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19:19 01.06.2009
Von Gabriele Schulte
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Ein „alter Fuchs“: Wolfgang Scholze fährt seit Jahrzehnten für Wandt – wie zuvor schon sein Vater. Quelle: Jens Krone
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Auch der Teddy hat seinen Stammplatz verloren. Das namenlose, kindgroße Plüschtier auf dem Beifahrersitz ist „Schmollis“ ständiger Begleiter. „Den stört nicht, wenn ich im Lkw rauche“, sagt Wolfgang Scholze, schnippt etwas Asche aus dem halb geöffneten Fenster und lacht. Den Namen Schmolli, samt Blechschild im Fenster, hat er vom Vater geerbt, auch der war Jahrzehnte für die Spedition Wandt unterwegs. Den Teddy, ein Geschenk seiner Tochter, muss der 56-Jährige jetzt öfter mit nach Hause nehmen – in den Kurzarbeit-Wochen. Da die Braunschweiger Firma überflüssige Lastwagen an den Hersteller zurückgegeben hat, fährt seinen Sattelschlepper solange ein anderer. „Dann kriege ich den manchmal mit leerem Tank zurück, oder irgendwas ist kaputt“, sagt Scholze. Es ist nicht das größte Problem, aber den Mann mit dem grauen Lockenschopf stört es durchaus. Und es zeigt, dass im Moment das Gewohnte nicht mehr gilt.

Wenn es einen Wettstreit gäbe, wen die Wirtschaftskrise besonders hart trifft, könnten die Fuhrunternehmen mit einem Spitzenplatz rechnen. Adalbert Wandt ist in Niedersachsen ihr Verbandspräsident. Beim Braunschweiger Hafen direkt an der A 2 leitet der 60-Jährige mit seinem jüngeren Bruder Gerhard ein solches Unternehmen – 70 Jahre Familientradition. In Wandts Büro hängt neben nostalgischen Fahrzeugbildern der Meisterbrief seines Vaters, der ebenfalls Adalbert hieß. Er war ein Bäcker, der im Straßentransport eine Marktlücke erkannte und sich mit einem Ackergrundstück als Banksicherheit im Rücken den ersten Büssing-Lastwagen kaufte. Die Söhne sind MAN treu geblieben, hatten Ende vergangenen Jahres 65 Fahrzeuge. Die Angaben auf der Internetseite indes, unter anderem die Zahl von 140 Mitarbeitern, sind nicht mehr aktuell. „Wir mussten die Betriebsgröße anpassen“, sagt Adalbert Wandt. Der kleine Mann mit dem großen Fuhrpark will keinesfalls als einer gelten, der Pessimismus verbreitet. Doch es lässt sich nicht leugnen: Der Umsatz ist um mehr als ein Drittel eingebrochen. Die Krise fordert ihren Tribut. 30 Leute mussten die Wandts gehen lassen, solche mit ausgelaufenen Zeitverträgen, aber auch Nachwuchsfahrer nach ihrer Lehre. Dabei ist Adalbert Wandt auf die gute Ausbildung im Betrieb besonders stolz. „Wir hatten schon Landessieger dabei“, sagt er, „die besten Berufskraftfahrer Niedersachsens.“ Und jetzt dies.

Mehrere Schwierigkeiten treffen derzeit in der Branche zusammen: Als wenn die Wirtschaftskrise nicht schon schlimm genug wäre, traten Anfang des Jahres neue, viel höhere Mautgebühren auf Autobahnen in Kraft. „Die machen die Hälfte unseres Problems aus“, meint Verbandspräsident Wandt. Mautsteigerungen um bis zu 57 Prozent schlagen nicht zuletzt angesichts sehr vieler krisenbedingter Leerfahrten erheblich zu Buche. Bei diesem Thema zeigt sich Adalbert Wandt, der Optimist, etwas verbittert. „Die Logistik boomt“, heiße es im Bundesverkehrsministerium ungeachtet der Wirklichkeit weiter. Auf eine Rücknahme der drastischen Mauterhöhung lasse sich die Regierung nicht ein.

