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Deutschland / Welt „Glaubensbekenntnisse beseitigen Atommüll nicht“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Glaubensbekenntnisse beseitigen Atommüll nicht“
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07:20 26.11.2014
Von Michael B. Berger
Von wiederkehrenden politischen Reflexen im Streit um die Atomenergie hält er nichts: Wolfram König (hier unter Tage).
Von wiederkehrenden politischen Reflexen im Streit um die Atomenergie hält er nichts: Wolfram König (hier unter Tage). Quelle: dpa
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Vor wenigen Tagen, als der nationale Entsorgungsplan bekannt wurde, sprachen Atomkraftgegner von einem Entsorgungs-GAU. Ist das nicht fürchterlich übertrieben?

Für das Atomthema ist die aktuelle Diskussion bezeichnend. Da wird seit Jahren die umfassende Darstellung aller atomaren Abfälle und die Darstellung einer Entsorgungsperspektive gefordert. Kaum liegt der Entwurf eines derartigen Berichts auf dem Tisch, startet eine Welle der Empörung. Ich jedenfalls bin froh, dass das nationale Entsorgungsprogramm der Bundesregierung schonungslos darlegt, wo wir überall in der Bundesrepublik mit radioaktiven Abfällen rechnen müssen und welche Veränderungen entstehen können, etwa durch eine Neubewertung von Produktionsrückständen, die heute noch als Wertstoffe deklariert werden. Es wurden erstmals auch die Abfälle aufgenommen, die aus der Asse geholt werden sollen. Und da bin ich nicht nur als Betreiber sondern als Strahlenschützer sehr daran interessiert, einen Weg zu finden, der zu einer Endlagerung führt und nicht nur zu einer Zwischenlagerung auf unbestimmte Zeit.

Was bedeutet das für Schacht Konrad?

Konrad ist ein Endlager, das Niedersachsen genehmigt hat im Jahr 2002. Es ist für eine Abfallmenge von 650 000 Kubikmetern beantragt worden. Auf dieser Grundlage sind auch die Sicherheitsbewertungen erfolgt. Dann ist in der Genehmigung auf politischer Übereinkunft zwischen Land und Bund die Abfallmenge auf 303 000 Kubikmeter reduziert worden. Das waren damals die Abfallprognosen.

Das heißt, in Konrad ist genügend Platz auch für Abfall aus der Asse?

Theoretisch ja. Beim Planfeststellungsbeschluss hat aber noch keiner an die Abfälle der Asse gedacht und auch nicht an anderes möglicherweise zukünftig als Abfall zu behandelndes schwach- oder mittelradioaktives Material. Das heißt, ohne einen neuen Planfeststellungsantrag mit neuen Sicherheitsnachweisen speziell auf diese radiologischen und chemischen Stoffe ist deren Einlagerung nicht möglich.

Das Bild von einem Entsorgungs-GAU ist also falsch?

Wir haben immer das Problem, dass wenn es um Atommüll oder die Entsorgungsfrage geht, oft Assoziationen etwa an Tschernobyl oder Fukushima bemüht werden. Das sind Reflexe, die mit der jahrzehntelangen Auseinandersetzung über die Atomenergie zu tun haben. Man sollte sie langsam ablegen. Denn jetzt geht es um eine möglichst sichere Entsorgung. Um Abfälle, die wir haben und die niemand mit einem Glaubensbekenntnis aus der Welt schaffen kann. Deren Beseitigung ist eine Aufgabe, für die man selten Beifall findet, die aber dringend notwendig ist, damit die Sicherheit, die wir für uns beanspruchen, auch zukünftigen Generationen gilt.

Heißt das nicht für die Politik, dass sie endlich von dieser Kassandra-Rolle Abschied nehmen muss?

Nach dem beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie haben sich die Verhältnisse jedenfalls geändert. Es geht nicht mehr darum, durch den Bau von Entsorgungseinrichtungen den Weiterbetrieb der Atomenergie zu sichern. Wir brauchen eine differenziertere Diskussion. Zum einen über das nach wie vor ungelöste Problem der Endlagerung hochradioaktiver Abfälle, darum kümmert sich die Endlagersuchkommission. Daneben gibt es aber die große Menge des schwach- und mittelradioaktiven Abfalls. Da haben wir schon jetzt zum Teil Situationen, die wir aus Strahlenschutzgesichtspunkten einfach nicht hinnehmen können. Die Zwischenlager sind zudem weit über das Land verteilt an Kernkraftwerken, Landessammelstellen und Forschungseinrichtungen. Die Länder haben ein massives Interesse und drängen, dass Konrad endlich fertig wird. Wer Konrad jetzt grundsätzlich infrage stellt, der muss sich auch der Frage stellen, wie wir mit den Zwischenlagern umgehen wollen, die nicht als Dauereinrichtungen konzipiert sind. Sicherheitsprobleme sind programmiert. Es haben sich mittlerweile mehr als 100 000 Kubikmeter Abfall angesammelt in Behältern, die nicht für eine jahrzehntelange Lagerung ausgelegt sind.

Kritiker vor allem aus der Region fürchten, jetzt werde beim Schacht Konrad getrickst und nachträglich einfach neuer Müll in den genehmigten Schacht geschoben – ohne neue Planfeststellung.

Das gibt die Genehmigung nicht her. Jede wesentliche neue Menge, die in den Schacht kommt, muss in einem Planfeststellungsverfahren neu genehmigt werden, inklusive dazugehöriger Öffentlichkeitsbeteiligung. Ich appelliere, alle Entsorgungsfragen etwas ruhiger anzugehen. Bei uns steht die Sicherheit ganz obenan. Bei der bislang anhaltenden Stimmlage der Diskussion um den Atommüll habe ich eher die Befürchtung, dass es zu einer Blockade kommt und die Gefahr besteht, dass man irgendwann die Abfälle ins Ausland abschiebt – zulasten der Sicherheit.