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Niedersachsen „Die Debatte um den Wolf muss sachlicher werden“
Nachrichten Politik Niedersachsen „Die Debatte um den Wolf muss sachlicher werden“
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21:00 19.09.2019
Holger Buschmann ist der Chef des Naturschutzbundes (Nabu) in Niedersachsen. Quelle: Mareike Sonnenschein

Herr Buschmann, Umweltminister Olaf Lies wird dieses Jahr wohl 150.000 Euro ausgeben müssen, um den sogenannten Rodewalder Wolf durch einen unbekannten Dienstleister erschießen zu lassen. Ist Lies mit dieser Jagd-Strategie auf dem richtigen Weg?

Nein, ich fürchte er hat sich eher auf einen Holzweg begeben. Es wäre viel sinnvoller, dieses Geld in Schutzzäune zu investieren, für Schutzmaßnahmen auszugeben, damit die Weidetierhalter ihre Tiere vor Angriffen bewahren können. Doch da tut sich viel zu wenig und es dauert viel zu lange. So wird derzeit nur ein Bruchteil der Anträge für Präventionsmaßnahmen bewilligt. In diesem Jahr liegen 500 Anträge vor, Ende Juli waren aber erst 116 Anträge bewilligt.

Aber warum sollte man nicht einen Wolf, der sogar Rinder angefallen haben soll, erschießen oder, wie Sie sagen, der Natur entnehmen?

Wir sind sehr skeptisch, ob das überhaupt gelingt, weil gar nicht genau bekannt ist, ob genau dieser Wolf die Rinder angefallen hat oder nicht vielmehr ein ganzes Rudel. Wir wissen aber auch, dass man Übergriffe dadurch verhindern kann, indem man Elektrozäune errichtet oder auch Herdenschutzhunde anschafft. Überall da, wo sich die Weidetierhalter auf den Wolf eingestellt haben und Zäune errichtet haben, geht die Zahl der Wolfsrisse zurück.

Nun will Herr Lies die Jäger um Mithilfe bitten bei der Wolfsjagd. Was halten Sie davon?

Das ist ein schwieriges Thema. Ich würde mich als Jäger sehr schwer tun mit der Entscheidung, ob ich mich da beteiligen sollte oder nicht. Denn die Jäger setzten sich in diesem Fall einem erheblichen Risiko aus. Sie müssen vor einem eventuellen Abschuss das Problemtier eindeutig identifiziert haben. Anderenfalls würden Sie den falschen Wolf abschießen und hätten eine Straftat begangen.

Naturschützer wie Sie sagen, der Wolf sei ungefährlich für den Menschen. Andere sagen, der Wolf habe durch die jahrzehntelange Nichtbejagung seine Scheu vor dem Menschen verloren, Joggerinnen berichten, ihnen sei schon ein Wolf nachgefolgt. Was sagen Sie dazu?

Es kann gut sein, dass den Joggerinnen ein Jungtier nachgefolgt ist, das von Natur aus neugierig ist. Junge Tiere sind von Natur aus weniger scheu als ältere Tiere. Aber man kann nicht erkennen, dass in Niedersachsen oder in Deutschland Wölfe weniger scheu wären als irgendwo in Osteuropa oder Südeuropa, wo die Tiere niemals ausgerottet waren. Auch dort ist es nach wie vor selten, einen Wolf zu sichten.

Was würden Sie tun, wenn Ihnen ein Wolf begegnen würde?

Ich hätte schon gehörigen Respekt, denn der Wolf ist ein beeindruckendes Tier. Gleichwohl würde ich mir klarmachen, dass keine Gefahr für mich droht. Was man tun sollte, ist sich bemerkbar zu machen. Man sollte dem Wolf klar machen, dass hier ein Mensch vor ihm steht. Also laut rufen, stehenbleiben und sich im Falle eines Falles ganz langsam zurückziehen.

Das Thema Wolf polarisiert nach wie vor, haben Sie dafür eine Erklärung? Ist es der Gegensatz zwischen Stadtbewohnern, die in der Regel nie einem Wolf begegnet sind, und Menschen vom Land, die solch ein Tier schon mal gesehen haben?

Wir beobachten nicht, dass die Ängste stärker geworden sind. Das ist nach unseren Befragungen auch kein Stadt-Land-Gegensatz. Es gibt eben Leute, die haben Angst vor Wölfen und solche, die haben keine Angst. Es ist für uns sehr schwer nachvollziehbar – ich bin Biologe – , woran das ökologisch liegt. Das ist wohl keine Frage der Biologie sondern der Psychologie.

Reichen eigentlich die knapp 3 Millionen Euro, die für das Thema Wolf bereitstehen – für Herdenschutzbekämpfung und Problemwolf-Bejagung?

Wichtig ist, dass die Mittel nicht nur bereitstehen, sondern dass Weidetierhalter sie auch schnell bekommen. Denn es ist nicht nur für die Landwirte fatal, wenn sich nichts tut, sondern auch für die Wölfe. Auch die müssen merken, dass es nicht einfach ist, sich an Weidetiere heranzumachen. Wenn sie an einen elektrisch geladenen Zaun stoßen, merken sie schnell, dass sie um manche Herde lieber einen Bogen machen sollten.

Muss man nicht befürchten, dass Niedersachsen bald ein völlig durchgezäuntes Land wird?

Ach nein, das halte ich für ein Schreckenszenario. So viele Tiere, die auf der Weide stehen, gibt es gar nicht in Niedersachsen. Im übrigen sind die Zäune maximal 1,20 Meter hoch mit fünf bis sechs Leitern. Ich hoffe, dass sich die Debatte allmählich versachlicht.

Zur Person:

Holger Buschmann ist seit 2008 hauptamtlicher Landesvorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu), der mit rund 105.000 Mitgliedern der größte Umweltverband in Niedersachsen ist. Buschmann ist im Landkreis Schaumburg aufgewachsen und hat nach seiner Schulzeit in Stadthagen (1985 bis 1993) an verschiedenen Universitäten Biologie studiert, mit den Schwerpunkten Tierökologie und Vegetationsökologie. Nach dem Diplom in Würzburg hat er seinen Doktortitel an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich erworben. Einige Jahre hat der Biologe auch als Artenschutzreferent gearbeitet.

Von Michael B. Berger

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