Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Niedersachsen „Von der hohen Warte einer Erbin“: Holocaust-Überlebender kritisiert Verena Bahlsen
Nachrichten Politik Niedersachsen „Von der hohen Warte einer Erbin“: Holocaust-Überlebender kritisiert Verena Bahlsen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 17.05.2019
Hildesheims Ehrenbürger Guy Stern sprach als Gast im hannoverschen Landtag zu den Abgeordneten. Quelle: Foto: Christophe Gateau/dpa
Hildesheim/Hannover

Als Reaktion auf den Fall Bahlsen hat der in Hildesheim geborene US-Wissenschaftler Guy Stern (97) für eine verstärkte Aufarbeitung der Zwangsarbeit in deutschen Unternehmen geworben. Das Keks-Unternehmen Bahlsen solle überlebende Zeitzeugen zu Wort kommen lassen, die während des Zweiten Weltkriegs dort zur Arbeit gezwungen wurden, sagte Stern, dessen Familie im Holocaust getötet wurde, am Dienstag in Hannover. Er reagierte damit auf Äußerungen der Unternehmenserbin Verena Bahlsen: Sie hatte zum Umgang des Unternehmens mit Zwangsarbeitern während der NS-Zeit erklärt: „Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt.“ Guy Stern sagte dazu, die Zwangsarbeiter seien zumeist aus Polen gekommen, „die haben kein Loblied zu singen“. Und er ergänzte: „Von der hohen Warte einer Erbin kann man vielleicht so sprechen.“

Auch wenn die Zwangsarbeiterinnen nicht unbedingt wie Sklaven gehalten oder oft geschlagen wurden, es sei doch „eine Vergewaltigung eines Menschen“, fuhr der Literaturhistoriker im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur fort. „Das schwerwiegende Wort dabei ist nicht ,arbeiten’, das schwerwiegende Wort dabei ist ,Zwang’. Das ist eine psychologische Erniedrigung – das sind Fesseln, die jemandem auferlegt werden.“

„Hütet unsere demokratische Form“

Als Zeitzeuge sprach Stern am Dienstag auch im Niedersächsischen Landtag. Parlamentspräsidentin Gabriele Andretta hat den Hildesheimer Ehrenbürger dazu eingeladen. Als Kind eines jüdischen Paares war Stern während der Nazi-Verfolgung in die USA gebracht worden, wo er sich dann als Akademiker in diversen Engagements mit dem Holocaust auseinandersetzte. Im Landtag von Hannover mahnte er jetzt: „Hütet unsere demokratische Form, sie ist ein zartes, zerbrechliches Gebilde – und auch ein Schutz gegen Hass und Diskriminierung.“ Und er zitierte den Lyriker Bert Brecht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Gemeint ist die Diktatur, der Despotismus. So etwas wie ein Hitler-Regime.

Guy Stern, der 1922 als Günther Stern in Hildesheim geboren wurde, hat Glück gehabt. Der junge Mann aus einer jüdischen Familie überlebte die NS-Verfolgung. Ihm gelang 1937 die Übersiedlung in die USA zu einem dort lebenden Onkel. Der damals 15-Jährige habe versucht, auch seine Eltern aus Nazi-Deutschland in die Vereinigten Staaten nachzuholen – vergeblich, berichtet Landtagspräsidentin Andretta. Sie leistete kürzlich auch Hilfe bei der Wiedereinbürgerung des Hildesheimers, der nach dem Krieg die amerikanische Staatsbürgerschaft übernommen hatte. „Bürokratisch war das kein leichter Akt“, sagt Stern – und lacht.

Nun aber sprach er als deutscher „Neubürger“ zu den im Landtag versammelten Abgeordneten und zahlreichen Abgesandten aus Hildesheim, unter ihnen Oberbürgermeister Ingo Meyer. Und er lobte den Wiederaufbau demokratischer, föderaler Strukturen in Deutschland.

Mehr zum Thema Bahlsen

Die Bahlsen-Erbin sorgt für Empörung

So erging es den Zwangsarbeitern wirklich

Von Michael B. Berger und Ralf Krüger

Niedersachsen Wirtschaftsminister will stattdessen lieber Zuschläge bei der Einkommenssteuer gewähren. Doch der Vorstoß löst selbst in den eigenen Reihen keine Begeisterung aus.

13.05.2019

Der Trend zum Schottergarten schadet Pflanzen und Insekten. Die Große Koalition in Niedersachsen will nun die Kommunen stärker in die Pflicht nehmen, solche umstrittenen Vorgärten in Neubaugebieten zu verhindern.

13.05.2019

Niedersachsen erwartet bis 2023 Einnahmeausfälle von 844 Millionen Euro. Minister Hilbers fordert deshalb eine strikte Haushaltsdisziplin – und sieht keinen Spielraum für eine höhere Lehrerbesoldung.

16.05.2019