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Deutschland / Welt Der irre Streit um die richtige Zeit
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06:00 30.03.2019
Der Alternativmediziner Hubertus Hilgers hat noch nie eine Zeitumstellung mitgemacht. Er kämpft für die dauerhafte Beibehaltung der im Winter geltenden Normalzeit. Quelle: dpa
Erlangen

 Der Hüter der Zeit praktiziert in einem unauffälligen Mehrfamilienhaus im Süden Erlangens. Davor stehen Garagen, schräg gegenüber ragt die Werner-von-Siemens-Realschule über die Bäume. Der Ruhepol der Welt befindet sich hier, eingekeilt zwischen der A 73 von Nürnberg nach Suhl und der viel befahrenen B 4, gewiss nicht. Das jedoch hält Hubertus Hilgers nicht von seinem Ziel ab: den Menschen mehr innere Ruhe zu verschaffen – mit der richtigen Zeit.

Der Homöopath befindet sich jetzt fast 39 Jahre im Widerstand. Seit Einführung der Sommerzeit am 6. April 1980, Hilgers war damals 17, hat er sich standhaft geweigert, seine Uhr im Frühjahr eine Stunde vor- und im Herbst wieder zurückzustellen. „Ich wollte diesen Unsinn nicht einfach so mitmachen. Bis heute habe ich dafür nicht eine vernünftige Begründung gehört.“

Vom Arzt zum politischen Aktivisten

In der Sommerzeit gibt Hilgers Patienten zwei Terminangaben aus: in „Normalzeit“, die er sich ins Buch schreibt, und in der offiziell geltenden Zeit – damit Patienten nicht eine Stunde zu spät kommen. „Da gibt es keine Probleme.“ Ansonsten könne auch er der Sommerzeit nicht entfliehen. „Die Müllmänner nehmen um 5.30 Uhr keine Rücksicht darauf, dass ich mich noch in der Tiefschlafphase befinde.“

Als Hilgers 2013 den epileptischen Anfall einer viereinhalbjährigen Patientin auf den Stress durch die gerade erfolgte Zeitumstellung zurückführt, beginnt er sich politisch für die ganzjährige Rückkehr zur Normalzeit, die häufig als Winterzeit bezeichnet wird, zu engagieren. Der Erlanger verfasst eine Online-Petition, die schnell mehrere Zehntausend Unterstützer findet. Der Bundestag befasst sich 2017 mit ihr als einer von 65 Petitionen zu diesem Thema. Das Ergebnis ist für die Aktivisten enttäuschend: Ihr Anliegen wird dem Wirtschaftsministerium und der EU-Kommission zur Prüfung vorgelegt.

War die Zeitumstellung ein Flop?

Nun aber bewegt sich was. Bis 2021, beschloss das Europäische Parlament vor wenigen Tagen, soll die Zeitumstellung in der EU wieder abgeschafft werden. Haben die Petitionen, die in nahezu allen EU-Staaten das Ende der Umstellungen fordern, dazu geführt? Sind es gesundheitliche Bedenken oder zu geringe Energieeinsparungen? Ist die fast 40 Jahre praktizierte Zeitumstellung am Ende sogar ein Flop gewesen?

Ursprünglich wurde sie in Deutschland 1980 gestartet, um Energie zu sparen – eine Nachwirkung der Ölkrise in den 1970er Jahren. Außerdem hatten Nachbarländer die Zeitregelung schon früher eingeführt. Und so lange die erste Umstellung her ist, so alt ist die Debatte über ihre Sinnhaftigkeit.

Nach Jahrzehnten der Erfahrung liegen viele Fakten auf dem Tisch. So hat das Bundesumweltamt festgestellt, dass während der Sommerzeit zwar abends elektrisches Licht gespart wird. Doch besonders in den Monaten März, April und Oktober werde dafür morgens mehr geheizt. Insgesamt betrachtet steige der Energieverbrauch sogar. Zu ähnlichen Befunden kommt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). „In der Tat bringt der Dreh am Zeiger keine spürbare Energieeinsparung“, sagt Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer.

