Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Wirtschaft Kann man Huawei trauen?
Nachrichten Wirtschaft Kann man Huawei trauen?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:23 05.04.2019
Huawei-Stand auf der Hannover Messe: Weltmarktführer für Mobilfunknetzwerke Quelle: Rainer_Droese
Anzeige
Hannover

Es dauert, bis die Vertreter von Huawei auf den Punkt kommen. Auf der Pressekonferenz des chinesischen Konzerns auf der Hannover Messe sprechen zuerst drei Manager über technische Details von 5G und künstlicher Intelligenz. Erst danach folgt Klartext: „Die Anschuldigungen der US-Seite ergeben keinen Sinn“, sagt Huawei-Sprecher Patrick Berger. Man müsse im Hinterkopf behalten, dass die USA zurzeit einen Handelskonflikt mit China ausfechten. Auch „geopolitische Gründe“ spielten wohl eine Rolle.

Huawei ist zurzeit das umstrittenste Unternehmen der Welt: Die USA führen einen beispiellosen Feldzug gegen den Technik-Giganten aus Shenzhen. Sie werfen ihm nicht nur Spionage vor, sie verlangen auch von Deutschland und weiteren Ländern, ihn zu boykottieren. Huawei hingegen sieht sich als Opfer. Die US-Regierung habe die Spionage-Story erfunden, um im Handelsstreit den Druck zu erhöhen und den Aufstieg der Wirtschaftsmacht China zu bremsen. Aussage steht gegen Aussage.

Anzeige

Auch für Deutschland steht dabei viel auf dem Spiel. Huawei beliefert als größter Netzwerkausrüster der Welt seit Langem auch die großen deutschen Mobilfunkbetreiber. Wenn jemand heute in der Bundesrepublik mit dem Handy telefoniert oder surft, fließen die Daten mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Basisstationen von Huawei. In Zukunft dürfte der Konzern noch wichtiger werden: Bald soll der Ausbau des 5G-Netzes beginnen. Huawei liefert die dafür nötige Technik nach Meinung vieler Experten schneller und günstiger als die Konkurrenz.

Festnahme in Kanada

Die USA verdächtigen das Unternehmen schon seit Langem der Spionage. Im August 2018 eskaliert der Streit: Donald Trump unterzeichnet ein Gesetz, das es US-Behörden weitgehend verbietet, Produkte des Herstellers einzusetzen. Anfang Dezember lassen die USA die Huawei-Managerin und Tochter des Gründers Ren Zhengfei, Meng Wanzhou, in Kanada festnehmen. „Als sie verhaftet wurde, ist mir das Herz gebrochen“, sagt Zhengfei, sichtlich aufgewühlt.

Die USA werfen Wanzhou vor, US-Behörden über Huawei-Geschäfte im Iran getäuscht zu haben. Im einem zweiten Fall geht es um Industriespionage. Die USA behaupten dabei unter anderem, Huawei habe einen von der US-Tochter der Deutschen Telekom entwickelten Roboter für Smartphone-Tests gestohlen.

Netzwerktechnik und Smartphones: Das ist Huawei

Huawei ist im Rekordtempo zu einem der größten Technik-Konzerne der Welt aufgestiegen. Der chinesische Geschäftsmann und Ex-Armeetechniker Ren Zhengfei gründete das Unternehmen 1987 in Shenzhen – laut „Handelsblatt“ mit einem Startkapital von nur rund 3000 Euro. Zuerst importierte Huawei lediglich Produkte aus Hong Kong. Erst ein paar Jahre nach der Gründung wurden die ersten eigenen Ingenieure und Entwickler eingestellt, und der rasante Aufstieg begann.

Mittlerweile hat der Konzern 180.000 Mitarbeiter, macht über 80 Milliarden Euro Jahresumsatz und dominiert den Markt für Mobilfunktechnik – wie Basisstationen und Router – vor Nokia, Ericsson, ZTE und Cisco. Außerdem ist er seit Kurzem der zweitgrößte Smartphone-Hersteller der Welt, hinter Samsung und vor Apple. 2017 meldete er mehr Patente an als jedes andere Unternehmen.

Er betont, dass er nur seinem Gründer und seinen Mitarbeitern gehört. Man sei deshalb alles andere als ein Instrument der chinesischen Regierung. Kritiker aus dem Westen verweisen jedoch auf die Allmacht der Kommunistischen Partei in China: Selbst wenn Huawei nicht spionieren wolle, könne die Regierung den Konzern notfalls dazu zwingen, glauben sie.

Seit Kurzem setzt die Trump-Regierung auch andere Staaten unter Druck. „Chinesische Gesetze verpflichten Huawei, dem großen Sicherheitsapparat Zugang zu allen Daten zu gewähren, die mit ihren Netzwerken oder ihrer Ausrüstung in Berührung kommen“, sagt Vizepräsident Mike Pence im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Kurz darauf droht der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, den geheimdienstlichen Austausch zu reduzieren, sollte die Bundesregierung Huawei am Aufbau des 5G-Netzes beteiligen.

Beweise fehlen

Beweise für ihre These vom trojanischen Pferd Huawei haben die USA allerdings nicht vorgelegt. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Schließlich hatte der Whistleblower Edward Snowden 2013 aufgedeckt, dass der US-Geheimdienst NSA vielfach Datenzentren und Technik von US-Firmen angezapft hat.

Bei der Bundesregierung haben die USA sich jedenfalls nicht durchgesetzt. „Ich bin dagegen, dass wir einfach per Definition jemand ausschließen“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntagabend bei der Eröffnung der Hannover Messe. Wichtig sei, dass alle Firmen dieselben Standards erfüllen.

Die Bundesnetzagentur und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) arbeiten bereits an solchen Standards für 5G. Man werde sicherstellen „dass die Vertraulichkeit, Integrität und insbesondere die Verfügbarkeit der Kommunikation gewährleistet sind“, teilt das BSI dazu mit. Man achte auf den „wirksamer Verschlüsselung sowie die Schaffung ausreichender Redundanzen“ – Mobilfunkbetreiber dürfen sich also nicht allein auf Huawei verlassen.

„Teufel oder Beelzebub“

Reicht das? Oder ist Deutschland naiv? „Standards sind eine gute Sache – Sicherheit garantieren können sie jedoch nicht“, sagt Jürgen Schmidt, Chefredakteur des Fachdienstes heise security. Die Geschichte der IT-Sicherheit zeige, dass sich Daten eigentlich immer irgendwie stehlen lassen. Die Frage sei, ob der zu betreibende Aufwand realistisch ist oder ob es nicht einfachere Wege gibt.

Ein Ausschluss von Huawei sei jedoch auch keine gute Lösung, meint der Sicherheitsexperte. Schließlich seien in Produkten der US-Anbieter Cisco und Juniper bereits Hintertüren nachgewiesen worden. Ausreichende Alternativen von europäischen Anbietern gebe es auch nicht. „Deutschland beziehungsweise Europa hat also letztlich nur die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub und muss das Beste aus dieser Situation machen.“ Bei aller Kritik an den USA müsse man jedoch auch bedenken, dass Huawei als chinesischer Konzern „nicht nur den Gesetzen und sondern auch der Willkür einer Diktatur unterworfen ist“.

Von Christian Wölbert