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Wirtschaft Die Apotheker wehren sich gegen jede Konkurrenz
Nachrichten Wirtschaft Die Apotheker wehren sich gegen jede Konkurrenz
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15:31 16.05.2009
Von Jens Heitmann
EuGH Stiftung Warentest Branchenverband ABDA Pharmazeuten Apotheken
Inhaberin Magdalena Linz (links) mit ihrer Mitarbeiterin Stephanie Lerch hinter dem Verkaufsraum Bestelllisten für Medikamente durch. Etwa 600 Arzneimittelpackungen werden in der Delphin-Apotheke täglich verkauft, die Hälfte davon ohne ärztliche Verordnung. Quelle: Chris Finn
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Abgelehnt hat sie Nachlässe auf Arzneimittel immer. Eine „Geiz-ist-geil-Mentalität“ werde ihrer Branche schaden, hatte die Präsidentin der Bundesapothekerkammer gewarnt. Doch seit der Aufhebung der Preisbindung für rezeptfreie Medikamente vor fünf Jahren suchen mehr und mehr Kollegen ihr Heil in der Flucht nach vorn: Sie tun sich in Einkaufsverbünden zusammen und bieten Schmerztabletten und Hustenmittel billiger an.

Als die Rabattschilder ihrer Apotheke in der hannoverschen Lister Meile immer näher kamen, knickte selbst Magdalene Linz ein und schloss sich einer Kooperation an – „aus Sorge um die Zukunft und meine Mitarbeiter“. Es wurde ein kurzes Intermezzo. „Verräterin“ war noch eine der milden Beschimpfungen aus dem Kollegenkreis für ihre oberste Repräsentantin; Linz zog sich enttäuscht zurück. „Es war ein Fehler; dort mitzumachen“, sagt sie heute. Nicht so sehr wegen der neidischen Konkurrenten, sondern eher, weil sie den Markt falsch eingeschätzt habe.

Damit steht die Apothekerin nicht allein. Als die Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente fiel, galt das als Auftakt für eine Liberalisierung der Branche. Schon Ende der neunziger Jahre hatte der damalige EU-Binnenmarktkommissar Mario Monti erklärt, dass nationale Zugangsbeschränkungen für Apotheken der in der EU üblichen Niederlassungsfreiheit entgegenstünden.

Im Januar 2008 schließlich leitete Brüssel ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland ein, weil hierzulande nur zugelassene Pharmazeuten maximal vier Apotheken besitzen dürfen. Am kommenden Dienstag entscheidet darüber der Europäische Gerichtshof (EuGH).

Gegen das sogenannte Fremd- und Mehrbesitzverbot ziehen Pharmagroßhändler wie Celesio (mit der Apothekenmarke DocMorris) oder Drogerien wie Schlecker und dm zu Felde. Sie zielen auf einen lukrativen Markt: Während die Umsätze im Einzelhandel im vergangenen Jahrzehnt durchschnittlich nur um ein Prozent wuchsen, legten Deutschlands Apotheken im Schnitt um 4,5 Prozent zu. Jeder elfte Euro, der im Einzelhandel ausgegeben wird, wandert in die Kasse von Arzneimittelverkäufern – insgesamt knapp 38 Milliarden Euro.
Die Geschäftsidee der Apotheker-Konkurrenz im Wartestand ist simpel: Sie wollen mit ihrer großen Nachfragemacht die Preise der Hersteller von nicht rezeptpflichtigen Medikamenten drücken, um Pillen und Säfte billiger anbieten zu können als die knapp 22.000 Apotheker und so die Branche aufzumischen. Insgesamt entfällt etwa ein Fünftel des Apotheken-Umsatzes auf Produkte, die keiner Preisbindung unterliegen.

Magdalene Linz wehrt sich gegen diese Begehrlichkeiten. „Arzneimittel sind keine Ware, sondern ein Gut.“ Eine Aktiengesellschaft wie DocMorris aber sei an der Maximierung des Gewinns orientiert und könne versucht sein, Medikamente zu verkaufen, die Kunden nicht brauchten. „Wer patientenorientiert beraten will, muss unabhängig sein“, sagt die Apotheker-Präsidentin. „Ich fühle mich als Heilberuf.“

Die Stiftung Warentest hat im vergangenen Jahr andere Erfahrungen gemacht. Bei Besuchen in 20 Apotheken wurden die Tester oft nicht über Nebenwirkungen von Medikamenten aufgeklärt. Viele Apotheken-Mitarbeiter konnten nicht einmal den Lichtschutzfaktor richtig erklären. In Stuttgart kamen Tester zuletzt zu dem Ergebnis, dass selbst Apotheker-Funktionäre verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept herausgeben, wenn Kunden ihren Wunsch mit einem glaubhaften Notfall begründen.

Die Kunden lassen sich davon nicht abschrecken. Nach einer Umfrage des Branchenverbandes ABDA gehen zwei von drei Deutschen bei gesundheitlichen Beschwerden zuerst in die Apotheke, vier Fünftel seien mit der Beratung zufrieden. Dieses Ergebnis deckt sich mit den Erfahrungen von Magdalene Linz. Seit der Übernahme der Apotheke in der List vor neun Jahren habe sie den Umsatz verdoppelt und die Mitarbeiterzahl auf 15 verdreifacht – „durch gute Beratung“. Laut einer Umfrage unter ihren eigenen Kunden rangiert deren Qualität neben Freundlichkeit und Ortsnähe an oberster Stelle. Das Preisniveau komme erst deutlich dahinter, berichtet Linz.

Die Gelassenheit der Apothekerin hat noch einen anderen Grund. EU-Generalanwalt Yves Bot hat das deutsche Verbot von Apotheken-Ketten mit Blick auf den Schutz des öffentlichen Gesundheitswesens als mit dem EU-Recht vereinbar erklärt – in der Regel folgen die EuGH-Richter seiner Empfehlung.