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Niedersachsen „Wir können nicht weitermachen wie bisher“
Nachrichten Politik Niedersachsen „Wir können nicht weitermachen wie bisher“
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16:17 03.12.2017
Verbraucher sollen mehr Geld für Fleisch ausgeben: Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast. Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

Frau Otte-Kinast, endet mit Ihnen die Agrarwende in Niedersachsen?

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Nein, das würde ich so nicht sagen. In der Vorgängerregierung sind sehr gute Dinge auf den Weg gebracht oder weitergeführt worden, wie der Tierschutzplan. Mir ist allerdings auch bewusst, dass viel Porzellan zerschlagen wurde und einige Punkte kritisch gesehen werden. Wir müssen jetzt im Einzelfall prüfen, wie wir dabei weitermachen.

Viele Landwirte haben die Politik ihres Vorgängers als Gängelung empfunden. Erwarten die nicht, dass Sie seine Politik zurückdrehen?

Ich bemerke, dass es sehr geteilte Erwartungen an mich gibt. Manche hoffen, dass ich alles wieder zurückdrehe und es so wird wie früher. Aber andere sind froh, dass ich eben nicht alles sofort rückgängig mache, sondern zunächst genau prüfe. Und das mache ich nicht alleine, sondern hole mir alle Beteiligten an einen Tisch.

Was unterscheidet Sie von ihrem Amtsvorgänger Christian Meyer?

Ich gehe offen auf die Landwirte und ihre Familien zu. Minister Meyer hat vieles ideologisch nach vorne gebracht, ohne die Landwirte mitzunehmen. Ich weiß, wie Bauern sich fühlen, wenn sie von der Gesellschaft kritisiert werden. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Milchpreis im Keller ist. Ich weiß, wie es ist, wenn die Auflagen stetig wachsen und man dadurch mehr Zeit im Büro als im Stall verbringen muss. Das spüren die Menschen.

Aber dass der Wandel in der Landwirtschaft notwendig ist, die Haltung teilen Sie?

Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Wir haben Probleme etwa in der Tierhaltung, mit der Überdüngung, dem Zustand des Grundwassers. Aber wir haben auch gute Institutionen, gut ausgebildete Landwirte, die sich damit auseinandersetzen. Zusammen mit ihnen wollen wir Fortschritte erzielen. Ich hoffe, dass wir es damit auch schaffen, dass die Wahrnehmung der Landwirte in der Gesellschaft wieder besser wird. Denn viele Bauern fühlen sich derzeit an den Rand gedrängt.

Der Tierschutzplan, nach dem die Haltungsbedingungen von Nutztieren schrittweise verbessert werden sollen, ist bereits sechs Jahre alt. Muss der nachjustiert werden?

Das ist zurzeit eines meiner wichtigsten Themen. Sehr viele Fachleute arbeiten daran, und ich weiß, dass Niedersachsen als Agrarland Nummer eins in Deutschland und darüber hinaus sehr genau beobachtet wird. Wir sind Vorbild – und deshalb müssen wir den Tierschutz weiter nach vorne bringen.

Wie stellen Sie sich das in der Praxis vor?

Auch hier gilt: Wir müssen diejenigen einbeziehen, die mit Tieren zu tun haben. Es gibt viele Ideen seitens der Landwirtschaft, die wir uns anschauen sollten. Wir müssen darüber hinaus auch mit Tierärzten und Wissenschaftlern reden. Ich gebe auch offen zu: Ich bin erst eine Woche im Amt und habe noch nicht für jedes Problem eine Patentlösung.

Viele Landwirte haben nichts gegen Tierschutz, fürchten aber, dass die stetig steigenden Vorgaben sie wirtschaftlich ruinieren. Wie kommt man aus diesem Dilemma raus?

Das ist ein großes Problem für die Betriebe. Und da kommen wir zum Verbraucher, denn Tierschutz ist nicht nur eine Aufgabe für den Erzeuger. Der Verbraucher muss bereit sein, für tiergerechte Lebensmittel mehr Geld auszugeben, sonst kann es nicht funktionieren. Wir müssen in meinen Augen schon in den Schulen vermitteln, dass Lebensmittel wieder mehr wertgeschätzt werden müssen. Und wir brauchen eine einheitliche Kennzeichnung, die jedem klar macht, unter welchen Bedingungen Fleisch erzeugt wurde.

Wo liegt die Zukunft der Landwirtschaft? Im Welthandel oder im regionalen Markt?

Beides ist wichtig. Ich kann mir das eine nicht ohne das andere vorstellen. Nur eine regionale Vermarktung in Deutschland – das ist kein Zukunftsmodell.

Soll das Herbizid Glyphosat weiter eingesetzt werden oder nicht?

Es ist jetzt die Entscheidung gefallen, dass die Zulassung von Glyphosat um fünf Jahre verlängert wurde. Wie diese Entscheidung zustande gekommen ist, darüber erlaube ich mir kein Urteil, aber ich bin froh, dass dieser Eiertanz vorbei ist. Wir haben jetzt fünf Jahre Zeit, um Alternativen zu Glyphosat zu erforschen und zu entwickeln. Aber jedem sollte klar sein: Die Zeit für Glyphosat läuft ab.

Thema Düngerecht: Es gab Kritik von Landwirten an den strengen Dünge­regeln, dass es etwa nicht zu leisten ist, von Ernte bis Aussaat keinen Dünger auf die Felder zu bringen.

Aber in dieser Zeit brauchen die Feldfrüchte keine Nährstoffe, weil ohnehin nichts wächst. Ich befürworte eher, dass wir den Landwirten helfen, Lagerstätten für den in dieser Zeit anfallenden Dünger zu bauen. Das neue Düngegesetz ist da. Die Bauern müssen sich jetzt darauf einstellen und bei der Umsetzung unterstützt werden.

Ihr Vorgänger hat Futtermittelkontrollen eingeführt, für die die Betriebe zahlen sollen. Wird es dabei bleiben?

Auch das werde ich prüfen und dafür ebenfalls alle Beteiligten an einen Tisch holen. Dass die Gebühren verschwinden, kann ich nicht versprechen. Das Kontrollsystem würde ich allerdings in jedem Fall beibehalten, weil es uns mehr Transparenz gibt.

Von Heiko Randermann

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