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Deutschland / Welt War Stauffenberg der letzte Ritter? Biograf Thomas Karlauf über den Hitler-Attentäter
Nachrichten Politik Deutschland / Welt War Stauffenberg der letzte Ritter? Biograf Thomas Karlauf über den Hitler-Attentäter
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22:00 12.07.2019
Thomas Karlauf (64), Lektor und Autor historischer Sachbücher, versucht in „Stauffenberg. Porträt eines Attentäters“ (Blessing, 2019) die Leerstellen auszuleuchten, die es bei der Motivlage des Oberst noch gibt. Quelle: Jaqueline Schulz

Herr Karlauf, in Deutschland ist der 20. Juli nationaler Gedenktag an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Wie exemplarisch steht der gescheiterte Attentäter Stauffenberg für den deutschen Widerstand in der NS-Zeit?

Stauffenberg ist ein Beispiel für die Vielschichtigkeit des Widerstands. Er kam nicht aus kommunistischen oder bürgerlichen Kreisen, sondern aus nationalkonservativen adeligen. Stauffenberg entschied sich erst spät, Widerstand gegen Hitler zu leisten, und erst drei Wochen vor dem Attentat, es selbst auszuführen. Aber er war Teil eines Netzwerks, das die Pläne zur Tötung des Diktators lange vor seiner Teilnahme geschmiedet hatte.

Die Betrachtung Stauffenbergs durchlief eine bemerkenswerte Entwicklung. Stauffenberg galt bei nicht wenigen Militärs und ehemaligen Hitler-Anhängern auch nach dem Krieg als Verräter. Zugleich war er das schlechte Gewissen der Nation, später dann sah man in ihm eine Art Lichtgestalt. War Stauffenberg so etwas wie der letzte Ritter?

Das klingt vielleicht etwas zu romantisch – aber warum nicht? Stauffenberg war durch und durch Soldat. Er erteilte Befehle und gehorchte Befehlen, so funktionieren Armeen. Dass ein Generalstabsoffizier wie Stauffenberg geputscht hatte, stürzte die Militärs nach dem Krieg in ein Dilemma. Die Bundeswehr machte in ihrem ersten Traditionserlass den Wehrmachtssoldaten, die bis zum Schluss „durchgehalten“ hatten, keinen Vorwurf, sich nicht gegen Hitler aufgelehnt zu haben. Andererseits wurden die Widerständler in Uniform als Leute bezeichnet, die in letzter Konsequenz nur noch ihrem Gewissen gefolgt waren. Aber das Verhältnis zwischen Befehlsgehorsam und Befehlsverweigerung aus Gewissensgründen blieb ungeklärt. Es ist bis heute eine Gratwanderung.

Die DDR plante sogar eine Stauffenberg-Medaille der Nationalen Volksarmee. Wie ist das zu verstehen?

In der DDR hatte Stauffenberg früher Anerkennung gefunden als in der Bundesrepublik. Der Historiker Kurt Finker hat noch 1967 eine beachtenswerte Stauffenberg-Biografie vorgelegt, die auf der Prämisse beruhte, dass antifaschistischer Widerstand sich eben nicht auf die Kommunisten beschränkte. Nach Lesart der frühen DDR hatte sich Stauffenberg aus seiner Junkerrolle befreit und Kontakt zu den Kommunisten gesucht. Dieser Interpretation wurde aber alsbald ein Riegel vorgeschoben – bis die DDR dann in den 1980-er-Jahren Bismarck und die Preußenkönige für sich entdeckte. Dazu passte die geplante Stauffenberg-Medaille.

Sah Stauffenberg sich als einzig möglichen Attentäter?

Keineswegs. Ursprünglich war Generalmajor Hellmuth Stieff als Attentäter vorgesehen. Ein aufrechter Mann, doch er fand viele Gründe, es dann doch nicht zu tun. Erst nach einer von Stieff ausgelassenen Gelegenheit am 7. Juli 1944 entschloss sich Stauffenberg, es selbst zu tun. Keiner aus dem Verschwörerkreis kam zu diesem Zeitpunkt so dicht an Hitler heran wie er.

Was wollte Stauffenberg durch Hitlers Tod erreichen?

Er wollte der vollständigen Niederlage zuvorkommen. Solange die Fronten hielten, blieb Deutschland ein Machtfaktor, und vor diesem Hintergrund sollte in Verhandlungen mit den Kriegsgegnern versucht werden, das Beste für Deutschland herauszuholen. Mit Hitler gab es keine Friedensoption.

Porträt von Claus Philipp Maria Schenk Graf Von Stauffenberg. Quelle: Imago

Was unterschied Stauffenberg von anderen Attentätern, etwa von einem Mann wie Georg Elser, der 1939 im Münchner Bürgerbräukeller mit einem Anschlag auf Hitler scheiterte?

