank erworben. Inzwischen macht die Bank gegen Strauß Schadensersatzansprüche geltend, ebenso gegen Rieck und Friedrich.

Bernhard Visker (46) arbeitete rund 25 Jahre bei der Hamburgischen Landesbank und der HSH Nordbank und war Vorstand seit Januar 2007. Er war verantwortlich für Firmen- und Immobilienkunden, Private Banking und Sparkassen. Visker überstand als einziger Vorstand die Stürme der Finanzkrise und schied erst Ende August 2011 „im besten Einvernehmen“ aus dem Gremium aus. Er ist heute Geschäftsführer der Immobilienfirma ABG in München.

Am Ende musste Nonnenmacher auf Druck der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein gehen, obwohl Aufsichtsratschef Hilmar Kopper lange an ihm festhielt. In seiner Zeit als Vorstandschef konnte er die Bank wirtschaftlich stabilisieren. „Ohne Nonnenmacher würde es die HSH Nordbank wohl heute nicht mehr geben“, sagt ein Spitzenmann aus der Hamburger Schifffahrtsszene.

Vor Gericht ist der ehemalige Vorstand mit dem Kürzel „Dr. No“ einer von sechs. Angeklagt ist der gesamte Vorstand für ein riskantes Geschäft aus dem Dezember 2007, als Nonnenmacher öffentlich noch unbekannt war und dem Gremium erst einige Wochen angehörte. Er rückte erst ein knappes Jahr später an die Spitze der Bank, als die Finanzkrise auf ihren Höhepunkt zusteuerte und riesige Verluste das Institut fast in den Abgrund gerissen hätten. Die Länder retteten die HSH Nordbank vor der Pleite, die für Schleswig-Holstein und Hamburg ein Desaster bedeutet hätte.

Vorstandschef war damals Hans Berger, ein Landesbanker aus Kiel. Er trägt - ebenso wie die langjährigen Vorstände Peter Rieck und Hartmut Strauß - weit mehr Verantwortung für die Geschäftspolitik der HSH Nordbank in den Jahren vor der Finanzkrise. Die Bank pumpte sich voll mit günstiger Liquidität, so lange noch die Länder für die Bank hafteten. Das Geld wurde dann zum Teil nicht in das klassische Kreditgeschäft investiert, sondern in neuartige Finanzprodukte, die hohe Zinsen abwarfen und sich später als hochriskant und verlustreich erwiesen.

Nachdem die Bank schon einige Jahre auf diesem Weg vorangeschritten war, billigten die Vorstände im Umlaufverfahren und ohne große Debatte das angeklagte Geschäft „Omega 55“. Damit gingen sie ein Risiko von mindestens 400 Millionen Euro ein. „Das konnte nur passieren, weil die Kultur der Bank zu diesem Zeitpunkt das zuließ“, heißt es aus Kreisen des Aufsichtsrats. Soll heißen: Bei der Bank waren in der heraufziehenden Finanzkrise die ohnehin lockeren Sicherungen gänzlich durchgebrannt. Das Risikomanagement lag am Boden. Die regionale norddeutsche Bank drehte ein viel zu großes Rad.

Das Urteil wird über die Grenzen Norddeutschlands hinaus mit Spannung erwartet. Der Hamburger Anwalt Gerhard Strate, der mit einer Strafanzeige das Verfahren ins Rollen brachte, ist der Meinung, dass der Vorstand die hohen Risiken gar nicht hätte eingehen dürfen und sich schon damit strafbar machte. Angeklagt ist jedoch, dass die Vorstände auf der Grundlage ihrer Unterlagen die Chancen und Risiken des Geschäfts gar nicht hätten abwägen können.

Nicht alle Experten rechnen mit einer Verurteilung der ehemaligen Vorstände. „Ich bezweifele, dass sich die Grenze zwischen einem riskanten Geschäft und strafbewehrter Untreue eindeutig ziehen lässt“, sagt ein Aufsichtsrat. In Strafverteidiger-Kreisen wird ohnehin kritisch gesehen, dass die Gerichte den Untreue-Paragrafen des Strafgesetzbuches teilweise widersprüchlich auslegen. Auch deshalb können mit dem Urteil wichtige Signale aus Hamburg ausgehen.

dpa

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