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Deutschland / Welt Viele Katalanen wollen weg von Spanien
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Viele Katalanen wollen weg von Spanien
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20:45 06.11.2014
Foto: Kleine Figuren wie diese werden traditionell in Katalonien zur Weihnachtszeit aufgestellt. Diese hier symbolisieren aber die Mitglieder der Regionalregierung – und die bevorstehende Abstimmung am Sonntag.
Kleine Figuren wie diese werden traditionell in Katalonien zur Weihnachtszeit aufgestellt. Diese hier symbolisieren aber die Mitglieder der Regionalregierung – und die bevorstehende Abstimmung am Sonntag.
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Barcelona

Was unterscheidet die Katalanen von den Spaniern? „Die Fähigkeit zu arbeiten“, sagt Àlex Fenoll. „Hier in unserem Unternehmen beginnt man, wie in vielen katalanischen Unternehmen, um 6 Uhr morgens. Im Rest Spaniens fängt der Arbeitstag zwischen ­
9 und 10 Uhr an. Dann wird eine Pause eingelegt, um sich was zu essen zu machen. Die Spanier sind mehr für andere Dinge zu haben als fürs Arbeiten. Für sie funktioniert ja alles auch so, weil es Katalonien gibt.“ Bitte? Sind das nicht Klischees? „Nein, nein“, erwidert Fenoll.„Viele Daten bestätigen das!“

Was die Daten bestätigen, ist, dass Katalonien eine der wirtschaftlich erfolgreicheren Regionen Spaniens ist. Die Zahlenfolge, die viele Katalanen anfügen, lautet: Hier leben 7,5 Millionen Menschen, das sind 16 Prozent der spanischen Bevölkerung. Sie erwirtschaften 18,8 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts; und der Anteil an den spanischen Exporten ist größer als 
26 Prozent. Einer, der seinen Teil zu dieser Erfolgsgeschichte beiträgt, ist Àlex Fenoll. Sein Unternehmen, Eladi Fenoll, produziert in Sabadell, nicht weit von Barcelona, Kunststoffteile für Industriekunden. Die Produktion soll auf eine benachbarte Halle ausgedehnt werden, denn das Unternehmen brummt.

Das Geheimnis seines Erfolgs? „Wir versuchen seit 30 Jahren, Deutsche zu sein“, sagt Fenoll. „Wirklich! Das ist für viele Katalanen das Modell, wie eine Gesellschaft funktionieren soll.“ Deutsch heißt: organisiert, effizient, vorausschauend. Ganz anders als die Spanier. Die benähmen sich wie ein Ferrari-Fahrer, der mit 250 über die Straßen donnert, aber nie den Ölstand kontrolliert – und sich wundert, wenn er plötzlich liegen bleibt. So seien die Spanier vom Boom in die Krise gestürzt. „Und sie fragen sich nicht, was sie falsch gemacht haben“, glaubt Fenoll. Er will es ihnen auch nicht mehr erklären. Er will nur noch los von ihnen. „Mit dem spanischen Staat werden wir uns nie verstehen. Die Unabhängigkeit ist die rationalste Lösung.“

So wie der junge Unternehmer denken immer mehr Katalanen. Noch vor wenigen Jahren waren die Separatisten eine etwas wundersame Minderheit, doch spätestens seit dem 11. September 2012 sind sie eine nicht mehr zu übersehende Macht: Damals gingen sie, aus Anlass des katalanischen Nationalfeiertages, zu Hunderttausenden in Barcelona auf die Straße, um für die Abspaltung von Spanien zu demonstrieren, und im folgenden und in diesem Jahr wieder. Sie sind so stark geworden, dass auch die katalanische Regierungspartei unter Ministerpräsident Artur Mas von ihrem jahrzehntelangen Kurs abgewichen ist: Statt wachsender Autonomie innerhalb Spaniens strebt sie nun den eigenen katalanischen Staat an.

Nach verschiedenen Umfragen unterstützt etwa die Hälfte aller Katalanen den neuen Kurs ihrer Regierung. Und selbst viele Gegner der Abspaltung würden doch zumindest gern in einem Referendum nach ihrer Meinung gefragt werden. Aber ein solches – bindendes – Referendum wird es nicht geben. Das spanische Parlament und die spanische Regierung halten die Idee für verfassungswidrig. Stattdessen will Regionalpräsident Mas am 9. November eine – rechtlich folgenlose – Befragung aller Katalanen in Sachen Unabhängigkeit organisieren.

Dass sich die spanischen Institutionen gegen ein Sezessionsreferendum sperren, hat den Wunsch nach Sezession nur noch befeuert. „Hätte der spanische Regierungschef Rajoy nach der ersten großen Demonstration 2012 gesagt ,Bitte, stimmt ab!’, dann hätte wahrscheinlich allein die Tatsache, als politisches Subjekt anerkannt zu werden, die Unabhängigkeitsbewegung um 20 Punkte schrumpfen lassen“, glaubt der katalanische Philosoph Josep Ramoneda. Doch nach Ansicht der Regierung und der großen spanischen Parteien gibt es nur einen unteilbaren Souverän: die Gesamtheit aller Spanier.

Die Mehrheit der Katalanen sieht das anders. Oriol Junqueras, Chef der separatistischen Linkspartei ERC, die nach allen Umfragen in der Gunst der katalanischen Wähler zurzeit ganz vorn liegt, sieht sogar „die Demokratie gefährdet“, wenn sich Spanien nicht dem Wunsch nach einem Referendum beugt.

Die Frustration über täglich neue Nachrichten von Korruption und sozialem Niedergang in Spanien weckt bei den Katalanen die Sehnsucht nach einem Ausweg. Der Separatismus sei in diesem Moment die „verfügbare Utopie“, schrieb vor Kurzem die katalanische Soziologin Marina Subirats. „Wenn alle Welt behauptet, die Zukunft sei verschlossen, und es kommt jemand und sagt: Hier ist ein Fensterchen, hinter dem man ein neues Land sieht, das Land, das wir sein könnten – dann funktioniert das als Hoffnung“, erklärt der Philosoph Ramoneda.     

Von Martin Dahms

Starke Unterstützung vom Bayern-Trainer

Pep Guardiola ist Katalane. Der Trainer des FC Bayern München macht sich stark für das Bestreben seines Volkes nach Unabhängigkeit von Spanien. Geboren ist der 43-Jährige in Santpedor, im Herzen Kataloniens, eine Autostunde von Barcelona entfernt. Das 7000-Einwohner-Städtchen liegt unweit der Benediktinerabtei Santa Maria de Montserrat.

Geprägt wurde der kleine Pep von seinem Vater Valentí, einem früheren Bauarbeiter und stolzen Katalanen. Der 82-Jährige, der in der Franco-Diktatur aufwuchs und die Unterdrückung der Autonomiebestrebungen erlebte, ist eine enge Bezugsperson für den Bayern-Trainer. Wann immer Guardiola ein paar freie Tage hat, reist er nach Hause zu seinen Eltern.

In mehreren Videobotschaften machte er sich in den vergangenen Jahren für seine Heimat stark. „Hier habt ihr eine Stimme mehr für die Unabhängigkeit“, sagte er. Außerdem: „Katalonien ist meine Heimat. Katalonien ist nicht Spanien“, erklärte Guardiola, der für die Bürgerinitiative „Assemblea Nacional Catalana“ (ANC) „das Recht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung“ forderte. Im Juni, als seine Bayern-Spieler bei der WM in Brasilien weilten und er Urlaub hatte, nahm er an einer Demonstration von Katalanen auf dem Berliner Alexanderplatz teil.

Von Patrick Strasser     

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