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Wirtschaft Bahn tauscht 1200 ICE-3-Achsen aus
Nachrichten Wirtschaft Bahn tauscht 1200 ICE-3-Achsen aus
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21:06 12.10.2009
Einigung im Streit über die ICE-3-Achsen: 1200 Radsatzwellen werden ausgetauscht.
Einigung im Streit über die ICE-3-Achsen: 1200 Radsatzwellen werden ausgetauscht. Quelle: ddp
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Bahn-Chef Rüdiger Grube zeigte sich am Montag erleichtert über die teilweise Lösung der Fahrzeugprobleme seines Unternehmens und drängte zur Eile: Die Einigung sei „ein wichtiger Fortschritt“, erklärte er. Jetzt müsse die Bahnindustrie so schnell wie möglich die Vereinbarung umsetzen. Der ICE-3-Achsentausch soll im nächsten Jahr beginnen, sobald die Ersatzwellen entwickelt, geprüft, vom Eisenbahn-Bundesamt zugelassen und produziert sind.

Beim Neigezug ICE-T wird eine Lösung bis zum Jahresende angestrebt. Dort ist der Austausch von 2100 Radsatzwellen bei 70 Zügen nötig. Hier blockiert offenbar noch der bei dieser Zuggattung mitbeteiligte französische TGV-Hersteller Alstom eine Lösung. Er hatte über eine italienische Firma die Radsatzwellen des ICE-T geliefert.

Grube hat den Streit über die Achsen zur Chefsache gemacht. Bei Spitzentreffen unter anderem mit Siemens-Chef Peter Löscher und der Führung von Bombardier und Alstom verlangte der Bahn-Chef mit Nachdruck eine Klärung. Grubes Vorgänger Hartmut Mehdorn hatte der Industrie mehrfach vergeblich Ultimaten gestellt und mit Klagen gedroht.

Grube hat bei seinen Verhandlungen ein großes Pfund in der Hand. Bis März will die Bahn einen bis zu 4 Milliarden Euro schweren Großauftrag für den ICX vergeben – die Nachfolgegeneration der IC- und ICE-Flotte. Dieser Auftrag sichert für mindestens ein Jahrzehnt gut ausgelastete Werkstätten.

Die Achsenprobleme bei der ICE-Flotte haben bei der Deutschen Bahn bereits Schäden von mindestens 350 Millionen Euro verursacht. Die ICE-Flotte muss teils zehnmal häufiger zur Kontrolle in die Werkstatt, seit am 9. Juli 2008 in Köln der ICE 3 „Wolfsburg“ entgleist ist. Ursache war ein Achsbruch. Es folgte die größte Rückrufaktion der Bahn-Geschichte. 137 Züge wurden zeitweise aus dem Verkehr gezogen. Das Image des Unternehmens litt gewaltig.

Das Eisenbahn-Bundesamt setzte danach – gegen den Widerstand der an die Börse strebenden Bahn – verschärfte Achskontrollen durch. Auch bei zwei ICE-T wurden so Achsrisse bekannt.

Bahn und Industrie streiten darüber, ob die Radsatzwellen – anders als zugesichert – nicht „dauerfest“ sind, oder ob zu große Belastungen und nachlässige Wartung Risse und Brüche verursachten.

Anfänglich lehnten alle drei Hersteller Regressforderungen ab und ließen Fristen zur Nachbesserung verstreichen. Die Front bröckelte jedoch. Ende vergangenen Jahres bekam Siemens den Zuschlag der Bahn für den Bau von 15 ICE 3 mit verbesserten Achsen, die unter anderem in Frankreich der dortigen Staatsbahn Konkurrenz machen sollen.

Für die hohen Folgekosten der Achsprobleme – also vor allem die Einnahmeausfälle und Mehrausgaben durch den stark beeinträchtigten Fernverkehr – sieht sich die Industrie nicht in der Pflicht. „Die Lieferverträge für Züge schließen eine solche Haftung aus“,
heißt es bei den Zugherstellern. 
Besonders Alstom lehnte den Achsentausch auf eigene Kosten bisher ab. Der mit Abstand größte Hersteller von Hochgeschwindigkeitszügen rechnet sich gleichwohl zumindest Außenseiterchancen im Rennen um den ICX-Großauftrag aus. Alstom tritt mit dem TGV-Nachfolger AGV gegen den ICE-3-Hersteller Siemens an.

von Thomas Wüpper