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Niedersachsen Bischof Wilmer über Folgen der Missbrauchsaffäre: „Stehen vor Scherbenhaufen“
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Hannover: Bischof Heiner Wilmer über Missbrauchsaffäre in katholischer Kirche: „Stehen vor Scherbenhaufen“

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19:29 10.11.2021
„Ich kann vor Ihnen nicht mehr als Lehrmeister auftreten“: Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim, sprach beim Jahresempfang des katholischen Büros im Alten Rathaus in Hannover.
„Ich kann vor Ihnen nicht mehr als Lehrmeister auftreten“: Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim, sprach beim Jahresempfang des katholischen Büros im Alten Rathaus in Hannover. Quelle: Moritz Frankenberg (Archiv)
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Hannover

Eigentlich sollte Kardinal Reinhard Marx den Festvortrag beim Jahresempfang des katholischen Büros im Alten Rathaus in Hannover halten. Doch der Kardinal gab Anfang der Woche bekannt, an Corona erkrankt zu sein. Deshalb sprang Hildesheims Bischof Heiner Wilmer ein – und überraschte die 200 Gäste in Hannover mit einem lebendigen Vortrag mit feuilletonistischen Zügen.

Suche nach den vermeintlich guten alten Zeiten

Mit dem aus der Seefahrt bekannten Hilferuf „SOS“ (Save our souls) betitelte Wilmer seine Betrachtungen. Und spielte den gleichlautenden bekannten Hit der schwedischen Popgruppe Abba ein, die derzeit ihr Revival feiert. Für Wilmer ist das keine zufällige Erscheinung, ebenso wie die Tatsache, dass die Wiederkunft des Moderatorveteranen Thomas Gottschalk mit „Wetten, dass ..?“ auf ein unerhört großes Publikumsinteresse traf. Es gebe, so Wilmer, wohl ein sehr großes Bedürfnis nach den vermeintlich guten alten Zeiten, in denen die Dinge noch in Ordnung waren. Oder zumindest so schienen.

„Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“

Die Kirche selbst, die sich lange Zeit als „perfekte Gesellschaft“ wähnte, sieht sich selbst durch die Missbrauchsaffäre in ihren Grundfesten erschüttert. „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“, sagte Wilmer. Bischöfe genössen heute weniger Vertrauen als Gebrauchtwagenhändler. „Ich kann vor Ihnen nicht mehr als Lehrmeister auftreten, dabei liegt das Top-Down-Verständnis (die Von-oben-nach-unten-Sicht) tief in unseren Genen.“ Der SOS-Ruf gelte auch für die Kirche, die selbst gerettet werden müsse.

Überall ein wenig „Babylon Berlin“

Auch angesichts von Klimafrage und Corona-Pandemie gehe wieder um Seelenrettung – und zwar weltweit. Wilmers verknüpfte den tiefen Sinn päpstlicher Botschaften mit der Analyse von Kulturkritikern, die die heutige Lage in Deutschland mit dem Ende der 1920er-Jahre vergleichen. Überall, so sein Fazit, ein wenig „Babylon Berlin“. Immerhin gäbe es ohne die Kirche, so sein etwas versöhnlicher Schluss, „keine Räume der Gnade“. Und auch keine Orte, wo verlorene Menschen, etwas Zeit für die Ewigkeit fänden. Lang anhaltenden Beifall bekam der Bischof für seine packende Predigt.

Von Michael B. Berger