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Niedersachsen Niedersachsens Geflügelzüchter sind besorgt: Die Vogelgrippe könnte bleiben
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Niedersachsens Geflügelzüchter besorgt: Vogelgrippe könnte bleiben

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11:00 03.11.2021
Vorboten der Tierseuche: Eine tote Brandgans liegt auf am Südstrand von Wilhelmshaven (das Bild stammt aus dem November 2020). Die Gans war an der Vogelgrippe verendet.
Vorboten der Tierseuche: Eine tote Brandgans liegt auf am Südstrand von Wilhelmshaven (das Bild stammt aus dem November 2020). Die Gans war an der Vogelgrippe verendet. Quelle: Imke Zwoch
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Hannover

Anzeichen gibt es. Und sie sind für Experten durchaus bedrohlich. Vor gut zehn Tagen hat man in Aurich in einer toten Lachmöwe das hochansteckende Vogelpestvirus gefunden. Jenseits der Elbe, im Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein hat man am vergangenen Sonntag in einem sehr kleinen Betrieb eine Infektion mit dem Subtyp H5N1 festgestellt, wie das nationale Referenzlabor für die Vogelseuche, das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bei Greifswald bestätigte. 16 Enten und Hühner mussten sofort getötet werden.

Es gibt Anzeichen, dass die Vogelseuche zu einem permanenten Problem werden könne, sagt Elke Reinking, Sprecherin des Loeffler-Institutes. „Früher ist die Vogelpest nach einem großen Seuchenzug immer wieder verschwunden. Jetzt sieht es so aus, als ob sie tatsächlich bei uns ,übersommert‘ hat.“

Einen Schaden von mindestens 23 Millionen Euro verursacht

Denn hier und da flackert die gefährliche Pest immer wieder auf, nachdem sie im vergangenen und in diesem Jahr nach Angaben der niedersächsischen Geflügelwirtschaft rund 1,1 Millionen Geflügeltiere das Leben gekostet hat, darunter etwa 700.000 Puten. Doch im Schatten der Corona-Krise, die die Menschen in den Lockdown verbannte, blieb die Vogelgrippe von der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Dabei könnte sie, so die Experten vom Loeffler-Institut, in Norddeutschland ein ständiger Gast bleiben – nicht nur für Geflügelhalter ein geradezu gruseliger Zustand. Und dabei war der letzte Seuchenzug noch größer als der im Jahr 2017, wo in Niedersachsen 630.000 Tiere gekeult werden mussten, darunter 560.000 Puten. Den wirtschaftlichen Schaden der letzten Vogelpest schätzt man beim Geflügelverband auf mindestens 23 Millionen Euro.

Bislang ging man davon aus, dass Zugvögel, die in Deutschland überwintern, das hochansteckende Virus verbreiten, das in zahlreichen Varianten auftritt. Denn die Geflügelpest wird vor allem bei Wasservögeln nachgewiesen. Besonders gefährdet sind also Gebiete, die nah am Wasser liegen, beziehungsweise viele Gewässer haben, also Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder auch Mecklenburg-Vorpommern. Die bisher ausgeprägteste Vogelpest erlebten Deutschland und Europa nach Einschätzung des FLI zwischen Ende Oktober 2020 und April 2021. „Bisher war es immer so, dass nach einer großen Epidemie das Virus irgendwann zum Erliegen kam“, berichtet Elke Reinking vom FLI. „Damit sind neuerliche Ausbrüche in Geflügelbeständen unter Umständen nicht mehr auf einen Zuzug infizierter Zugvögel angewiesen, sondern kommen von Vögeln, die auch im Sommer bei uns bleiben.“

Niedersachsens Grüne bohren nach

Niedersachsens Grüne sind hochbesorgt und wollen in einer Anfrage an die Landesregierung wissen, was die Landesregierung unternimmt, damit es nicht erneut zu einem großen Seuchenzug kommt. Denn mit über einer Million gekeulter Tiere sei Niedersachsen von der letzten Welle am stärksten betroffen gewesen. „Dass wir den größten Seuchenzug in unserer Geschichte hatten, ist medial unterbelichtet gewesen“, sagt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Miriam Staudte. „Experten mahnen an, die Betriebsdichte etwa im Landkreis Vechta zu verringern“, sagt Staudte. Sie sieht mit großer Sorge, dass der nächste Seuchenzug nahen könnte.

