HAZ-Interview zu Rassismus in der Polizei mit KFN-Expertin Zietlow
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Niedersachsen Rassismus bei der Polizei: Sind das noch Einzelfälle, Frau Zietlow?
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HAZ-Interview zu Rassismus in der Polizei mit KFN-Expertin Zietlow

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18:08 21.09.2020
Bettina Zietlow vom Kriminologisches Forschungszentrum Niedersachsen (KFN) rät, eine Rassismusstudei bei der Polizei durchzuführen. Quelle: Detlef Juerges
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Frau Zietlow, in Nordrhein-Westfalen sind Chats von Polizisten mit rechtsextremistischen Inhalten öffentlich geworden, ebenso in Mecklenburg-Vorpommern. Betrachten Sie als Polizeiexpertin des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen derartige Vorkommnisse als Einzelfälle?

Ich denke über den Status des Einzelfalles sind wir hinaus, gerade auch mit Blick auf Vorkommnisse in den Jahren zuvor. Man stößt hier und da auf Netzwerke, von daher sollte man nicht von Einzelfällen reden. Allerdings wird über das Problem von Extremismus in der Polizei oft in einem zu simplen Schwarz-Weiß-Muster diskutiert – zwischen den Polen ,strukturelles Problem‘ und ,Einzelfall‘.

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Wenn es sich nicht um Einzelfälle handelt, warum soll man dann nicht von einem strukturellen Problem reden?

Weil man damit vielleicht nicht der Wirklichkeit gerecht wird. Zwar gibt es Strukturen in der Polizei, die möglicherweise bestimmte Dinge befördern und hervorbringen, aber es ist kein grundsätzliches Problem der Polizei an sich. Das ist schon ein großer Unterschied.

Zur Person

Bettina Zietlow (53) arbeitet seit 2009 beim Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) und gilt als Polizeiexpertin. Die in Berlin geborene Psychologin hat vor sieben Jahren eine große Polizeistudie mitverfasst und unterrichtet sowohl an der Leibniz-Universität Hannover als auch an Polizeihochschulen.

Wie würden Sie die Strukturen, die möglicherweise bestimmte Radikalisierungen hervorrufen könnten, beschreiben?

Ich würde sie als Strukturen beschreiben, die möglicherweise Aufklärung verhindern. Polizisten arbeiten sehr eng zusammen, und zwar nicht selten in Ausnahmesituationen und Randzonen unserer Gesellschaft. Sie sind aufeinander angewiesen, müssen eine ganze Menge aushalten und sie haben möglicherweise keinen Ort, an den sie sich wenden können, wenn sie Dinge wahrnehmen, die für sie nicht stimmig sind. Sie brauchen ein gutes Verhältnis zu ihren Kollegen. Sie arbeiten in einer Gefahrengemeinschaft und fürchten, daraus ausgeschlossen zu werden.

Fehlt es in der Polizei an Supervision, psychologischer Betreuung und Unterstützung? Polizisten haben es mit Junkies zu tun, mit Alkoholikern – liegt es da nicht nahe, dass manche zu Zynikern werden?

Da bin ich ziemlich sicher. Das Problem ist nur, wir haben einfach zu wenige wissenschaftliche Erkenntnisse darüber. Wir stellen Fragen, wir äußern Vermutungen – etwa über den Umgang mit Misserfolg. Da verhaften Polizisten am Morgen einen Missetäter und erleben am Abend, wie der wieder freigelassen wird. Und am nächsten Tag wird der oder die wieder auffällig, und es wiederholt sich das Ganze. Auch der Umgang mit prekären Situationen, mit Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft, die sich in letzter Zeit gewandelt hat. Ohne Frage braucht es dafür mehr Räume, mit solchen Schwierigkeiten fertig zu werden. Das können psychologische Beratungen sein aber auch sportliche Treffen mit Kollegen, um einmal ganz einfach reden zu dürfen. Die Belastungen sind immens. So viel ist sicher.

Wie lernen Polizisten eigentlich, mit Misserfolg umzugehen? Bettina Zietlow rät zur wissenschaftlichen Bearbeitung des Themas. Quelle: Christophe Gateau, dpa (Archiv)

Einen Kollegen zu verpetzen ist äußerst schweirig

Sie sprachen vorhin von einer Gefahrengemeinschaft. Was meinten Sie damit?

