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Nachrichten Wirtschaft Für Abfindungen fehlt das Geld
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18:29 20.10.2009
Die Lichter gehen aus: Bei Karmann werden wieder Menschen entlassen.
Die Lichter gehen aus: Bei Karmann werden wieder Menschen entlassen. Quelle: ddp (Archiv)
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Rund 800 Mitarbeiter werden bei dem Traditionsunternehmen diesmal ihren Job verlieren. Das hatte vergangene Woche Insolvenzverwalter Ottmar Hermann verkündet. Die Agentur für Arbeit hat bereits eine Projektgruppe eingerichtet.

„Die Leute sollen hier Ansprechpartner finden und ihr Geld pünktlich bekommen, ohne lange in der Schlange stehen zu müssen“, erklärte am Dienstag Pressesprecher Klaus-Dieter Voß. In dem Gebäude der Agentur wird dafür eigens ein Flur frei geräumt, in dem die ehemaligen Karmänner ungestört durch den Alltagsbetrieb betreut werden können.

Im Unternehmen selbst laufen derweil die Gespräche zwischen Insolvenzverwalter und Betriebsrat. „Wir wollen sehen, dass wir noch eine Sozialauswahl hin bekommen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats, Gerhard Schrader. Das Alter der betroffenen Karmänner, die Situation in der Familie und die jeweilige Dauer der Betriebszugehörigkeit sollen darüber mitentscheiden, wer seine Arbeit diesmal verliert. Noch vor Monatsende will Insolvenzverwalter Hermann die gefürchteten Kündigungsbriefe verteilen lassen.

Vor den Werkstoren bläst der Wind einige Herbstblätter über den riesigen Parkplatz. Die wenigen Autos brauchen nicht mal mehr ein Viertel der Stellfläche. Karmann hat einen dramatischen Schrumpfungsprozess hinter sich. Und niemand weiß wirklich, ob dies nun die letzte Kündigungswelle ist. „Seit 2004 verhandeln wir jetzt über den elften Interessensausgleich bei Entlassungen“, sagt Betriebsrat Schrader. Abfindungen oder eine Transfergesellschaft wird es diesmal nicht geben. Dafür fehlt das Geld. 1600 Leute arbeiten derzeit bei Karmann – noch. Damals vor fünf Jahren waren es immerhin rund 7000 Karmänner. „In den leeren Hallen kann man langsam Angst bekommen“, erzählt Schrader.

„Das Zeitfenster für Karmann schließt sich immer mehr“, sagt Pietro Nuvoloni, Sprecher des Insolvenzverwalters. Deutschlands große Autobauer geben einfach keine neuen Aufträge mehr an das Unternehmen – und das seit Jahren. Lediglich VW hatte jüngst einen Entwicklungsauftrag für die Ingenieure in Osnabrück übrig. Gleichzeitig versäumen es andere Kunden, die Rechnungen pünktlich zu zahlen. Gelder im zweistelligen Millionenbereich sollen deshalb in der Kasse von Karmann fehlen. „Wir haben eine extrem angespannte Liquidität“, erklärt Nuvoloni die Lage.

Und dann sind da noch die alten Eigentümer der legendären Autoschmiede, die Familie Karmann mit ihren Nebenzweigen. Sie wollen ihren Anteil bekommen bei möglichen Verkäufen von Unternehmensteilen wie dem noch gut ausgelasteten Bereich für Cabriodächer zum Beispiel. Schließlich gehören das mehrere Hektar große Werksgelände und viele der Maschinen immer noch einer eigenen Eigentümergesellschaft, die nicht von der Insolvenz betroffen ist. Eine Situation, die es dem Insolvenzverwalter nicht leichter macht, die erhofften Investoren für Karmann zu finden.

von Bernhard Remmers