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Wirtschaft Edle Mountainbikes aus der Provinz
Nachrichten Wirtschaft Edle Mountainbikes aus der Provinz
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09:51 17.06.2015
Von Heiko Randermann
Foto: „Konstruieren ist meine Passion. Das ist keine Arbeit, sondern ein Vergnügen“: Firmenchef Kalle Nicolai präsentiert eines seiner Fahrräder.
„Konstruieren ist meine Passion. Das ist keine Arbeit, sondern ein Vergnügen“: Firmenchef Kalle Nicolai präsentiert eines seiner Fahrräder. Quelle: Rainer Surrey
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Lübbrechtsen

Manchmal kann Kalle Nicolai noch über seinen Erfolg staunen: Vor einigen Jahren war er in Taiwan unterwegs, „und in Taipeh, in der Fußgängerzone, hatte einer ein T-Shirt mit unserem Firmenlogo an“. Den 47-Jährigen freut es: „Wir haben uns einen Namen gemacht, weltweit.“ Das Logo seiner Firma Nicolai-Bikes ist unter Mountainbike-Fans zu einer globalen Marke geworden. Der Ursprung jedes der Edel-Räder und Hauptsitz von Nicolai-Bikes findet sich aber auf dem Dorf – in einem umgebauten Bauernhof in Lübbrechtsen im Kreis Hildesheim.

 Gegenüber dem Kirchturm liegt Nicolais Hofeinfahrt, ein paar Meter die Straße runter beginnen die Felder. Die Manufaktur ist nach und nach in das alte Bauernhaus eingebaut worden. Über schmale Stiegen geht es auf einen ehemaligen Schober, in dem sich jetzt die Vertriebszentrale befindet. Hinter einem Scheunentor stehen moderne Maschinen zur Aluminiumverarbeitung. „Von außen 18.?Jahrhundert, von innen 21.?Jahrhundert“, sagt Nicolai. Er ist in der Gegend aufgewachsen und fühlt sich hier wohl. Und bei seinen Geschäften auf dem weltweiten Markt hat ihn die Abgeschiedenheit nie behindert. „Ich lebe zwar auf dem Dorf, aber ich habe immer schon international gedacht. Sonst hätte ich das nicht machen können.“

Schon der Anfang war international, 1991 arbeitete Nicolai während seines Ingenieurstudiums an der Technischen Universität Braunschweig im kalifornischen Laguna Beach beim Zweiradspezialisten „A&P Research“. Der Motorradfan baute zum ersten Mal Moutain-bikes und war beeindruckt vom amerikanischen Unternehmertum: „Wenn du eine gute Idee hast, leg’ heute los.“ Zurück in Deutschland konstruierte er weiter Mountainbike-Rahmen für US-Unternehmen, um sich sein Studium zu finanzieren. „Konstruieren ist meine Passion. Das ist keine Arbeit, sondern ein Vergnügen“, sagt Nicolai. Die Tüftelei zahlte sich aus.

Sein letzter Nebenjob im Studium 1994 war ein gefederter Rahmen für den amerikanischen Hersteller Mongoose. „Der hatte einen speziellen Stoßdämpfer, der bügelte alle Unebenheiten platt, und man konnte super Rundenzeiten fahren“, sagt Nicolai. Das Mongoose-Team gewann mit dem Bike auf Anhieb eine US-Meisterschaft und einen WM-Titel. „Das war mein Ritterschlag“, sagt Nicolai. Es folgte ein Riesenauftrag: Für Mongoose sollte er 1000 Mountainbikes bauen. Nicolai beauftragte Subunternehmen mit der Fertigung der einzelnen Teile – und ging baden. Die Qualität der gelieferten Teile stimmte nicht. Den Auftrag hat er dennoch erledigt, indem er mit zwei Freunden in der Doppelgarage die Räder selbst zusammenschweißte. Das Trio wurde dann zum Kern von Nicolai-Bikes.

„Wir haben uns gesagt, es ist doch Unsinn, für andere zu bauen. Wir können selber die besten Bikes der Welt konstruieren und bauen – warum kleben wir nicht unseren eigenen Namen drauf?“ Mittlerweile beschäftigt Nicolai-Bikes 30 Mitarbeiter, die maßgefertigte Fahrräder herstellen. „Was wir machen, ist wie der handgenähte Maßanzug oder die handgemachte Uhr“, erklärt Nicolai. Es wird kein Rad auf Lager, sondern nur auf Anfrage produziert. Vor jedem Auftrag gehen in der Regel ein Dutzend E-Mails hin und her, bis alle Kundenwünsche besprochen sind. Entsprechend hoch sind die Preise: Zwischen 3000 und 6000 Euro kostet in der Regel ein Fahrrad von Nicolai. Etwa 1500 werden jährlich in der Manufaktur gefertigt. Daneben gehört das Tüfteln weiter zu Nicolais Geschäftsmodell.

Auch an der Entwicklung des Smart-E-Bikes von Daimler war die Firma nach eigenen Angaben beteiligt. In diesem Jahr soll das „Heisenberg E-Bike“ auf den Markt gebracht werden, eine Kooperation mit zwei Freunden. Einen Masterplan gebe es nicht, sagt der Firmenchef. „Wir segeln immer nur auf Sicht.“ Der Standort solle aber bleiben. „Es gibt keinen Grund, dass das, was wir tun, nicht in einer Dorfstruktur funktionieren kann.“ Und nicht zuletzt sehe man sich auch als ein Teil der Ortsgemeinschaft. Da wird dann auch mal der zerbrochene Düngerstreuer vom benachbarten Bauernhof geschweißt, „im Rahmen der Nachbarschaftshilfe“.