Sie können Polizeiarbeit mit einer Seilschaft vergleichen. Man hängt, bildlich gesprochen, am selben Berg und kann sich nicht einfach abseilen. Man schützt sich gegenseitig. Dann einen Kollegen zu verpetzen, ist äußerst schwierig.

Herrscht zu viel Korpsgeist in der Polizei?

Gemeinschaft kann ja auch etwas Positives sein. Brisant wird so ein Geist nur, wenn er kippt. Das Problem ist nur, dass wir einfach zu wenig darüber wissen. Deshalb wäre eine Studie über Extremismus in der Polizei angebracht, und zwar eine völlig vorurteilsfreie Untersuchung.

Gegen die sich die Polizeigewerkschaften mit Händen und Füßen wehren. Sie sagen, die Polizeibeamten verdienten Unterstützung und keine Studien, die zu möglicherweise kritischen Ergebnissen kommen. Verstehen Sie diese Haltung?

Nein, verstehe ich nicht. Denn auch so eine Studie könnte letztlich eine große Unterstützung der Arbeit der Polizei bedeuten. Man muss sehr offen daran gehen, denn wir wissen doch gar nicht, was wir finden werden. Meine Vermutung ist eher, dass es für die Polizei eine Chance böte, sich so vielfältig darzustellen, wie sie ist. Ich vermute, dass in der Polizei sehr viele tätig sind, die sich in der Mitte der Gesellschaft verorten und auch etliche, die vielleicht eher links stehen.

Manchmal hört man, dass es gerade Menschen, die eher rechts stehen, zur Polizei zieht, weil sie hier autoritäre Strukturen vorfinden. Ist da was dran?

Auch das wissen wir nicht. So eine Annahme wird nahegelegt von Studien aus der Mitte der Neunzigerjahre, wonach 10 bis 15 Prozent der Polizisten verfestigte Einstellungen haben. Aber das war eine Momentaufnahme von vor 25 Jahren, also ist schon eine Generation her. Jetzt wäre es doch eine Untersuchung wert, ob junge Menschen den Weg in die Polizei finden, weil sie angeblich rechte Strukturen bietet oder ob sich junge Leute während ihres Dienstes verändern, also verkürzt: Ob man schon rechts ist oder erst bei der Polizei zum Rechten wird. Das müsste man mal genau untersuchen.

„Eine vorurteilsfreie Untersuchung wäre sogar gut für das Image der Polizei“: Bettina Zietlow vom KFN widerspricht der Einschätzung von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Quelle: HAZ-Archiv

Allgemeine Rassismusstudie nicht zielführend

Der Bundesinnenminister hat erklärt, er wolle lieber eine Untersuchung über Rassismus insgesamt in der Gesellschaft durchführen als über Rassismus in der Polizei. Was halten Sie davon?

Rassismus in der Gesellschaft zu untersuchen ist sicherlich spannend, aber nicht zielführend in der Frage, wie es damit in der Polizei bestellt ist. Das beantwortet nicht die Frage, was man möglicherweise tun muss, um Rassismus in der Polizei zu verändern. Das ist doch fatal, wenn man so etwas Polizeibeamtinnen und -beamten unterstellt. Auch sie sind auf das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger angewiesen. Die Vorstellung, ein Farbiger würde sich nicht mehr hilfesuchend an die Polizei wenden, weil er denkt, hier würde ihm ohnehin nicht geholfen, ist schwer erträglich. Ich glaube, eine vorurteilsfreie Untersuchung wäre sogar gut für das Image der Polizei. Man muss halt ergebnisoffen darangehen. Wir haben dafür mit der Deutschen Hochschule für Polizei eine Skizze verfasst und sind bereit, auch mit anderen zusammenzuarbeiten.

Die niedersächsische Polizei versucht, demokratische Resilienz bei jungen Polizeibeamten zu erzeugen. Wie macht man das?

Zum einen in Gesprächsangeboten zur beruflichen Überforderung, zum anderen in Angeboten zur politischen Bildung. Man muss ein Bewusstsein dafür schaffen, was Rassismus bedeutet und was Demokratie. Wichtig ist dabei, dass man dabei nicht in einem Frontalunterricht stecken bleibt, sondern durchaus Selbsterfahrungsmöglichkeiten schafft. Aber das geschieht bereits in Niedersachsen.

Von Michael B. Berger