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Deutschland / Welt Streit vor dem Pariser Klimagipfel
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Streit vor dem Pariser Klimagipfel
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08:56 26.10.2015
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Bonn

Im Dezember soll der große Durchbruch kommen. Dann soll die Welt endlich wieder ein verbindliches Klimaabkommen haben, das den Weg in die nächsten Jahrzehnte weisen kann. Doch für einen Erfolg des Pariser Klimagipfels ist nach den Worten von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) „noch sehr viel Arbeit“ nötig. Zwar hätten sich die Teilnehmerstaaten der letzten Vorbereitungskonferenz in Bonn auf einen Verhandlungstext verständigt. Der aber enthalte „noch sehr viele Optionen, ist lang und kompliziert“, heißt es in einer Mitteilung aus dem Büro Hendricks am Wochenende. Noch sei der Text nicht „einigungsfähig“.

Die Vorbereitungskonferenz in Bonn hatte zuvor für die entscheidenden Verhandlungen im Dezember in Paris einen Entwurf vorgelegt. Dieser umfasst mehr als 50 Seiten und hält bei den wichtigsten Passagen die Entscheidung offen. In Paris muss daher um die Details gerungen werden. Viele Streitthemen könnten wohl nur auf politischer Ebene gelöst werden, räumten die Verhandlungsführer ein. Ein Überblick über die kniffligen Punkte für den Pariser Klimapoker:

Zwei-Grad-Marke: Zur Begrenzung des Klimawandels gilt bislang die Zwei-Grad-Marke. Das bedeutet, dass die Temperatur im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter um nicht mehr als zwei Grad steigen soll. Das gilt noch als halbwegs verträglich für die Erde. Offen ist, ob das klappt. Die Zusagen reichen Ministerin Hendricks zufolge bislang nicht aus. Nach aktuellen Berechnungen ließe sich die Erderwärmung mit den vorgelegten nationalen Plänen auf etwa 2,7 Grad eindämmen, sagte sie dem SWR. „Das reicht natürlich nicht aus.“ Besonders die vom Meeresanstieg bedrohten Inselstaaten würden ohnehin lieber ein 1,5-Grad-Ziel sehen.

Ehrgeiz: Die Menschen müssen weniger CO2 in die Atmosphäre pusten - so weit herrscht Einigkeit. Doch soll die Weltwirtschaft nun bis Ende des Jahrhunderts ohne CO2-Emissionen auskommen, wie zum Beispiel von den reichen G-7-Ländern gefordert? Oder soll der Ausstoß einfach sobald wie möglich den Scheitelpunkt erreichen und dann sinken? Strittig ist zum Beispiel auch, ob das Auffangen und unterirdische Einlagern von CO2 einberechnet werden darf.

Lastenteilung: Historisch haben vor allem die Industrieländer Emissionen in die Luft gepumpt. Doch längst spielen aufstrebende Schwellenländer wie Indien und China eine entscheidende Rolle, wenn man den Temperaturanstieg eindämmen will. Die pochen aber auf ihr Recht, wirtschaftlich zu den reichen Staaten aufzuholen. Um die richtige Balance dürfte es heftigen Streit geben. Immerhin: In Paris werden diesmal die USA und China mit am Verhandlungstisch sitzen - die beiden größten Verursacher von Klimagasen.

Nachbessern: Der „wichtigste Punkt“ in Paris wird nach Einschätzung eines Diplomaten ein Verfahren sein, mit dem die Länder ihre Klimaziele regelmäßig auf den Prüfstand stellen sollen. Denn schon jetzt ist absehbar, dass die angekündigten Klimaschutzbeiträge der einzelnen Staaten wohl nicht reichen werden, um das Zwei-Grad-Ziel zu schaffen. „Die nun vorgelegten Einsparziele der Staaten decken 90 Prozent (der globalen Emissionen) ab“, sagte der deutsche Delegationsleiter in Bonn, Karsten Sach. „Wenn wir damit bei 3 Grad landen, ist es immer noch mindestens ein Grad zu viel und bei weitem nicht ausreichend.“ Die Lücke soll der sogenannte Revisionsmechanismus füllen. Mit ihm soll überwacht werden, wie die Staaten in der Folge von Paris nacharbeiten. Die Europäer wollen alle fünf Jahre Bilanz ziehen.

Finanzen: Als besonders explosiv könnte sich die Frage nach Finanzhilfen für Entwicklungsländer erweisen - sie sorgte gerade in Bonn für große Unzufriedenheit. Die ärmeren Staaten kämpfen teils schon jetzt mit den Folgen des Klimawandels. Sie wollen Geld etwa für den Bau von Deichen, aber auch Hilfe, um ihre Wirtschaft auf CO2-arme Technik umzustellen. Vor Jahren wurde versprochen, dass dafür ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar in den Süden fließen. Doch noch ist die Summe nicht zusammen, und es gibt Zank, was alles dazu gezählt werden darf. Außerdem verlangen die Entwicklungsländer Abschläge für die Zeit danach. Die Industrieländer wollen aber künftig auch aufstrebende Schwellenländer zur Kasse bitten. Noch vertrackter ist der Wunsch der Entwicklungsländer, den Ersatz von Schäden und Verlusten festzuschreiben, die sie durch den Klimawandel erleiden. Die G 77, ein Zusammenschluss von 134 Entwicklungsländern, wurden in Bonn sehr deutlich und drohten, ohne klare Zusagen werde es keinen Deal geben. „Wir haben es mit zwei sehr verschiedenen Perspektiven zu tun“, sagte Harjeet Singh von der Organisation Action Aid. Für Entwicklungsländer sei der Umgang mit den Folgen der Erwärmung eine Frage von Leben und Tod - während er für die reichen Staaten schlicht keine Priorität habe.

Doch es gibt auch einen Hoffnungsschimmer: UN-Klimachefin Christiana Figueres lobt vor allem, dass mehr als 150 Länder schon nationale Klimaziele vorgelegt haben, deutlich mehr als vor der gescheiterten Konferenz von Kopenhagen 2009. In vielen wichtigen Ländern wie China hat sich die Debatte weiterentwickelt. Und die Unterhändler haben klare Optionen auf dem Tisch. Nun ist es an der Politik, Kompromisse zu suchen. Anfang November treffen sich Minister zu Vorgesprächen in Paris, vom 30. November an geht es dann mit dem offiziellen Start der Klimakonferenz ans Eingemachte.

Von Sebastian Kunigkeit und Jonas-Erik Schmidt

Marina Kormbaki 29.10.2015
25.10.2015