Aus medizinischer Sicht bereitet die direkte Umstellung der Zeit einem Viertel der Bevölkerung Probleme. Besonders der Wechsel im Frühjahr bereitet vielen unmittelbar danach spürbare Schwierigkeiten. Mehr Menschen als sonst klagen über Schlafdefizite, die Fallzahlen von Depressionen, Herzinfarkten und Suiziden steigen, es treten Ernährungsprobleme und Konzentrationsschwächen auf. Sogar bei Kühen sind Probleme durch sich verschiebende Melkzeiten bekannt. Studien weisen ebenfalls nach, dass es am ersten Montagmorgen der Sommerzeit mehr Verkehrsunfälle als an anderen Montagmorgen gibt.

In der EU gibt es drei Zeitzonen

Die EU, in der es drei Zeitzonen gibt, plant zwar die einheitliche Abschaffung der Zeitumstellung. Welche Zeit es aber künftig sein soll, das überlässt die Kommission den einzelnen Mitgliedsstaaten.

In Deutschland und 16 weiteren EU-Ländern herrscht bis Sonntagfrüh Mitteleuropäische Zeit (MEZ). Dazu zählen die Niederlande, Belgien, Österreich, Dänemark, Frankreich, Italien, Kroatien, Polen und Spanien. Acht Länder - Bulgarien, Estland, Finnland, Griechenland, Lettland, Litauen, Rumänien und Zypern - sind eine Stunde voraus: dort gilt die Osteuropäische Zeit (OEZ). Drei Staaten sind eine Stunde zurück: Irland, Portugal und Großbritannien, wo die Westeuropäische Zeit (WEZ) oder Greenwich Mean Time (GMT) gilt.

Am Sonntag, 31. März 2019, werden die Uhren wieder auf Sommerzeit eine Stunde vorgestellt. Quelle: epd

Die Interessen der Staaten sind nach dem EU-Beschluss – je nach geografischer Lage – sehr unterschiedlich. Den einen wird es zu spät hell, den anderen zu früh dunkel. Portugal will an der Zeitumstellung festhalten. Die Balten möchten ewige Sommerzeit. Die Slowakei befürwortet die Beibehaltung der in den kühlen Monaten geltenden Normalzeit.

Bundesregierung befürwortet dauerhafte Sommerzeit

Die deutsche Regierung hat bislang Sympathien für die ganzjährige Sommerzeit erkennen lassen. Als Argument wird ein 12 Jahre alter Kommissionsbericht genannt, der zu dem Ergebnis gekommen war, dass die ganzjährige Sommerzeitregelung angemessen sei. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der in Berlin das Ende der Zeitumstellung managen soll, räumt ein, dass ihm Stellungnahmen verschiedener Branchen vorlägen, die ein sehr heterogenes Bild zeichnen. Darum fragt er bis zum Herbst regierungsintern die Positionen seiner Kabinettskollegen ab. „Die Vermeidung von Zeitinseln und Friktionen im Binnenmarkt sind für die Bundesregierung von zentraler Bedeutung“, sagt eine Sprecherin Altmaiers.

Die Gastronomen sind auf Regierungskurs – lange, helle Abende bescheren im Sommer ordentliche Umsätze. Viele Bauern meinen, dass sie bislang mit der Zeitumstellung zurechtgekommen sind. „Aber für die Tiere ist es ohne eine Zeitumstellung sicher etwas leichter“, sagt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, „weil sie an feste Fütterungs- oder Melkzeiten gewöhnt sind.“

Sommerzeit erhöht Gefahr von Arbeitsunfällen

Der Zentralverband des Deutsches Baugewerbes fordert, zeitlich alles so zu lassen. „Die dauerhafte Beibehaltung der Sommerzeit hätte für die Bauwirtschaft gravierende Folgen“, warnt Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa. „Je nach Wohnort würde es in den Wintermonaten erst zwischen neun und zehn Uhr hell, Baustellen müssten flächendeckend beleuchtet werden, und das über Wochen und Monate hinweg. Zudem erhöht ein längeres Arbeiten bei Dunkelheit die Gefahr von Arbeitsunfällen.“

