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Niedersachsen Niederlande gelten bei Krankenhaushygenie als Vorbild
Nachrichten Politik Niedersachsen Niederlande gelten bei Krankenhaushygenie als Vorbild
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20:56 02.02.2012
Von Karl Doeleke
Mit Mundschutz und Handschuhen: Ministerin Aygul Özkan besucht die Enscheder Klinik. Quelle: Tom Figiel
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Nordhorn/Enschede

An einem gewissen Punkt geht es nicht mehr weiter. Das Militär wird gerufen. Die Soldaten haben auch keine Mittel gegen die unsichtbare Gefahr in der Intensivstation, aber die niederländische Armee baut in der Innenstadt von Enschede ein Feldlazarett auf, das für den Afghanistan-Einsatz entwickelt worden war.

So geschah es vor vier Jahren. Sämtliche Patienten wurden in das provisorische Krankenhaus verlegt und die Intensivstation der Klinik geschlossen. Was in Enschede eine Notmaßnahme war, könnte für Niedersachsen im Umgang mit multiresistenten Keimen Modellcharakter haben: Deshalb war Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) in der niederländischen Grenzstadt zu Gast.

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In Deutschland sterben jedes Jahr 5000 Menschen an Infektionen, die durch multiresistente Keime ausgelöst werden. 17 000 Infektionen werden verzeichnet; die Zahl der Infektionen liegt zehn- bis 20-mal höher als in den Niederlanden.

Selbst dort sind die Krankenhäuser nicht vollkommen frei von den Keimen, aber im Nachbarland haben sie sehr früh sehr konsequent damit begonnen, das Problem zu bekämpfen. Die Niederlande sind so etwas wie das Musterland der Krankenhaushygiene. „Wir wollen, dass Infektionsrisiken für Menschen in Krankenhäusern so weit wie möglich minimiert werden“, sagt die Ministerin. Im April tritt in Niedersachsen eine neue Hygieneverordnung in Kraft, die in den Krankenhäusern viel von dem umsetzt, was in den Niederlanden schon seit Jahren mit Erfolg praktiziert wird.

„Seit wir eine neue Intensivstation haben, hatten wir hier keine Infektionen mehr“, sagt Piet Melief, leitender Arzt der Abteilung „Intensive care“. In seinen alten Räumen sind Büros eingerichtet worden. In nur einem halben Jahr haben die Niederländer für fünf Millionen Euro eine neue Station hochgezogen. Es gibt nur noch Einzelzimmer. Luftschleusen verhindern, dass Keime in die Klinik eindringen können.

Es gibt auch in Niedersachsen einzelne Kliniken, die führend sind in der Bekämpfung der Keime. In Nordhorn, wenige Kilometer von Enschede entfernt in der niedersächsischen Grafschaft Bentheim, wird immerhin seit 2004 praktiziert, was im Nachbarland schon lange Usus ist: Patienten bestimmter Risikogruppen werden bei der Aufnahme systematisch auf multiresistente Keime untersucht. Immerhin 30 Prozent der Patienten waren mit einem weit verbreiteten Bakterium besiedelt, den sogenannten Aureus-Keimen, hat 2006 eine Untersuchung aller Aufnahmen in Nordhorn ergeben. „Etwa 5,2 Prozent dieser Aureus-Keime sind widerstandsfähig gegen nahezu alle Antibiotika“, sagt Friedrich Auer, ärztlicher Direktor der Euregio-Klinik. Dieser „Problemkeim“, wie Auer ihn nennt, kann eitrige Infektionen der Wunde, Blutvergiftungen und Infektionen der Atemwege verursachen. Auers Klinik gehört einem grenzüberschreitenden Verbund von Krankenhäusern in Niedersachsen, den Niederlanden und Nordrhein-Westfalen an, in dem Krankenhauskeime schon vor Inkrafttreten der Hygieneverordnung systematisch bekämpft werden.

Teil davon ist das Screening sogenannter Risikopatienten mittels eines Schleimhaut-Abstrichs. Sozialministerin Özkan öffnet im Aufnahmebereich der Euregio-Klinik den Mund, Schwester Hanna Lahmann streicht mit Wattestäbchen in Rachen und Nasenlöcher. Die Ministerin gehört keiner der Risikogruppen an: Menschen mit chronischen Wunden und solche, die in den vergangenen sechs Monaten mit Antibiotika behandelt wurden oder beruflich mit Tieren zu tun haben. Seit Kurzem werden Landwirte in Nordhorn grundsätzlich getestet.

Nicht jeder, der mit multiresistenten Keimen besiedelt ist, wird auch krank. Zum Problem werden die Keime erst, wenn sie zum Beispiel bei einer Operation in die Wunde gelangen. Wird der Keim entdeckt, kann der Träger mit einer Salbe desinfiziert werden. Der Patient wird „saniert“, nennen Ärzte die etwa elf Tage dauernde Prozedur. Am Nachmittag soll Özkan dann erfahren, ob sie die gefährlichen Keime im Körper trägt.

Mit Inkrafttreten der neuen Verordnung im April wird dieses Screening in allen Kliniken des Landes Pflicht. Dann müssen alle Krankenhäuser auch sogenannte Isolierzimmer bereithalten. In Nordhorn gibt es 17 davon. Wird jemand positiv auf den Keim getestet, kommt er in ein solches Einzelzimmer. Die Zimmer haben einen abgetrennten Vorraum, in dem Besucher und das Pflegepersonal die Hände desinfizieren und Handschuhe, Spezialkittel sowie Mundschutz anlegen müssen. In den Niederlanden hat man unter anderem so die Kliniken so gut wie keimfrei bekommen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt im Kampf gegen die Keime ist laut Experten wie Ron Hendrix ein sensiblerer Umgang mit Antibiotika in der Human- und der Tiermedizin. „Durch die starke Gabe von Antibiotika haben immer mehr Bakterien Abwehrmechanismen gebildet“, sagt Auer“, das ist der Kern des Problems – besonders Mitarbeiter aus der Massentierhaltung bildeten eine Risikogruppe.

Özkan übrigens muss nicht „saniert“ werden. Ihr Screening verlief negativ, erfuhr sie auf der Rückreise nach Hannover per Telefon.

02.02.2012
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