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Niedersachsen Das Gas unterm Salzstock Gorleben – ein Pulverfass?
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16:51 09.11.2010
Von Margit Kautenburger
Quelle: dpa
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Das gehe aus bislang unbeachtet gebliebenen Akten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hervor, sagt Greenpeace-Experte Mathias Edler. Kämen die 200 Grad heißen Atommüllbehälter im Endlager in Kontakt mit diesem Gas, hätte dies Explosionen und Wassereinbrüche im Endlager zur Folge. Für Edler ist damit klar: „Mit explosivem Gas in unmittelbarer Nähe der geplanten Atommüllkammern ist Gorleben im wahrsten Sinne des Wortes verbrannt.“ Der Salzstock würde zu einer „tickenden Zeitbombe“.

Bekannt war bislang, dass schon bei den Vorbohrungen für die beiden heutigen Schächte des Erkundungsbergwerks 1982 Kohlenwasserstoffgas gefunden wurde. Der Kieler Geologe Klaus Duphorn, der Anfang der achtziger Jahre für die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) den Salzstock begutachtete, hatte schon damals vor dem Gas gewarnt. Die Gefahr wurde von den für die Erkundung verantwortlichen Fachleuten der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern (DBE) jedoch heruntergespielt und bei der Erkundung ausgeblendet.

Auch die derzeitige Bundesregierung glaubt nicht, dass die Vorkommen ein Problem für ein mögliches Endlager darstellen. Gaseinschlüsse im Salz seien nicht ungewöhnlich, man müsse sie aber bei der künftigen Erkundung berücksichtigen, heißt es im Bundesumweltministerium. Führende Endlagerexperten widersprechen. Die Frage sei, ob das Gas im Salzstock wandert, möglicherweise auch dorthin, wo der Atommüll einmal lagern soll. Das könne die Sicherheit des Lagers infrage stellen, sogar zum Knockout-Kriterium für den Standort werden.

Das Gasproblem führt weit zurück in die heikle Geschichte Gorlebens. Seit mehr als 30 Jahren wird über den Standort gestritten. Nun lässt die schwarz-gelbe Bundesregierung trotz heftigen Widerstands der Anwohner nach zehnjähriger Pause den Salzstock weiter untersuchen. Gleichzeitig dürfen die Atomkraftwerke im Schnitt 14 Jahre länger laufen. Das heizt die Proteste an und verursacht noch mehr radioaktiven Abfall. Etwa ein Drittel mehr stark strahlender Müll – etwa 5000 Tonnen – fallen durch die Laufzeitverlängerung an und müssen deponiert werden.

Ist überhaupt genügend Platz für diesen Abfall? Fachleute meinen nein, sofern der Bund nicht die Besitzer der Salzrechte – Andreas Graf Bernstorff sowie die evangelischen Kirchengemeinden – enteignet. Verzichtet er auf diesen unpopulären Schritt, könnten nur kleinere Bereiche als geplant erkundet werden. Das hat sogar Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) in dieser Woche eingeräumt und damit infrage gestellt, ob die Eignung des Salzstocks unter diesen Vorzeichen überhaupt nachgewiesen werden kann.

Als Schwachpunkte des Salzstocks gelten überdies das ungenügende Deckgebirge und die Verbindung des Salzes zu wasserführenden Schichten. Auf einer Fläche von viereinhalb Quadratkilometern kommt das Salz mit grundwasserführenden Sand- und Kiesschichten in Berührung. Geologe Duphorn hatte auch deswegen 1982 überraschend die Eignung infrage gestellt. Das schlug damals ein wie eine Bombe, Duphorn wurde kaltgestellt. Die Befürworter Gorlebens betonen hingegen, ein intaktes Deckgebirge sei nicht nötig. Die gute Beschaffenheit des Salzes selbst reiche aus, um die Abfälle für eine Million Jahre sicher von der Biosphäre zu isolieren.

Trotz früherer Zweifel setzte der Bund weiterhin alles auf eine Karte. 1983 gab das Bergamt Celle grünes Licht für die untertägige Erkundung Gorlebens. Seither sind 1,5 Milliarden Euro in das Projekt geflossen.

Der Streit schwelt seitdem weiter. Die rot-grüne Bundesregierung versuchte einen Neuanfang. Sie verhängte einen zehnjährigen Erkundungsstopp und berief 14 Wissenschaftler der Für- und Gegenseite in einen Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerung. 2002 legte dieser einen viel beachteten Bericht vor, der eine neue Standortsuche nach vorher festgelegten Kriterien in einem transparenten Verfahren empfahl. Am Ende sollte das Parlament ein Standortauswahlgesetz beschließen. Doch das Projekt scheiterte am Widerstand der Union – bis heute.

Ein Satz der Gegner genügte, um auch den neuen Bundesumweltminister Röttgen einzuschüchtern. „Keine Diskussion über alternative Standorte, sonst zünden wir die ganze Republik an“, warnte Max Straubinger, der stellvertretende Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Die Unionspolitiker im Süden wollen mit aller Macht verhindern, dass auch dort gesucht wird. Röttgen, der mit der Laufzeitverlängerung genug Probleme hatte, bleibt auf Kurs Gorleben. Auf der Basis einer Genehmigung von 1983 wird nun weiter erkundet. Dagegen will die Bürgerinitiative klagen. Verzögerungen sind programmiert. „In dieser Legislaturperiode wird Röttgen keine Aussagen zur Eignung Gorlebens treffen können“, ist BI-Sprecher Wolfgang Ehmke überzeugt. Ein Weitermachen ohne Rücksicht auf die Einwände der Bürger führe in die Sackgasse.

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