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Niedersachsen Anklage gegen früheren SS-Mann aus Nordstemmen
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13:09 24.07.2019
Ex-SS-Mann Karl M. in einen Film der ARD-Sendung Panorama. Quelle: Panorama
Hildesheim/Nordstemmen

Die Staatsanwaltschaft Hildesheim hat gegen den früheren SS-Mann Karl M. aus Nordstemmen Anklage wegen Volksverhetzung und Verunglimpfung Verstorbener erhoben. Das ist das Ergebnis von gut sieben Monate währenden Ermittlungen gegen den 96-Jährigen. Wann es zu einem Prozess kommt, steht noch nicht fest. Zunächst muss die 1. Große Strafkammer des Landgerichts um den Vorsitzenden Richter Peter Peschka über die Zulassung der Anklage entscheiden. Ein Prozess dürfte internationales Medieninteresse auf sich ziehen und unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen ablaufen. Aus Frankreich will mehr als ein Dutzend Nebenkläger anreisen. M. muss im Fall einer Verurteilung mit einer Haft- oder Geldstrafe rechnen. Er lässt sich von einem Anwalt aus Leipzig verteidigen.

Opfer im Interview verunglimpft

Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch die Ausstrahlung eines Beitrags in der ARD-Fernsehsendung Panorama im November vergangenen Jahres. Darin hatte M. unter anderem den Holocaust relativiert und sinngemäß gesagt, die Opfer eines Massakers in Nordfrankreich am 1. April 1944, an dem er als SS-Unterscharführer beteiligt war, seien selbst Schuld an ihrem Schicksal. Außerdem hatte er berichtet, dass er bei einem Vortrag vor jungen Rechtsradikalen im Haus des stellvertretenden NPD-Vorsitzenden Thorsten Heise Autogramme auf Dokumente mit Hakenkreuz-Symbolen gegeben habe. Gleich nach der Sendung waren bei der Staatsanwaltschaft Hildesheim mehrere Anzeigen aus Deutschland und Frankreich eingegangen.

Empörung in Frankreich

Vor allem in Ascq, einem Vorort von Lille, hatten die öffentliche Äußerungen von Karl M. Betroffenheit und Empörung ausgelöst. In der Kleinstadt hatte die SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ am Abend des Palmsonntags 1944 insgesamt 86 Einwohner im Alter von 15 bis 75 Jahren erschossen – in einer Vergeltungsaktion für einen Anschlag von Partisanen auf die Bahnlinie, bei dem niemand verletzt wurde. Karl M. gehörte damals nach eigenen Angaben in einem weiteren Fernsehbeitrag zu den SS-Männern, die die Anwohner des Bahnhofs und umliegender Straßen aus ihren Häusern holten. Er betont allerdings, er selbst habe nicht geschossen.

In dieser Sendung erklärte er zudem, die Getöteten seien französische Freischärler gewesen, die deutsche Besatzungsmacht bekämpften. Die französische Historikerin Jacqueline Duhem kommt in einem Buch „Ascq – eine deutsch-französische Affäre“ allerdings zu dem Schluss, es habe sich ausschließlich um Zivilisten gehandelt.

1949 zum Tode verurteilt

Die Rolle von Karl M. bei dem Massaker selbst ist nicht Gegenstand des Verfahrens. Die Generalstaatsanwaltschaft in Celle hatte bereits vor Jahren wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord in 86 Fällen gegen ihn ermittelt. Sie kam aber zu dem Schluss, dass er wegen derselben Tat nicht zweimal bestraft werden, wie es auch im internationalen Abkommen von Schengen geregelt ist. Tatsächlich war M. 1949 in Frankreich wegen seiner Beteiligung am Massaker von Ascq in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden.

Von Tarek Abu Ajamieh

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