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Niedersachsen Atomkraftgegner im Wendland feiern größte Demo aller Zeiten
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08:54 07.11.2010
Von Heinrich Thies
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Grüne Luftballons und rote Drachen schweben über einem abgeernteten Maisfeld. Weiter oben kreist ein Polizeihubschrauber. Das Knattern untermalt kämpferische Reden, mischt sich mit Posaunenklängen, Sambatrommeln, Rapgesängen, Jazz und Hardrocknummern.

Protest-Party vor den Toren Dannenbergs. Zehntausende sind schon auf den Acker an der Castor-Straßentransportstrecke zwischen Nebenstedt und Schliekau geströmt – und viele tausend sind noch auf den Zufahrtsstraßen unterwegs. Die rote Anti-Atom-Sonne lacht auf unzähligen Transparenten. „Herzlich willkommen im Wendland, da wo die Uhren anders ticken“, ruft die Vorsitzende der Bürgerinitiative, Kerstin Rudek der bunten Menge zu, „Danke, dass ihr alle hier seid. Wir brauchen Euch. Atomausstieg ist Handarbeit.“ Zustimmendes Johlen. Noch lauter wird der Jubel und das Trillerpfeifenkonzert, als die Wendländerin verkündet, dass 50.000 gekommen seien – so viel Demonstranten wie der Landkreis Lüchow-Dannenberg Einwohner habe. „Das ist die größte Anti-Atom-Kundgebung aller Zeiten“, ruft die BI-Vorsitzende und entfesselt einen neuen Begeisterungssturm.

Neben den rund 500 Bussen, die Dannenberg angesteuert haben, werden vor allem die 600 Trecker stürmisch begrüßt. Claas Chocholowitz von der Bäuerlichen Notgemeinschaft weist in seiner aufpeitschenden Rede darauf hin, dass es im gesamten Landkreis nur 600 Bauern gibt. Noch wichiger aber ist die Botschaft des 23-jährigen Landwirts, dass sich auf der Strecke zwischen Nebenstedt und Schliekau 150 Trecker ineinander verkeilt haben. Allen ist klar, was das bedeutet: die erste große Blockade.

Die übrigen Schlepper bilden eine lange Reihe entlang des Kundgebungsplatzes, dekoriert mit Parolen wie „Wenn Ihr unser Leben nicht achtet, achten wir Eure Gesetze nicht.“ Unter den Treckerfahren sind bekannte Gesichter. Gregor Gysi zum Beispiel hat eigenhändig einen der Traktoren von Klein Gusborn nach Dannenberg gesteuert. Wo er das gelernt hat? „Ich habe schon mit 16 den Treckerführerschein gemacht, im Rahmen meiner Ausbildung zum Facharbeiter für Rinderzucht“, erzählt der Chef der Linken-Bundestagsfraktion verschmitzt. Gysiliefert sich an diesem Tag auf dem Trecker buchstäblich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Promis aus den Reihen der Grünen. Die Grünen-Bundesvorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir müssen sich allerdings mit dem Beifahrersitz begnügen. Dafür winken sie umso emsiger.

Rederecht haben Parteipolitiker bei der Kundgebung nicht. Stattdessen sprechen Annelie Buntenbach vom DGB-Bundesvorstand oder der internationale Greenpeace-Geschäftsführer Kumi Naidoo, ein südafrikanischer Menschenrechtsaktivist mit Apartheid-Hintergrund. Auf der Rednerlister steht auch Lars-Ole Walburg, Intendant des hannoverschen Schauspielhauses, dessen Beteiligung im Vorfeld einigen Wirbel ausgelöst hat. Möglicherweise hat die CDU-Kritik den Theatermann nicht ganz unbeeindruckt gelassen. Walburg doziert so blutleer und einschläfernd über das Widerstandspotenzial der griechischen Tragödie, dass die nachfolgenden Referenten Mühe haben, die Stimmung wieder hochzuziehen. Und nicht immer gelingt es, die Menge zum Skandieren der üblichen Schlachtrufe wie „Abschalten, Abschalten“ zu motivieren. Den größten Beifall verspricht noch die Nachricht, dass es wieder mal gelungen ist, den Castor-Zug aufzuhalten. Yeahh!