Elser und Stauffenberg muss man in einem Atemzug nennen. Dabei war Elser ein echter Einzeltäter, der sein Attentat monatelang akribisch vorbereitet hatte. Als Pazifist hasste er den Krieg, der gerade erst begonnen hatte, und wollte ihn mit Hitlers Tod beenden. Stauffenberg traf die Entscheidung, dass Hitler weg muss, als er erkannte, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Was sie eint, ist die Erkenntnis, dass man selbst handeln muss, wenn man etwas erreichen will. Wenn sie erfolgreich gewesen wären – vor allem Elser 1939 –, sähe die Welt heute anders aus.

Es ist detailliert bekannt, wie der Attentatsversuch im Führerhauptquartier Wolfsschanze abgelaufen ist. Warum blieben aber Persönlichkeit und Motivation des Attentäters lange im Dunkeln?

Die Deutschen nutzten das Attentat nach dem Krieg als Alibi, dass sie doch nicht so schlecht waren. Die Flugblätter der Weißen Rose, die Texte Bonhoeffers, die Briefe Moltkes waren großartige Dokumente der Humanität. Aber nichts davon hätte nach dem Krieg ausgereicht, den Widerstand insgesamt zu verorten. Gefragt war ein Symbol, und das war das Attentat vom 20. Juli. Dummerweise passte die Motivation des Attentäters nicht ganz ins Bild.

Die schwäbische Adelsfamilie, die Gedankenwelt des einflussreichen Dichters Stefan George und das Militär seien die drei Fixsterne in Stauffenbergs Leben gewesen, schreiben Sie in Ihrer Biografie. Welcher hatte das größte Gewicht?

Das Militär hat ihn am stärksten geprägt. Stauffenberg war ein direkter Nachfahre des Generalfeldmarschalls Neidhardt von Gneisenau, trat mit 18 in die Reichswehr ein und machte selbstbewusst eine Karriere als Generalstabsoffizier. Die Familie spielt in der Welt des Adels natürlich eine zentrale Rolle. Stauffenberg schmerzte der widerstandslose Abschied des Adels von der Macht, er hat die Abdankung der regierenden Häuser 1918 immer als Schmach empfunden. Sein aus adeliger Herkunft und Korpsgeist geprägtes Elitebewusstsein wird verstärkt durch die merkwürdige Ideenwelt des 1933 verstorbenen Dichters Stefan George. Dort lernte er, mit letzter Konsequenz für das einzutreten, woran man glaubt.

Die Stauffenberg-Enkelin Sophie von Bechtolsheim beklagt, das Leben ihres Großvaters werde allein auf seine Tat verengt. Wie wird der Oberst denn als Privatmensch beschrieben?

Er war eine glänzende Erscheinung, groß gewachsen und gut aussehend, zielstrebig, selbstbewusst, ein strategischer Kopf und ein hervorragender Logistiker. Kameraden beschreiben ihn als stark politisierend im nationalen Sinn, als lockeren Gesprächspartner auf der gesellschaftlichen Ebene, als einen Mann, der viel und laut lachte. Als warmherzig erwies er sich wohl nur im engsten Familienkreis.

Hatte Stauffenberg so etwas wie Demokratie im Sinn?

Woher sollten Leute seines Jahrgangs und seiner Sozialisation wissen, was Demokratie ist? Stauffenberg war nationalkonservativ. Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 hat er gesagt, wenn er wählen dürfte – Soldaten durften ja nicht –, dann würde er für Hitler stimmen.

Wie stark war seine Begeisterung für Hitler?

Als Soldat waren seine Erwartungen anfangs wohl grenzenlos. Auch viele von Hitlers politischen Auffassungen entsprachen seinen Positionen. Noch 1944 sagte sein Bruder im Gestapo-Verhör, sie hätten die Grundideen des Nationalsozialismus zum größten Teil bejaht.

Was wusste Stauffenberg über die Judenverfolgung und die Verbrechen der Wehrmacht?

Er war darüber als Offizier des Generalstabs wohl schon Ende 1941 im Bilde.

Hat ihn das emotional berührt?

Im August 1942 gab es ein Gespräch mit einem Major Kuhn, in dem Stauffenberg die „Judenbehandlung“ als eines der Verbrechen der Hitler’schen Politik bezeichnete. In dem für den 20. Juli vorbereiteten Aufruf an die Soldaten der Wehrmacht wurden die Verbrechen an den Juden merkwürdigerweise als Verbrechen bezeichnet, die den Ruf des deutschen Volkes besudeln. In den Papieren, die Stauffenberg bei seiner Festnahme am 20. Juli bei sich trug, stand davon kein Wort.

Thomas Karlauf Quelle: Jaqueline Schulz

Wenn Stauffenberg so national eingestellt war – wie konnten ihm dann die Verschwörer um Henning von Tresckow trauen?

