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Volkswagen Betriebsräte der MIG 18 warnen vor möglichem Import des ID.6 aus China
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Angeblicher VW-Plan: Betriebsräte der MIG 18 warnen vor möglichem Import des ID.6 aus China

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19:00 03.11.2021
Der ID.6 könnte einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen: Plant VW das E-SUV von China nach Europa zu importieren?
Der ID.6 könnte einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen: Plant VW das E-SUV von China nach Europa zu importieren? Quelle: Volkswagen
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Wolfsburg

Nach den Aussagen des VW-Chefs Herbert Diess zu einem Stellenabbau in Wolfsburg, ist das die nächste Schrecksekunde für die VW-Belegschaft in Deutschland: Angeblich plant der Autobauer, den in China hergestellten E-SUV ID.6 nach Europa zu importieren, darüber berichtete jüngst die Nachrichten-Plattform Business Insider und beruft sich auf Quellen aus dem Konzern. Für Volkswagen wäre dieser Vorgang eine Premiere in der Unternehmensgeschichte. Bei Teilen des Betriebsrats schrillen deshalb die Alarmglocken.

Dass ein Fahrzeug, das auf einem Markt gut angenommen wird, auch in anderen angeboten wird, ist dabei kein wirklich außergewöhnlicher Vorgang. Erst jüngst führte Volkswagen den in Europa äußerst erfolgreichen ID.3 verspätet doch noch in China ein. Als genau so einen normalen Vorgang ordnete dann auch ein Unternehmenssprecher die angeblichen Pläne ein, ohne sie freilich zu bestätigen: „Wenn Modelle in einem Markt erfolgreich sind, ist es nur natürlich, dass auch die Marktchancen in anderen Regionen analysiert werden. Das gilt natürlich auch für den siebensitzigen SUV ID.6. Volkswagen könnte damit zudem ein neues Marktsegment in Europa erschließen“, so der Sprecher.

MIG 18 spricht von „industriellem Kannibalismus“

Würde der ID.6 dann entsprechend auch in Europa gefertigt – alles wäre gut im Volkswagen-Land. Die Pläne Volkswagens sollen aber in eine andere Richtung laufen. Demnach hat der Autobauer vor, den SUV weiter in China zu fertigen und in den kommenden Jahren 80 000 Modelle von dort nach Europa zu importieren. Das wäre nicht nur in der Tat ein Novum in der Unternehmensgeschichte, sondern damit würde auch eines der großen Schreckgespenster der Arbeitnehmervertretung Realität werden: Die Auslagerung der Produktion in Länder mit niedrigen Löhnen.

Verschiffung von Fahrzeugen: Will VW den ID.6 künftig in China bauen? Quelle: Jörg Sarbach/dpa

Teile des Betriebsrats in Wolfsburg haben dementsprechend schnell und heftig reagiert. Die Fraktion MIG 18 teilte mit: Mit solch einem Präzedenzfall würden hiesige Arbeitsplätze bedroht und zukünftige Tarifverhandlungen gefährdet. Denn in denen könnten die Arbeitnehmervertretungen dann immer mit billigeren Produktionskosten in China erpresst werden.

„Das ist industrieller Kannibalismus. Dem muss man mit alttestamentarischer Härte begegnen. Wenn das Ganze noch nicht im Aufsichtsrat besprochen wurde, dann muss es demnächst zum Thema gemacht werden. Und dann muss es für die Belegschaften in Deutschland eine klare Aussage geben“, forderte Betriebsratsmitglied Antonino Potalivo eine schnell Klarstellung.

Betriebsrat stellt klar: Export bräuchte Zustimmung

Die gab es prompt – und zwar von der Betriebsratsspitze. Ein Sprecher des Konzernbetriebsrates gab Entwarnung. „Wie üblich, hat die Arbeitnehmerseite bei Volkswagen ihre Arbeit auch an dieser Stelle längst vorbildlich erledigt“, so der Sprecher in Richtung MIG 18. Seit mehreren Jahren schon regele eine Vereinbarung die Prämissen für einen möglichen Export von Fahrzeugen oder Fahrzeugteilen aus China. Darin sei unter anderem eindeutig festgeschrieben, dass ein solches Vorgehen die Werksauslastungen in Deutschland, der EU und Südamerika nicht negativ beeinflussen dürfe. „Ohne die ausdrückliche Zustimmung der Arbeitnehmerseite wäre ein solches Export-Szenario aus China nicht möglich“, stellt der Sprecher klar.

Die aktuelle Diskussion um die Effektivität des Wolfsburger Werks feuern die neuen ID.6-Gerüchte dennoch zusätzlich an. Zumal sie vor dem Hintergrund der jüngsten Aussagen des VW-Chefs Herbert Diess zudem durchaus plausibel wirken. Dieser hatte in den letzten Wochen mehrfach eine deutliche Kostensenkung und Steigerung der Produktivität vom Stammwerk in Wolfsburg gefordert und sogar vor Stellenabbau im großen Stil gewarnt. Die Kennzahlen aus China sind da schon eher nach seinem Geschmack. Deutlich geringere Lohn- und Produktionskosten sorgen dort für erheblich höhere Margen.

Zudem führt Diess Tesla immer wieder als größten Konkurrenten und teilweise sogar Vorbild ins Feld. Nur Zufall, dass der amerikanische E-Auto-Bauer sein Modell 3 bereits seit langer Zeit in China fertigen lässt und von dort in die ganze Welt verschifft?

Egal also, wie es um die angebliche Pläne steht: Zündstoff für die anstehende Belegschaftsinfo und die in den Dezember verschobene Planungsrunde bergen sie in jedem Fall.

Von Steffen Schmidt