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Deutschland / Welt Überleben im Donbass: Der Krieg vor der Haustür
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12:14 22.07.2019
Kann man hier noch leben? Eine Frau schaut aus ihrem Haus in Donezk, das gerade bei einem Angriff beschädigt worden ist. Quelle: Valentin Sprinchak/Tass
Kiew/Mariupol

Irgendwann haben sie es nicht mehr ausgehalten. Die Explosionen, die lauten Schüsse in der Donezker Nacht, die bangen Stunden im Keller. Vor allem aber die Angst um ihren kleinen Sohn. „Wenn die Kanonen knallten, haben wir ihm immer erzählt, es sei ein Fest mit einem Feuerwerk“, sagt Marina Kocherga.

Die 43-Jährige hat immer noch Tränen in den Augen, wenn sie von den Monaten vor ihrer Flucht berichtet. Davon, dass sie immer wieder nachts die Treppen hinabgestiegen sind mit einem Koffer, wenn die Separatisten sich in ihrer Heimatstadt Donezk im Osten der Ukraine Kämpfe mit den ukrainischen Truppen lieferten. Dass sie ihren Sohn, den damals fünfjährigen Semjon, dann dort unten vor den Fernseher gesetzt haben, um Trickfilme zu schauen, stundenlang: „Irgendwann hat unser Sohn schon ungeduldig gefragt, wann wir wieder in den Keller gehen.“

An seinem sechsten Geburtstag reichten die Trickfilme nicht mehr aus, um Semjon vom Krieg abzulenken. Gerade fuhren sie mit dem Auto von der Geburtstagsfeier nach Hause. Als ein paar Steine von unten gegen das Auto stießen, fragte der Junge plötzlich verängstigt, ob es schon wieder ein Angriff sei.

„Es ist schwierig, plötzlich Flüchtling zu sein. Man fühlt sich am Boden, egal, was man vorher war“: Marina Kocherga ist mit ihrer Familie aus Donezk in den von Kiew kontrollierten Teil der Ostukraine geflohen. Quelle: Thomas Imo/photothek

In diesem Moment ist sie eingestürzt, die brüchige Normalität, die sie um ihren Sohn so sorgsam aufgebaut hatten. An seinem sechsten Geburtstag ist Semjon im Krieg angekommen. „Wir hatten gedacht, er bekommt davon nichts mit, aber er wusste genau Bescheid.“ Sie flohen tags darauf. Das war Anfang 2015.

Heute sitzt Marina Kocherga in der neuen Schule ihres Sohnes in Berdjansk, einer Stadt 50 Kilometer von Donezk entfernt, auf der von Kiew kontrollierten Seite der Ostukraine. Sie gilt jetzt als Vertriebene. So wie zwei Millionen andere Ukrainer, die seit der Annexion der Krim durch Russland im März 2014 und der Ausrufung der „Volksrepubliken“ von Luhansk und Donezk im April 2014 aus den von prorussischen Separatisten besetzten Gebieten im Donbass geflohen sind.

Der Waffenstillstand hält nicht

Trotz eines international ausgehandelten Waffenstillstands sterben noch immer nahezu täglich Menschen bei Scharmützeln an der sogenannten Kontaktlinie, die die von der Regierung in Kiew kontrollierten Gebiete von den Separatistengebieten trennt. Mehr als 13 000 Menschen sind nach UN-Angaben hier ums Leben gekommen.

„Es ist schwierig, plötzlich Flüchtling zu sein“, sagt die Mutter. „Man fühlt sich am Boden, egal, was man vorher war.“

Manchmal fahren sie noch über die Kontaktlinie zu ihrem Zuhause. Setzen neue Scheiben ein, wenn die alten wieder einmal zerstört wurden, gucken nach dem Rechten. Es gibt eine Handvoll Kontrollpunkte, an denen man die Grenze überqueren kann. Semjon, mittlerweile zehn Jahre alt, ist einmal mitgekommen nach Donezk, in das alte Haus. „Er hat dort ein großes Kuscheltier gefunden, das wir nicht mitnehmen konnten. Semjon hat es in die Luft geworfen und freudestrahlend ,zu Hause, zu Hause‘ gerufen.“ Dann sind sie wieder gefahren. Ins neue Zuhause. Nach Berdjansk.