Tresckow und die anderen waren ja genauso national gesinnt. Und genauso wenig „Nazis“ wie Stauffenberg. Für den Chef des Stabes beim Allgemeinen Heeresamt wurde ein fähiger Nachfolger gesucht, Stauffenberg hatte glänzende Zeugnisse, und er stand im Sommer 1943 nach einer langen Genesungsphase zur Verfügung. Also sprachen Tresckow und Olbricht ihn an. Es war ein Versuch.

Ahnten sie, dass Stauffenberg innerlich bereit war?

Im Januar 1943 hatte Stauffenberg Generalfeldmarschall Erich von Manstein im Zuge der Einkesselung der 6. Armee in Stalingrad davon zu überzeugen versucht, dass Hitler den Oberbefehl abgeben muss. Manstein hat ihn rausgeschmissen, weil er das schon als Anstiftung zum Putsch verstand. Stauffenberg begriff in diesem Winter, dass der Krieg nicht beendet werden konnte, solange Hitler an der Macht war.

Wollte Stauffenberg nach Gelingen des Attentats selbst auf die politische Bühne?

Nein. Mehr als die Organisation des Umsturzes und ganz zuletzt dann die Ausführung des Attentats hatte Stauffenberg nicht für sich vorgesehen. Sein Ziel war die Errichtung einer vorübergehenden Militärdiktatur, um einerseits Machtkämpfe im Innern zu verhindern und andererseits Verhandlungen mit den Kriegsgegnern einzuleiten.

War er ein Patriot?

Stauffenberg war ein Patriot im besten Sinne. Er handelte aus Liebe zum Vaterland. Hitler habe kein Recht, das ganze deutsche Volk mit in seinen Untergang hineinzuziehen, hieß es in einem seiner letzten Papiere.

Die AfD wirbt mit dem Widerstand leistenden Patrioten Stauffenberg für ihre Ziele. Was unterscheidet den Patriotismus von Stauffenberg vom Patriotismus, den die AfD meint?

Den Widerstand gegen Hitler dem Widerstand gegen die Bundeskanzlerin gleichzusetzen ist völlig absurd und ahistorisch. Wenn man Stauffenberg nicht den Rechten überlassen will, sollte man allerdings etwas ehrlicher über seine Motive reden.

Wofür steht Stauffenberg heute?

Stauffenberg steht für Mut, Konsequenz und Entschlossenheit. Entschlossenheit, für das einzutreten, was er als richtig erkannt hatte, und dafür das Äußerste zu wagen. Er hat sich aus dem Milieu, in dem er aufgewachsen ist und das ihn bestimmte, erst befreien müssen, bevor er erkennen konnte, dass Hitler die falsche Wahl war. Dieser Erkenntnisprozess, der sich zwischen Sommer 1942 und Sommer 1943 abspielt, ist das eigentlich Faszinierende an der Sache, das, was Stauffenberg über seine Zeit hinaus auch für uns Heutige interessant macht.

Stauffenberg würde also auch mit weniger Glorienschein ein gutes Vorbild sein?

Erst recht! Er gehört in die Mitte der Gesellschaft, weil er jedem von uns den Spiegel vorhält: Und was tust du? Ich bin sehr gespannt auf das, was Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Rede zum 75. Jahrestag des Hitler-Attentats im Berliner Bendler-Block sagen wird. Ich bin sicher, dass ihre Worte über das hinausgehen, was üblicherweise an diesem Tag gesagt wird.

Stauffenberg. Porträt eines Attentäters Quelle: Verlag

Zur Person: Thomas Karlauf

Mit seinem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Oberst im Generalstab der Wehrmacht, berühmt. Doch die Deutschen taten sich nach dem Krieg lange schwer, den von den Nazis hingerichteten Adligen und seine Helfer als Widerstandskämpfer anzuerkennen. Offiziere und frühere Hitler-Anhänger diffamierten sie als „Verräter“, in der DDR galten lange nur Kommunisten als „wahre“ Widerständler.

Thomas Karlauf (64), Lektor und Autor historischer Sachbücher, versucht in „Stauffenberg. Porträt eines Attentäters“ (Blessing, 2019) die Leerstellen auszuleuchten, die es bei der Motivlage des Oberst noch gibt. Neben der Familie und dem Militär nennt Karlauf vor allem den Einfluss des Lyrikers und Lebensreformers Stefan George (gestorben 1933), den die drei Stauffenberg-Brüder – wie andere Zeitgenossen auch – geradezu als Propheten verehrten.

2007 hatte er eine StefanGeorge-Biografie veröffentlicht. Zuvor hatten Politiker den gebürtigen Offenbacher als Ghostwriter ihrer Autobiografien geschätzt. Er arbeitete für den österreichischen Sozialdemokraten und Ex-Kanzler Bruno Kreisky sowie den legendären Christsozialen Franz Josef Strauß.

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