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Niedersachsen Kontraste - Indien zwischen VW-Millionen und Kinderheim
Nachrichten Politik Niedersachsen Kontraste - Indien zwischen VW-Millionen und Kinderheim
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14:25 03.10.2010
David McAllister besucht ein Kinderheim in Indien.
David McAllister besucht ein Kinderheim in Indien. Quelle: dpa
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Indien hat viele Gesichter: Während finanzkräftige Investoren wie VW auf der einen Seite hochmoderne Industriekomplexe in Rekordzeit aus dem Boden stampfen, scheint nur wenige Kilometer weiter die Zeit still zu stehen. Inmitten einer idyllischen Hügellandschaft in der Nähe der Stadt Pune mit Palmen und Wasserbüffeln steht eine alte Backsteinkirche und dahinter das Kinderheim Agape-Village, ein Zufluchtsort für arme und zum Teil schwer kranke Kinder.

Tagelang haben die Leiter des Heims, Timothy und Sonali Gaikmad, den Empfang des Besuchs aus Deutschland vorbereitet. Ein Schild gemalt, Luftballons aufgehängt und ein Programm einstudiert, das weder McAllister noch seine 50-köpfige Reisedelegation so schnell wieder vergessen werden. Denn diese Stippvisite geht unter die Haut.

In bunten Kleidchen und ihren schicksten Hosen tanzen und singen die Mädchen und Jungen im Alter von 2 bis 14 Jahren für den obersten Niedersachsen, schenken ihm Blumen, lachen. McAllister bedankt sich mit Bonbons und uneingeschränkter Aufmerksamkeit. „Ich habe auch zwei kleine Töchter zu Hause“, sagt er und man spürt, dass er in diesem Moment weder an den engen Terminplan noch an die anstehende Landtagswoche in Hannover denkt.

„Die Kinder sind so niedlich“, sagt McAllister während des Gangs durch die kargen Räume des Heims. Alte Plastikstühle hier, kaputte Fenster, einfache Etagenbetten dort - trotz der liebevollen Gestaltung sind Armut und Not unübersehbar. „Dieses Kinderheim ist ein nachahmenswertes Beispiel für ein Engagement, das von christlicher Nächstenliebe geprägt ist“, sagt McAllister. Das Heim gehört zur in Hannover ansässigen „Inter-Mission“. Seit 1964 kümmert sich die Stiftung um Arme und Notleidende in Indien. Ein teures Unterfangen, das sich ausschließlich über Spenden finanziert. Alleine nach Agape-Village fließen pro Jahr rund 60.000 Euro.

Aber Indien ist mehr als ein armes Dritte-Welt-Land. Dies sieht McAllister am Mittag beim Besuch des gigantischen VW-Werks, etwa eine Autostunde von Agape-Village entfernt. Für 580 Millionen Euro hat der niedersächsische Autobauer in der Nähe der Stadt Pune in nur zwei Jahren ein gigantisches Werk aus dem Boden gestampft. Ein Werk, mit dem VW den unverzichtbaren indischen Markt erobern will.

Nachdem die Hallen beim Besuch von McAllisters Vorgänger, Bundespräsident Christian Wulff, im Oktober 2008 noch mitten im Bau waren, kann sich McAllister ein Bild von der perfekt durchorganisierten Fertigung machen. Nach der Anlaufphase sollen hier mehr als 110.000 Autos, darunter Polos und Ventos, vom Band laufen. Neben Europa, China und Amerika ist Indien einer der wichtigsten Märkte für VW.

Doch das Engagement von VW geht nach eigenen Angaben über die eigentliche Fabrikarbeit hinaus: So finanziert das Unternehmen auch Impfungen von Schülern, investiert in den Hochwasserschutz und baut Wohnhäuser für die Mitarbeiter. In einer eigenen Akademie zur Berufsausbildung will VW die Inder zudem ab sofort für die Arbeit in den endlos langen Hallen schulen.

1,2 Millionen Euro hat das Haus sich die rund 1500 Quadratmeter große „Volkswagen India Academy“, die McAllister an diesem Tag zusammen mit VW-Chef Martin Winterkorn eröffnen darf, kosten lassen. Gut investiertes Geld, findet der CDU-Mann, der seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten vor drei Monaten auch im Aufsichtsrat des niedersächsischen Autobauers sitzt. Die Berufsausbildung sei eine der wichtigsten Herausforderungen in Indien.

„Die Reise durch das Land hat mich tief beeindruckt“, erklärt McAllister. Genau wie in den Vortagen in Neu Delhi wurde er übrigens auch in Pune, dem „Wolfsburg Indiens“, von einem gepanzerten VW-Phaeton über Stock und Stein chauffiert. Volkswagen hat die beiden Luxuslimousinen auf eigene Kosten eigenes für die Fahrten des obersten Niedersachsen nach Indien fliegen lassen.

Genau wie in Deutschland benötige McAllister auch in Indien einen besonderen Schutz, heißt es dazu aus der Staatskanzlei und von VW. „Die Bereitstellung der Fahrzeuge ist Teil eines umfassenden Sicherheitskonzeptes von VW India“, sagt ein Unternehmenssprecher. Beide Autos würden auch nach der Abreise McAllisters dauerhaft für sicherheitsrelevante Fahrten in Indien bleiben.

Aus Sicherheitskreisen erfuhr die Nachrichtenagentur dpa aber auch, dass es vor McAllisters Besuch keinerlei Hinweise auf Bedrohungen gegeben habe, die Fahrten in einer derart geschützten Limousine nötig gemacht hätten. Selbst die meisten indischen Politiker sind in der Hauptstadt der aufstrebenden Wirtschaftsmacht nicht in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs.

Niedersachsen und VW sind eben auch in Indien nicht zu trennen. Dies zeigt sich auch am Abend. Nach einem großen VW-Empfang fliegt McAllister gemeinsam mit Winterkorn in dessen Firmenflieger zurück nach Deutschland. Doch McAllister will den Flug nicht geschenkt haben. Alles würde ordnungsgemäß abgerechnet, betont er.

dpa

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