Ungewollt im eigenen Land

Entlang der Frontlinie ist die Belastung fünf Jahre nach der Ausrufung der Separatistenrepubliken im Donbass hoch. Die Vertriebenen, die versorgt und integriert werden müssen, stellen die Kommunen vor enorme Aufgaben. Die Schulen sind zu klein, die Wohnungsnot wächst, sogar mit der Integration gibt es Probleme – auch wenn die Flüchtlinge zuvor nur wenige Kilometer entfernt lebten. „Uns wurden anfangs die Reifen zerstochen, unsere Nachbarn haben uns als Donezker Banditen beschimpft“, erzählt Marina Kocherga. „Sie dachten, wir nehmen ihnen etwas weg.“

Entwicklungsorganisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und auch der ukrainische Staat wenden Millionen auf, um Schulen zu sanieren, demokratische Strukturen auszubauen, die Wirtschaft zu fördern und die öffentliche Infrastruktur anzupassen – und damit den sozialen Frieden zu erhalten und die überforderten Städte zu unterstützen.

Tatsächlich sind die wirtschaftlichen Einbußen durch den Krieg beträchtlich – auch ohne die Mehrbelastungen durch die Vertriebenen. Wichtige Straßen und Bahnstrecken führen plötzlich ins Nichts, Investoren ziehen sich zurück, an der Küste bleiben die Touristen aus. Wer möchte mit seiner Familie im Auto mehrere Militärposten passieren müssen, bevor er sich an den schönen Schwarzmeerstränden mal so richtig entspannen kann?

„Es wäre der einfachste Weg für die Politik, alles auf den Krieg zu schieben“: Täglich werden in Mariupol noch Minen entsorgt – Bürgermeister Sergey Orlov setzt trotzdem alles daran, die Stadt wieder lebens- und liebenswert zu machen. Quelle: Thomas Imo/photothek

Sergey Orlov ist ziemlich gut darin, das alles zu ignorieren. Der stellvertretende Bürgermeister von Mariupol empfängt seine Gäste gern in einem gediegenen Restaurant, direkt gegenüber vom prunkvollen Stadttheater. Draußen ist es sommerlich heiß, im nahen Park springen Kinder durch hochschießende Fontänen.

„Es hat mich gereizt, Mariupol zur erfolgreichen Smart City umzubauen“, sagt Orlov. Der 40-Jährige will seine Stadt, die seit Jahrzehnten vom Kohleabbau und vom Hafen lebt, ins postindustrielle Zeitalter führen.

Stadt vernetzen, Luftverschmutzung verringern, neue Investoren anwerben, Korruption zurückdrängen, ein gutes Image erarbeiten – der smarte ehemalige Manager hat sich eine Menge vorgenommen. Er zeigt Statistiken und Umfragen, Konzepte und Erfolge. Drei Jahre ist er im Amt, die Stadt sei wirtschaftlich erfolgreicher, sauberer, transparenter und zufriedener geworden. „Strong, smart, inspiring“ heißt die „Strategie 2021“, die sich die Verwaltung ausgedacht hat. Der Slogan könnte auch für Barcelona, Tallinn oder Marseille erfunden sein.

Anpacken statt klagen

Und der Krieg? Hat Mariupol, größte Industrie- und Hafenstadt in der Ostukraine, aber eben auch Frontstadt des Konflikts, nicht drängendere Probleme als vernetzten Verkehr und saubere Bürgersteige? Es ist gerade fünf Jahre her, da besetzten die prorussischen Truppen den Arbeitsplatz von Sergey Orlov, die Stadtverwaltung war erobert. Es gab schwere Kämpfe, letztlich konnten die Regierungstruppen die Angreifer mit Mühe bis an den Ostrand der Stadt zurückdrängen. Dort stehen die Panzer und Geschütze bis heute. Im Stadtgebiet liegen so viele Minen und andere Sprengkörper, dass eine eigene Räumeinheit sich täglich um die Entschärfung kümmert. Nachts, wenn es dunkel wird, hört man noch immer in manchen Stadtvierteln die nahe Artillerie von der Kontaktlinie.