Wohlweislich sind auch Musikbeiträge eingeplant. „Tanz Deine Revolution“, singt Pop-Rebell Rainer von Vielen. Und der linke Showstar Rocko Schamoni ruft „Hallo Stuttgart“. Ein Brückenschlag, der auch auf etlichen Transparenten anklingt. Klar bei all dem ist, dass es mit flammenden Reden nicht sein Bewenden haben soll. Die fair gehandelten Bananen, die als Symbole für die „Bananenrepublik Bundesrepublilk“ unters Volk geworfen werden, sind auch als Wegzehrung für die Blockaden der nächsten Tage gedacht.

Nicht im Sinne der Kundgebungsleitung und wohl der meisten Demonstrationsteilnehmer ist indessen eine Aktion am Rande der friedlichen Protest-Party. Während nebenan geredet, gesungen und gefeiert wird, greifen schwarzgekleidete Autonome zu Spitzhacke und Spaten, um die Straße zu unterhöhlen. Als schließlich die Polizei anrückt, haben sie schon einen Tunnel von sechs, sieben Metern Länge gegraben. Und die Vermummten sind nicht bereit, das Feld friedlich zu räumen. Manche von ihnen werfen mit Steinen und Flaschen auf die Ordungshüter, so dass diese zu Schlagstöcken und Pfefferspray greifen müssen, um sich Respekt zu verschaffen. „Bullen, Schweine“, skandiert der Schwarze Block aus Hamburg daraufhin. Oder „Hopp, hopp,hopp, Bullen im Galopp“. Und die Polizisten, die sich bisher als freundliche Helfer im Hintergrund gehalten haben, bauen sich mit Schutzschild und heruntergeklapptem Visier zu einer bedrohlichen Kette auf – grimmig entschlossen, sich ja nicht provozieren zu lassen.

Ein Autonomer hat sich als Gevatter Tod maskiert. „Schluss mit lustig“, steht auf seinem Schild. Sambatrommler geben einen so kriegerischen Takt vor, als wollten sie die Versammelten in die Schlacht treiben – so laut, dass man von der Großveranstelung nebenan nichts mehr mitbekommt. Manche Nicht-Autonome mühen sich, die Hamburger zur Vernunft zu bringen, stoßen aber nur auf taube Ohren. „Wir helfen Euch doch nur, den Castor aufzuhalten“, sagt einer. Ein anderer mit einem Ring in der Nase und einer Flasche Bier in der Hand ist gar nicht mehr in der Lage, etwas Vernünftiges zu sagen.

Besonders unglücklich über die Wühlarbeit und Provokationen der Autonomen sind die Bauern, die hundert Meter entfernt die Straße mit ihren Treckern blockiert haben, dabei aber angeregte, zumeist freundliche Gespäche mit den Polizisten führen. „Das war nicht in unserem Sinn“, sagt Christoph Schäfer von der Bäuerlichen Notgmeinschaft. Deutlichere Worte der Distanzierung sind nicht zu hören. Niemand von den Landwirten will bestätigen, dass die Notgemeinschaft dem Polizeieinsatz zugestimmt hat, wie die Polizei beteuert. Manche meinen gar, die Ordungshüter selbst hätten Provokateure in die Reihen der Autonomen geschleust.

Dabei steht außer Frage, dass der Schwarze Block den Bauernprotest in den Schatten gestellt hat. Kamerateams, Reporter und Fotografen haben sich sofort auf die aktionsreiche Randale gestürzt. Dennoch harren die Landwirte weiter auf der Straße aus – aufgewärmt durch heißen Glühwein. Ihre Trecker sind schließlich eingekeilt. Irgendwann werden sie vermutlich von der Polizei abgeschleppt. „Das kennen wie schon“, sagt ein Bauer, der sich wie alle „Meyer“ nennt. „Aber wir haben ja keine Wahl: Wir müssen zeigen, dass wir uns das nicht gefallen lassen.“

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