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00:19 28.02.2019
Flüchtling in der Ausbildung: Eine neue Grundsatzregel für ein dauerhaftes Bleiberecht ist in Sichtweite Quelle: dpa
Hannover

Karim A. ist eigentlich der perfekte Facharbeiter. Der 23-jährige Afghane hat die Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer abgeschlossen, spricht gut Deutsch, ist motiviert. Bei der Artemis Kautschuk- und Kunststoff-Technik GmbH in Hannover-Misburg bedient er Spritzgießautomaten, kontrolliert die Qualität der Werkstücke, optimiert Druck und Temperatur der Maschine mit einer komplexen Software. „Er ist ein freundlicher, zuverlässiger Mitarbeiter“, sagt Alexander Walter, Personalchef der Jäger-Gruppe, zu der Artemis gehört.

A. hat als Mitarbeiter nur einen gravierenden Nachteil: Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er ist deshalb in Deutschland nur geduldet und könnte abgeschoben werden. In seiner Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge berichtete er, die Taliban hätten ihn bedroht und geschlagen. Deswegen will A. sich heute auch nicht fotografieren lassen, sein echter Name soll nicht in der Zeitung stehen. Doch aus Sicht der Asylbehörde spielt die Verfolgung keine Rolle: A. sei in anderen Landesteilen sicher. „Als interne Fluchtalternative steht die afghanische Stadt Kabul zur Verfügung“, heißt es im Ablehnungsbescheid.

Im Betrieb abgeholt und abgeschoben

Die Jäger-Gruppe ist nur eines von vielen Unternehmen, die fürchten, Mitarbeiter durch Abschiebung zu verlieren. Während der Ausbildung und in den folgenden zwei Jahren sind Flüchtlinge zwar geschützt. Davor und danach kann aber theoretisch alles passieren. „Die Rechtsunsicherheit ist ein Riesenproblem“, heißt es beim Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall. Auch bei den Handwerkskammern melden sich immer wieder Betriebe, die fürchten, ihre gerade erst gefundenen Nachwuchskräfte wieder zu verlieren.

Kai Weber vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat berichtet, dass in Niedersachsen in den letzten Jahren immer wieder Flüchtlinge im Betrieb oder auf dem Weg zur Arbeit abgeholt und abgeschoben wurden. Nach Afghanistan wolle die Landesregierung zurzeit aber nur Straftäter abschieben – ganz akut drohe A. also vermutlich keine Gefahr.

Jäger-Personalleiter Walter wirkt trotzdem aufgebracht, wenn er über das Thema spricht. Unternehmen benötigten Rechtssicherheit, betont er. Die Einschätzungen zur Sicherheit von Herkunftsländern könnten sich aber ständig ändern. Und selbst Dubai schiebe Ausländer erst dann ab, wenn diese ihre Arbeit verlieren – und nicht aus dem laufenden Arbeitsvertrag heraus. „Es geht um eine grundsätzliche Regel, mit der wir unsere Beschäftigten behalten können“, betont der Personalchef.

Vier von vier Flüchtlingen haben die Ausbildung geschafft

Wie für viele Industriebetriebe ist es auch für die Jäger-Gruppe nicht einfach, motivierte Auszubildende zu finden. Seit einigen Jahren geht das Unternehmen deshalb gezielt auf Flüchtlinge zu, bietet ihnen Praktika an, unterrichtet sie parallel zur Berufsschule im Betrieb. „Wir machen das nicht zum Spaß. Wir müssen unser Nachwuchsproblem lösen“, betont Walter. Bislang geht die Strategie auf: 2015 und 2016 bildete die Jäger-Gruppe vier Flüchtlinge aus – alle vier wurden danach übernommen, darunter A.

Umso ärgerlicher ist es aus Walters Sicht, wenn Mitarbeiter von den Behörden zurück in ihre Heimat geschickt werden. Vor einigen Jahren ist das bei der Jäger-Gruppe schon passiert: Ein Fachlagerist wurde nach Angola abgeschoben. Er schaffte es irgendwie wieder zurück nach Deutschland, nun arbeitet er wieder in Hannover bei Jäger.

Immerhin: Die Politik hat das Problem erkannt. Die SPD erhöhte im Herbst den Druck auf die CDU, abgelehnten, aber gut integrierten Asylbewerbern ein Bleiberecht zu geben. Mittlerweile gibt es einen Gesetzentwurf für diesen „Spurwechsel“, mit einer Reihe von Kriterien. Geduldete, die seit eineinhalb Jahren mindestens 35 Stunden pro Woche sozialversicherungspflichtig arbeiten und gut Deutsch sprechen, sollen zunächst 30 Monate vor Abschiebung sicher sein. Anschließend sollen sie ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten.

Doch um viele Details wird noch gestritten werden. Die CDU befürchtet, dass der „Spurwechsel“ mehr Menschen dazu verleitet, in Deutschland Asylanträge zu stellen, auch wenn sie nicht verfolgt werden, sondern arbeiten wollen. Und vor 2020 dürfte das Gesetz kaum in Kraft treten.

Von Christian Wölbert

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