Das Zauberwort im Kampf gegen die Vogelpest heißt Abschottung (nicht anders wie bei Corona). Oder „Biosicherheit“ in der Redeweise der Experten. „Die Biosicherheit ist das oberste Gebot“, sagt Elke Reinking vom Loeffler-Institut. Die Ställe müssen so abgeschottet sein, dass keine Viren hereinfliegen könnten. Auch nicht durch die Luft. Auch nicht durch Dreck an den Schuhsohlen. „Die Tierhalter verlieren bei der Geflügelpest immer. Sie tun deshalb alles, um zu verhindern, dass es zu einer Infektion kommt“, sagt Friedrich-Otto Ripke. „Wir haben beim großen Seuchenzug 2017 gelernt, dass auch der Wind Partikel in die Ställe wehen kann.“ Das sei anfangs von den Experten bestritten worden.

Geflügelpestmonitoring ist angelaufen

Die Ansteckung durch die Luft ist besonders für die Puten bedrohlich. Denn die meisten dieser großen Vögel werden bislang (auch aus Gründen des Tierwohls) in seitlich offenen Bauten gehalten, in sogenannten Louisiana-Ställen mit freier Lüftung. Jetzt arbeite man daran, diese Ställe mit einer Art vorgezogenen Folie zu sichern, um möglichen Infektionseintrag von außen zu verhindern, berichtet Ripke. „Wir haben viele Lehren aus der Vogelgrippe 2017 gezogen“, berichtet der Präsident des Interessensverbandes der Geflügelwirtschaft, der früher Landwirtschaftsstaatssekretär in Niedersachsen war.

Im Schatten der Corona-Krise blieb die Vogelgrippe von der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet Quelle: Pavlíèek Lubo/dpa

Seit dem 1. November laufe auch „ein umfangreiches Geflügelpestmonitoring“ im Kreis Cloppenburg, erzählt Dieter Oltmann vom Verband der Geflügelwirtschaft. So würden in einem ausgewählten Gebiet zweimal wöchentlich die Bestände „beprobt“ und beispielsweise offene Getränkestellen untersucht, ob sich Viren hier befinden. Man müsse unbedingt versuchen „vor die Seuche zu kommen“, um die Tötung ganzer Bestände zu verhindern.

Miriam Staudte von den Grünen ist überzeugt, dass es einen Zusammenhang zwischen der Dichte der Putenmastanlagen etwa im Landkreis Vechta und dem Ausbruchsgeschehen gebe. Das meinten zumindest die Experten. Sie will auch von der Landesregierung in Hannover wissen, wie sie die Gefahr einer Übertragung der Vogelgrippe auf den Menschen sehe. „Immerhin sind schon Menschen in Russland erkrankt“.

Offene Ställe sollen zu geschlossenen umgebaut werden

Immerhin ist auch der Landesregierung nicht verborgen geblieben, dass „die in bestimmten Regionen vorhandenen hohen Bestandsdichten in Putenhaltungen die Entwicklung eines Geflügelpestgeschehens nachteilig beeinflussen können“, wie das Agrarministerium auf eine HAZ-Anfrage antwortete. Deshalb hätten Experten empfohlen, kurz- oder langfristig die Zahl der Ställe zu reduzieren. Ein Weg, den das Ministerium für geboten hält, ist der Umbau der Putenhaltung zu geschlossenen Ställen. „Es werden Möglichkeiten gesucht, wie dies auch mit Blick auf bau- und immissionsschutzrechtliche Herausforderungen erreicht werden kann.“

Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) konstatiert: „Es ist leider schon traurige Routine, dass mit dem Beginn des Vogelzuges kranke Wildvögel nach Niedersachsen kommen. Wir müssen deshalb einen hohen Infektionsdruck bei der Geflügelpest befürchten. Umso wichtiger ist es, die Biosicherheit konsequent einzuhalten, damit das Virus nicht in Hausgeflügelbestände übergreift.“

Seit dem Seuchengeschehen 2016/2017 werde auf allen Ebenen intensiv daran gearbeitet, sagt die Ministerin, die Biosicherheit in Geflügelhaltungen zu verbessern. So wurden entsprechende rechtliche Vorgaben zur Biosicherheit geschaffen, deren Umsetzung durch Beratung der Landwirte durch die kommunalen Veterinärbehörden unterstützt und durch eine intensive amtliche Überwachung der Betriebe laufend kontrolliert wird.

Oder die Tiere impfen?

Für Friedrich-Otte Ripke ist noch ein weiterer Weg denkbar. „Wenn wir befürchten müssen, das unsere Wildvögel das Virus das ganze Jahr tragen, dann müssen wir uns dem Thema Impfen widmen.“ Dann müsse sich die Forschung dem Thema widmen, wie man Vögel gegen das Virus impfen könne, die aber dennoch genießbar blieben. Noch sei das aber Zukunftsmusik, denn in der Europäischen Union gebe es ein Handelsverbot für geimpfte Tiere. „Man braucht sicherlich einige Jahre, um Markerimpfstoffe zu entwickeln.“

Von Michael B. Berger