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08:42 12.11.2014
Foto: In Seenot geraten: Im August 2012 läuft die „MS Deutschland“ in Hamburg ein; heute ist der Eigentümer des einstigen Traumschiffs aus der gleichnamigen ZDF-Reihe pleite.
In Seenot geraten: Im August 2012 läuft die „MS Deutschland“ in Hamburg ein; heute ist der Eigentümer des einstigen Traumschiffs aus der gleichnamigen ZDF-Reihe pleite. Quelle: Angelika Warmuth/dpa
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Hannover

Während die Kreuzfahrtbranche boomt, geraten kleinere Schiffe zunehmend in Seenot. „Für die Mittelständler wird es immer schwerer“, sagt Alexis Papathanassis, Professor für Kreuzfahrt- und Tourismusmanagement an der Hochschule Bremerhaven: „Sie leiden unter der Konkurrenz der Großen, sie sind Kapazitäts- und Auslastungsrisiken ausgesetzt und haben bei den Banken oft einen schweren Stand.“

Der Aufwärtstrend im Markt ist ungebrochen: Der internationale Kreuzfahrer-Verband CLIA listet aktuell 410 Schiffe mit knapp 470 000 Betten auf – rund zwei Dutzend Neubauten sollen bis Ende 2015 hinzukommen. Im vergangenen Jahr buchten weltweit 21 Millionen Passagiere einen Törn; weiteres Wachstum versprechen sich die Experten vor allem in Europa und neuerdings auch in Asien.

In Deutschland war die Kreuzfahrt lange ein gediegenes Geschäft. Die Schiffe waren klein und eher fein, viele Gäste kannte die Crew mit Namen: Sie kamen ja immer wieder. Mit dieser Verlässlichkeit ist es inzwischen vorbei. Die Traditionalisten sterben aus, die Nachfolgegeneration der Babyboomer möchte für günstigere Preise an Bord mehr erleben – launige Zwanglosigkeit auf der AIDA oder größere individuelle Freiräume bei TUI Cruises.

Eine „MS Azores“ fällt da aus der Zeit: 1948 in Göteborg vom Stapel gelaufen, später von der DDR als Vergnügungsdampfer für die Staatsgewerkschaft gekauft, dann Unterkunft für Asylbewerber in Oslo und seit 1992 Kreuzfahrtschiff. Bereits vor zwei Jahren ließen Gläubiger sie wegen offener Forderungen an die Kette legen, in diesem Sommer sollte sie für den SPD-Reiseveranstalter Ambiente in See stechen. Trotz nostalgischen Titanic-Looks fanden sich für eine Reise zum Nordkap aber zu wenige Passagiere: Im September stellten die Genossen den Betrieb ein. Das Schiff soll vom nächsten Jahr an für die britische Cruise & Maritime Voyages unterwegs sein.

Lediglich 550 Passagiere finden auf der „MS Azores“ Platz – die Neubauten von AIDA und TUI Cruises locken fünfmal so viele Gäste an. Sie sind ausgebucht, und auch die Einnahmen stimmen ihre Eigner glücklich, obwohl die Tickets tendenziell billiger werden. Was ihnen beim Fahrpreis verloren geht, können die großen Kreuzfahrer leicht über zusätzliche Umsätze an Bord ausgleichen. „Insbesondere die Landausflüge sind völlig überteuert“, sagt ein langjähriger Kreuzfahrtmanager. Auf kleineren Schiffen tut man sich damit deutlich schwerer: Wer mit weniger Passagieren unterwegs ist, nimmt eben auch bei Exkursionen weniger ein. Zugleich sind die Fixkosten pro Gast höher.

Darüber hinaus macht den kleineren Veranstaltern auch die Geldbeschaffung für ihre Schiffe Probleme. Die „MS Deutschland“ etwa wurde durch Mittelstandsanleihen finanziert. Das kostete allein 2,5 bis 3 Millionen Euro Zinsen pro Jahr; aktuell belaufen sich die Verbindlichkeiten des einstigen „Traumschiffs“ auf rund 56 Millionen Euro. Die Anleihen hatte vor zwei Jahren der damalige Besitzer – der Investor Aurelius – ausgegeben, um frisches Kapital zu beschaffen. Inzwischen gehört die Beteiligungsgesellschaft einer weiteren Heuschrecke – ohne massiven Verzicht aufseiten der Anleihengläubiger komme die „MS Deutschland“ nicht wieder in sicheres Fahrwasser, heißt es in der Branche.

Auf der „MS Astor“ hatte der Veranstalter Transocean noch Ende September das 30 jährige Jubiläum seines Stammgäste-„Clubs Columbus“ gefeiert – dann ging das Schiff auf große Fahrt und wurde unterwegs vom Insolvenzantrag seines Eigentümers überrascht: Die Betreibergesellschaft Premicon konnte die offenen Forderungen der Besatzung sowie von zwei Schiffsdiesellieferanten und auch der Werft nicht aus eigener Kraft zahlen. Die „MS Astor“ werde vermutlich nicht mehr nach Deutschland zurückkehren, heißt es in der Branche.

Von Jens Heitmann

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