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Niedersachsen So sah es vor 300 Jahren im Celler Zuchthaus aus
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00:24 22.10.2018
Thomas Papies, Leiter der JVA Celle, lud ein zur Buchvorstellung über das älteste Gefängnis Deutschlands. Quelle: Michael B. Berger
Hannover

Der deutsche Kaiser Wilhelm II., auf Kurzbesuch in Celle, wähnte sich am Ziel. Ein großes Tor mit Glockenturm, eine schlossähnliche Anlage, ein königliches Wappen über dem Eingang zum Hauptgebäude. Hier müsste die geeignete Adresse sein, in der früheren Residenzstadt abzusteigen. Doch Wilhelm II. irrte. Es war keine feudale Herberge, vor der er seinen Tross halten ließ, sondern das Celler Gefängnis. Ein „Zuchthaus im Gewand einer Residenz“, wie eine Kunsthistorikerin bemerkte. Noch heute fällt dieses Gebäude, in das die wenigsten Celler wirklich hineinwollen, im Stadtbild auf. Die Historikerin Uta Schäfer-Richter beschreibt jetzt in einem neuen Buch („Hinter Schloss und Riegel“, Wallstein-Verlag, Göttingen) die Gründungshistorie dieses Gefängnisses, das als „Zucht und Tollhaus“ zwischen 1706 und 1732 gebaut wurde und neben einer sächsischen Einrichtung das älteste Gefängnis Deutschlands ist.

Ein Akt der Strukturförderung

Ob Kaiser Wilhelm wirklich im Celler Gefängnis absteigen wollte, sei historisch nicht zweifelsfrei bewiesen, sagte die Historikerin, als sie jetzt ihr Buch in der Justizvollzugsanstalt vorstellte. Aber die Anekdote passe ganz gut zu dem Bau, der schon Zeitgenossen erstaunte. Eine klassische Legende sei es hingegen, dass die Celler den Bau eines Gefängnisses dem einer Universität vorgezogen hätten, weil im Gefängnis die „bösen Buben“ wenigstens hinter Gitter säßen. Nein, die Celler hatten keine echte Wahl, als der neue Landesherr in Hannover, der in Personalunion auch englischer König war, entschied, den Celler Bürgern ein Gefängnis zu spendieren. Als „Soulagement“, als Tröstung, für den Verlust des Status einer Residenzstadt. Denn mit dem Tod des Herzogs Georg Wilhelm (1705) endete das Hofleben. „Mit dem Hof ging das Geld, Celle verarmte“, schreibt die Autorin.

Aber es gab auch schon im 18. Jahrhundert handfeste Strukturpolitik, wie sie auch die heutige Bundesrepublik auszeichnet. Der König von Hannover, der zuvor auch durch allerlei Mauscheleien die Kurfürstenwürde zugesprochen bekommen hatte, wollte ein großes Zeichen setzen. Deshalb das prachtvolle Giebelwappen über dem Eingang mit den Wahlsprüchen des hannoverschen Kurfürsten – „Honi soit qui mal y pense“ ( „ein Schelm, wer Böses dabei denkt“), deshalb die große architektonische Geste. Weil der Kurfürst auch ein eigenes Gericht brauchte, kam 1711 das Oberappellationsgericht hinzu, heute Oberlandesgericht. Und da die Herrscher allmählich etwas fortschrittlicher dachten und die bisher üblichen drakonischen körperlichen Strafen der Hinrichtung und des Landesverweises durch die Zwangsarbeit ersetzten, brauchte man eine größere Einrichtung – für die Straffälligen ebenso wie für die psychisch Kranken. So entstand in Celle das erste „Zucht- und Tollhaus“ in Deutschland. Der Zweck der Strafe könne nicht darin bestehen, „ein mit Empfindung begabtes Wesen zu quälen und zu kränken“, schrieb der italienische Rechtsgelehrte Cesare Beccari Mitte des 18. Jahrhunderts, den auch Justizministerin Barbara Havliza bei der Buchvorstellung zitierte: „Heute ist der Gedanke der Menschenwürde selbstverständlich, im 18. Jahrhundert war er revolutionär“. So wurde in Celler mit dem neuen Zucht- und Tollhaus „die Wiege für das niedersächsische Gefängniswesen wie auch für die Pychiatrie gelegt“, sagt Schäfer-Richter.

Auch Kinder wurden hinter Gittern geboren

Die ersten Insassen des „Zuchthauses“ (ein Wort, das im Mittelalter vor allem für Frauenklöster Verwendung fand) seien in den Anfangszeiten vor allem Frauen gewesen. Sie wurden in die Spinnstuben gesetzt. Ein wesentliches Element der „Besserung“ war die christliche Lehre, weshalb das Haus des Anstaltsgeistlichen ebenso groß war wie das Haus des Commissarius, des Leiters der Anstalt. Dass ein Viertel der gesamten Anstaltsordnung die Ausführungen zu Katechese und Gottesdienst ausmachten, zeigte die Bedeutung der christlichen Unterweisung in der neuen „Besserungsanstalt“. Arbeit und Unterweisung sollten aus den Insassen bessere Menschen machen – ein Gedanke, der aus der Armenpflege entstand, merkt die Historikerin an. Allerdings war der Aufenthalt in dem Zucht- und Tollhaus alles andere als erquicklich. Besucher klagten über den unheimlichen Gestank, über ein „unwürdiges Durcheinander“ und über völlig überbesetzte Räume. So waren zeitweise etwa 74 Frauen in einer (!) Stube untergebracht. Oft wurde die Peitsche eingesetzt. Nicht selten sei es zwischen den Insassen und dem schlecht bezahlten Aufsichtspersonal zu sexuellen Beziehungen gekommen. „Zwischen 1731 und 1778 kamen im Celler Zuchthaus 83 Kinder zur Welt“, notiert die Autorin. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Emden ein Frauengefängnis gebaut und in Hildesheim eine Heil- und Pflegenanstalt.

Im 20. Jahrhundert sei die JVA Celle, die Ende des Jahrhunderts zum Hochsicherheitsgefängnis umgerüstet worden sei, ein reines Männergefängnis gewesen, berichtet Anstaltsleiter Thomas Papies. Noch bis 2013 sei die JVA-Celle nur für Männer gedacht gewesen, die zu Freiheitsstrafen von 14 Jahren und mehr verurteilt worden waren. Durch den Neubau mehrerer anderer Hochsicherheitsgefängnisse in Niedersachsen können heute in Celle auch Menschen aufgenommen werden, die geringere Freiheitsstrafen hätten. Heute sind 150 von 200 Justizbeamten für 200 Häftlinge zuständig. In der Gründungszeit waren es noch elf Bedienstete, die 200 Insassen gegenüberstanden.

Von Michael B. Berger

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