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Wirtschaft Bauern wollen weg von der Ferkel-Kastration
Nachrichten Wirtschaft Bauern wollen weg von der Ferkel-Kastration
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11:26 18.10.2019
ARCHIV - 21.08.2014, Mecklenburg-Vorpommern, Losten: Ferkel stehen in einer Box in einer Schweinezuchtanlage. Umwelt- und Agrarministerin Heinen-Esser (CDU) gibt am Dienstag eine Pressekonferenz zum Thema nachhaltiger Nutztierstrategie. Foto: Jens Büttner/zb/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Quelle: Jens Büttner/zb/dpa
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Münster/Roßdorf

Millionen männliche Ferkel in Deutschland erleben wenige Tage nach ihrer Geburt eine schmerzhafte Operation: Sie werden ohne Betäubung kastriert. Der von Tierschützern scharf kritisierte Eingriff ist aus Sicht der Bauern bisher nötig, weil das Fleisch einiger männlicher Schweine einen unangenehmen Geruch entwickelt, wenn die Tiere älter werden. Die Bauern suchen jedoch verstärkt nach Alternativen - weil die emotionale Debatte dem Image der Branche schadet und ein gesetzliches Verbot der betäubungslosen Eingriffe ab 2021 immer näher rückt.

Bei vielen Verbänden ist die Skepsis noch groß: Bisher gebe es keine befriedigende Lösung für den Ausstieg aus der Kastration, schrieben die nordwestdeutschen Sauenhalter vor kurzem in einem gemeinsamen Brief. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, gibt's uns in zehn Jahren nicht mehr", sagt der Geschäftsführer des größten deutschen Ferkelzuchtbetriebes LFD mit Sitz in Roßdorf (Jerichower Land), Jörn Göbert, der Deutschen Presse-Agentur. "Dann ist Deutschland in Europa bald nicht mehr konkurrenzfähig, und unser Fleisch kommt aus unbekannten ausländischen Kanälen."

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Immunbehandlung statt Kastration

Wie Göberts Betrieb wollen auch die Bauernverbände der großen Schweinezuchtländer wie Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam weg von der Kastration. Als "bessere Alternative" biete sich an, das Wachstum der Schweinehoden mit einer Immunbehandlung zu blockieren, so dass die Tiere bis zum Zeitpunkt der Schlachtung noch keinen Geruch entwickeln, sagte der Vize-Hauptgeschäftsführer des westfälisch-lippischen Bauernverbandes, Bernhard Schlindwein, in Münster.

Männliche Nutztiere: Geboren, um direkt wieder zu sterben

Das Fleisch dieser Tiere sei "aromatisch und nach Aussage von Vermarktern als Frischfleisch und für die Vermarktung geeignet". Daneben könne man Jungeber auch ohne Kastration mästen, übelriechende Tiere schlicht auszusortieren und in der Verarbeitung für andere Produkte verwenden.

Voraussetzung ist natürlich, dass die großen Lebensmittelkonzerne mitspielen, die das Fleisch abnehmen. Hier gebe es gute Signale aus der Industrie, sagt Schlindwein. So erklärte sich Kaufland - Teil der Lidl-Gruppe - Ende September bereit, das Fleisch immunbehandelter, also nicht kastrierter Schweine zu testen. Ähnliche Zusicherungen gebe es auch von Aldi und Rewe, sagt Schlindwein.

Großbetriebe statt kleiner Höfe

Die deutsche Schweinezucht schrumpft und konzentriert sich immer mehr auf große Höfe, zugleich geht die Gesamtzahl der Tiere zurück. Allein von November 2018 bis Mai 2019 mussten etwa in Nordrhein-Westfalen 190 Betriebe schließen; die Zahl sank auf gut 6800. Gleichzeitig verringerte sich die Zahl der Schweine laut Statistischem Landesamt von knapp 7,4 Millionen Tieren Mitte 2014 auf gut 6,9 Millionen im Mai 2019. Bundesweit sank die Zahl der Ferkel und Jungschweine innerhalb von vier Jahren von 13,9 Millionen auf 13,1 Millionen in 2018.

Göbert zufolge liegt das nicht nur am öffentlichen Streit um die Kastration und andere Themen wie die Stallhaltung der Tiere. Zudem habe die Branche auch ein Vermarktungsproblem. Schweinefleisch müsse am Markt - wie Rindfleisch - offensiver angeboten werden, forderte Göbert. Alte Schweinerassen mit besonders schmackhaftem Fleisch sollten wiederbelebt und Schweinefleisch an der Theke auch sprachlich selbstbewusster verkauft werden. "Beim Rind gibt's T-Bone, Porterhouse, Rib-Eye und Entrecote, das wär auch beim Schwein möglich, aber da verkaufen wir nur Kotelett."

Kommt das "Ohne Kastration"-Siegel?

Sein Unternehmen werde ab 2021 gar nicht mehr kastrieren, sagte Göbert. Auf den Eingriff verzichteten außerdem die meisten Betriebe in Spanien sowie in den Niederlanden. Ein Hinweis "ohne Kastration erzeugt" könne im Handel ein wirkungsvolles Qualitätssignal für den Verbraucher setzen, schlug Göbert vor.

So nimmt die Agrarlobby Einfluss auf die Politik

RND/dpa