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Niedersachsen Erdgasförderung: Studie bestätigt Häufung von Krebsfällen
Nachrichten Politik Niedersachsen Erdgasförderung: Studie bestätigt Häufung von Krebsfällen
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00:21 21.12.2018
Ein Wissenschaftler entnimmt eine Bodenprobe an einer Gasförderanlage in Bothel: Dort sind von 2003 bis 2012 überdurchschnittlich viele Männer an Leukämie und Lymphomen erkrankt.
Ein Wissenschaftler entnimmt eine Bodenprobe an einer Gasförderanlage in Bothel: Dort sind von 2003 bis 2012 überdurchschnittlich viele Männer an Leukämie und Lymphomen erkrankt. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa
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Hannover

Ist die Erdgasförderung in Niedersachsen gefährlich für die Anwohner? Eine Studie des Sozialministeriums hat eine erhöhte Krebsrate in der Nähe von Erdgasförderstätten im Kreis Rotenburg bestätigt. In anderen Erdgas- und Erdölförderregionen konnten Experten aber insgesamt keine Auffälligkeiten feststellen. Sozialministerin Carola Reimann (SPD) kündigte weitere Untersuchungen an. „Viele Menschen, die in der Nähe von Förderanlagen wohnen, sind besorgt, und das kann ich gut verstehen“, sagte Reimann am Dienstag.

In der Samtgemeinde Bothel und in der benachbarten Kreisstadt Rotenburg waren von 2003 bis 2012 überdurchschnittlich viele Männer an Leukämie und Lymphomen erkrankt. Die große Zahl von Krankheitsfällen war durch eine Auswertung des Niedersächsischen Krebsregisters für die Jahre 2014 und 2015 bekannt geworden. Rotenburger Ärzte hatten daraufhin unabhängige Studien gefordert. Der Kreis reagierte 2017 mit einer Befragung der Bürger in Bothel. Die ergab, dass die erhöhte Krebsrate mit nahe gelegenen Bohrschlammgruben zusammenhängen könnte. Diese wurden früher angelegt, um Abfälle aus Erdgasbohrungen zu sammeln. Die Erdgas- und Erdölfirma Exxon Mobil, die im Kreis Rotenburg bohrt und fördert, bestreitet diese Zusammenhänge jedoch.

Für die aktuelle Studie des Sozialministeriums haben Umweltmediziner der Uni München den sich über Niedersachsen erstreckenden Gürtel an Erdgas- und Erdölförderung unter die Lupe genommen, der sich durch 15 Landkreise zieht. Dabei wurden knapp 4000 in den Jahren 2013 bis 2016 erstmalig diagnostizierte Fälle von sogenannten hämatologischen Krebserkrankungen aus diesem Gebiet mit knapp 16 000 zufällig aus den Einwohnermelderegistern gewählten Personen verglichen.

Laut Ministerin Reimann zeigen die Untersuchungen statistisch auffällige Zusammenhänge in Wohnorten in der Nähe von Erdgasförderanlagen, besonders in Bothel. Die Ergebnisse der Münchner Studie machen die Sache allerdings noch etwas komplizierter, weil diesmal nicht die Krebshäufigkeit bei Männern statistisch auffällig ist, sondern bei Frauen.

Das Ministerium lässt nun in einer weiteren Studie untersuchen, wie stark Menschen in der Nähe von Förderstätten und Gruben tatsächlich belastet sind. Denn bei den aufgetretenen Krebsarten vergehen oft Jahrzehnte, bis die Krankheit ausbricht. „Wir wollen ausschließen, dass es auslösende Faktoren gibt, die bislang noch nicht beseitigt wurden“, betonte Reimann. Die ersten Ergebnisse sollen 2019 vorliegen.

Im Kreis Rotenburg und den umliegenden Gebieten lagert Deutschlands größtes Erdgasvorkommen – dort wird seit Jahren gefördert. Immer wieder war es zu Zwischenfällen mit austretendem Lagerstättenwasser gekommen – und zu Erdbeben, die vermutlich durch Bohrungen ausgelöst wurden. Zahlreiche Bürgerinitiativen protestieren in Niedersachsen gegen Gasbohrungen. Sie fordern unter anderem eine Umkehr der Beweispflicht bei Schadensfällen, eine umweltfreundliche Entsorgung von Giftstoffen und ein Fracking-Verbot.

Von Marco Seng