Eine Art Leistungsbilanz: Schaustuecke von geborgenen Minen in der Hauptfeuerwehrstation in Mariupol Quelle: Thomas Imo/photothek

Sergey Orlov lässt sich nur ungern davon abbringen, weiter über die großen Pläne seiner Stadtverwaltung zu sprechen. Warum? Kann man die Front einfach verdrängen? „Es wäre der einfachste Weg für die Politik, alles auf den Krieg zu schieben“, sagt der Bürgermeister. „Wir könnten den Menschen sagen: Was scheren euch die kaputten Straßen? Wir haben Krieg.“

Grund zur Klage gäbe es genug: Die Handelsbeziehungen zu Russland, mit Abstand wichtigster Partner, sind gekappt. Viele Unternehmen mussten aufgeben, andere sich umstellen. Die Erreichbarkeit des Hafens von Mariupol für große Frachtschiffe ist durch die 2018 gebaute russische Krimbrücke über das Asowsche Meer massiv eingeschränkt. Der Bürgermeister, der vor dem Krieg drei Jahre in Donezk gelebt und gearbeitet hat, kann das alles referieren, aber er hält das erkennbar für Zeitverschwendung. „Wir können darüber klagen, aber wir können es momentan nicht ändern“, sagt er.

„In Mariupol gibt es Festivals, Musik, neue Straßen, renovierte Häuser, glückliche Menschen“: Kinder spielen an einem heißen Sommertag in den Wasserfontänen im Zentrum Mariupols. Quelle: Thomas Imo/photothek

In Mariupol gebe es Festivals, Musik, neue Straßen, renovierte Häuser, glückliche Menschen, sagt Orlov. „Das ist unser Signal in diesem Konflikt.“ Die Menschen in Donezk sollten sehen, dass sich auf der anderen Seite etwas zum Positiven entwickelt. „Sie sollen die Vorteile im ukrainischen Donbass sehen.“

Obwohl Orlov in keiner Partei ist, passt seine Sicht der Dinge ganz gut zu der des neuen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Seit Mai im Amt, hat der ehemalige Fernsehkomiker die Befriedung der Ostukraine zum zentralen Thema gemacht. Er will auf die Menschen in den besetzten Gebieten zugehen. Die Bedingungen vereinfachen, nach denen die Rente ausgezahlt wird, auch den beschwerlichen Übergang über die Kontaktlinie will er vereinfachen. In der nationalistisch aufgeheizten Debatte halten ihn in der Hauptstadt Kiew deshalb viele für zu nachgiebig – auch weil er sich in der Krimfrage gesprächsbereit gegenüber dem Kreml zeigte. In der Ostukraine allerdings, wo die Menschen traditionell eigentlich eine große Nähe zu Russland verspüren, kommt der Ansatz bei vielen gut an.

Erste Erfolge einer neuen Politik

Einen ersten kleinen Erfolg konnte Selenskyj Anfang des Monats verzeichnen. Bei der Ortschaft Stanyzja Luhanska haben beide Seiten alle Truppen und schweren Waffen abgezogen. Selenskyj sieht darin einen „ersten Schritt zur Feuereinstellung entlang der gesamten Kontaktlinie“. Nun hat er dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ein Treffen und eine neue Verhandlungsinitiative angeboten. Zusätzlich zu den bisherigen Vermittlern Frankreich und Deutschland möchte Selenskyj US-Präsident Donald Trump bei der Suche nach einer Friedenslösung einbinden. Zumindest einen Grund für Putin gäbe es, das Format neu auszurichten: Europa und die USA haben wegen seiner Unterstützung der Separatisten und der Annexion der Krim Sanktionen gegen Russland verhängt.

Wie weit aber trägt der Ansatz den neuen Präsidenten? Hat er wirklich die Macht, aus seinen Vorstellungen auch Gesetze werden zu lassen? Und womöglich eine Lösung für den Konflikt zu finden? Es hängt alles davon ab, wie viel Rückhalt er im gestern neu gewählten Parlament und in seiner noch jungen Partei Diener des Volkes findet. Der überwältigende Wahlsieg von Diener des Volkes bietet immerhin beste Voraussetzungen dafür.

Marina Kocherga blickt skeptisch auf die Politik in Kiew. Zu lange hat die Mutter auf eine Lösung gehofft, zu oft wurde sie enttäuscht. Sie hat sich mittlerweile eingelebt in Berdjansk. Ihr Mann hat seine Spedition wieder aufgebaut, sie betreibt einen Schönheitssalon mit einem Friseursalon für Kinder. „Bei mir sind die Kinder die Kunden, nicht die Eltern“, sagt sie stolz. Sie hat andere geflüchtete Frauen aus Donezk angestellt, hilft ihnen bei der Inte­gration. Manchmal fragt der zehnjährige Semjon, wann der Krieg zu Ende sein wird, wann sie nach Hause können. Marina Kocherga hat wenig Hoffnung. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie es gehen soll.“

Von Dirk Schmaler

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