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Dass häufig Sommerzeit auf Dauer gewünscht wird, liegt wahrscheinlich auch daran, dass mit der Sommerzeit lange Helligkeit, laue Nächte und Wärme assoziiert werden. „Das ist ein sprachliches Phänomen“, sagt der deutsche CDU-Europaabgeordnete Peter Liese. „Sommerzeit klingt besser. Wir mögen den Sommer einfach lieber als den Winter.“ Die meisten Befürworter ganzjähriger Sommerzeit würden jedoch ausblenden, dass es dann in den Wintermonaten erst zwischen 9 und 10 Uhr hell werde – Kinder müssten also viel länger im Dunkeln zur Schule. „Wenn wir die dauerhafte Sommerzeit einführen, dann müssten wir auch darüber nachdenken, den Schulbeginn zu verschieben“, sagt Liese. Das wiederum bringt Lehrer auf die Palme. Verbandschef Heinz-Peter Meidinger hält solche Vorschläge für „irrsinnig“.

Mehrmals die Uhr umstellen – ist das schlimm?

Der drohende Flickenteppich unterschiedlicher Zeiten in Europa scheint wie ein Damoklesschwert über dem Ende der Zeitumstellung zu schweben. Wenn sich die Mitgliedstaaten in Mitteleuropa nicht einig sind, dann könnte es dazu kommen, dass Autofahrer auf dem Weg von Deutschland über die Niederlande, Belgien und Luxemburg nach Frankreich mehrfach die Uhr umstellen müssten. Europapolitiker wie Liese fänden das bizarr. Aber wäre es wirklich so schlimm?

In China gilt nur eine Zeitzone. Wenn in Peking die Sonne aufgeht, ist es im rund 3500 Kilometer weiter westlich gelegenen Kashgar noch dunkel. Auch in Indien gilt ganzjährig nur eine Standardzeit. Die US-Amerikaner leben dagegen in 11 Zeitzonen, in denen es auch noch vereinzelt Zeitumstellungen gibt, sogar innerhalb einzelner Bundesstaaten.

Uhrenumstellung wirft uns drei bis vier Wochen zurück

Nichts ist daran schlimm, sagt der renommierte Chronobiologe Professor Till Roenneberg (siehe Interview) von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Experte für die innere Uhr (Aktuelles Buch: „Das Recht auf Schlaf – Kampfschrift für den Schlaf und ein Nachruf auf den Wecker“) hält die Furcht vor der zersplitterten europäischen Zeit für unbegründet. „Am besten für uns Europäer wäre dauerhafte Normalzeit und eine Neueinteilung der Zeitzonen“, so Roenneberg. „Die Sommeruhrenumstellung wirft uns hingegen teilweise drei bis vier Wochen zurück."

Sein Vorschlag: Die zentrale europäische Zeitzone müsste von der Ostgrenze Polens bis zur deutsch-französischen Grenze reichen, inklusive der Schweiz, Italien und Griechenland. Spanien, Frankreich, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Großbritannien und Nordirland wären dann in der Greenwich Mean Time. Portugal, Island und Irland sollten noch eine Zeitzone nach Westen rutschen, so Roenneberg. „Für das Zusammenspiel von innerer Uhr und sozialer Zeit wäre das für alle am gesündesten.“

Der Erlanger Hüter der Zeit ist unterdessen müde geworden. Hubertus Hilgers – der Mann, der noch nie eine Zeitumstellung mitgemacht hat – ist herzkrank. Er führt das auf die Aufregung der letzten Jahre zurück. Hilgers sagt, er kann nicht mehr. Andere müssten jetzt um die richtige Zeit kämpfen. Seine Zeit.

Von Thoralf Cleven und Damir Fras/RND

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