Wandt hat gute, zuverlässige Kunden. Auftraggeber MAN zum Beispiel lässt Teile nach Marokko verschiffen. „Reise 12, 13, 14“, murmelt Lageristin Viola Schüsseler-Oeft geschäftig vor sich hin. Doch auch sie, die Betriebsratsvorsitzende, muss seit März jeden Monat eine Woche Kurzarbeit einlegen. Da bei VW und etlichen anderen Firmen weniger produziert und weltweit viel weniger nachgefragt wird, ist für fast alle Speditionsbeschäftigten weniger zu tun. „Ich bin keine Alleinverdienerin, da ist es nicht so schlimm“, meint die 33-Jährige Lageristin aus Blankenburg. Einige Kollegen könnten aber nun ihre Kredite und Raten nicht mehr abzahlen. Sämtliche Mitarbeiter hätten trotzdem die Kurzarbeit sofort akzeptiert: „Ist doch besser, als entlassen zu werden.“

Am härtesten treffen die Einbußen die Fahrer. Deren Grundlohn ändert sich durch die Arbeitszeitverkürzung zwar nur wenig, erläutert Gehaltsbuchhalterin Manuela Hierse. So hat etwa ein Familienvater als Lkw-Fahrer in einem Monat mit Kurzarbeit dank der prompten Zuschüsse von der Arbeitsagentur statt der üblichen 1740 Euro netto immerhin noch 1625 Euro auf dem Konto. Doch schwer wiegt für viele der Wegfall sonst fest kalkulierter Zusatzposten: Überstunden, Schichtzulagen und Spesen. Der steuerfreie sogenannte Verpflegungsmehraufwand macht schon bei Fahrten in Deutschland 24 Euro pro Tag aus.

„Schmolli“ bringt in seiner wöchentlich wechselnden Früh- oder Spätschicht im Auftrag eines Großhändlers Elektrogeräte von Halle nach Braunschweig, von Magdeburg nach Hannover. Da ist es ein Leichtes, den Verpflegungsmehraufwand einzusparen und sich zu Hause schwarzen Kaffee in eine Kanne und Äpfel in den Bordkühlschrank zu packen. Von den Spesen, erzählt Wolfgang Scholze, habe er sich stets seine Zigaretten gekauft. Und die gehören nun mal zu seinem Fernfahreralltag wie der CB-Funk und die sich automatisch einschaltenden Verkehrshinweise von NDR 1.

Der Wandel hat auch gute Seiten. Auf bisher überfüllten Autobahnen und lärmbelasteten Landstraßen hat die geringere Zahl der Lastwagen Entspannung gebracht. Deutlich mache sich die mangelnde Wirtschaftskraft der Russen bemerkbar, sagt Adalbert Wandt und blickt aus seinem Bürofenster im ersten Stock Richtung Hafen. „Lastwagen von da haben bis vor Kurzem hier überall in den Seitenstraßen geparkt.“ Inzwischen sei ihre Zahl auf ein Zehntel gesunken.

Einige von Wandts Fahrern haben in der veränderten Lage erkannt, was noch für sie möglich ist – zum Beispiel als Mähdrescherfahrer. Drei von den Jüngeren haben seit Einführung der Kurzarbeit schon gekündigt. Und auch der Führungskräftenachwuchs sieht jetzt seine Chance. Aline und Anthony, Gerhard Wandts 31 und 28 Jahre alte Kinder, sehen hoffnungsvoll in die Zukunft. „Neuerungen lassen sich in Zeiten des Umbruchs besser durchsetzen“, meint Aline Wandt. Das gelte etwa für die Telematik, bei der Computerprogramme Fahrtstrecken und Arbeitszeit besser ausnutzen sollen. Mancher „alte Fuchs“ unter den Königen der Straße setzt bisher lieber auf Erfahrung.

Fahrer „Schmolli“ hat auch einen Sohn, der eine Lehrstelle sucht. Den Weg als Berufskraftfahrer will der Mann mit dem Plüschteddy dem Jungen nicht ans Herz legen. An der Krise der Branche liege es nicht. Es habe mit der Polizei zu tun. „Die wird immer pingeliger“, sagt Wolfgang Scholze und tritt kräftig aufs Gaspedal.

Adalbert Wandt ist stolz auf den Fuhrpark seines Braunschweiger Familienunternehmens. Doch immer häufiger müssen Lastwagen und Auflieger auf dem Betriebshof stehen bleiben, weil Aufträge fehlen.

01.06.2009
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