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Deutschland / Welt Stiftungen – die dritte Kraft zwischen Staat und Markt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Stiftungen – die dritte Kraft zwischen Staat und Markt
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21:25 06.05.2009
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Einst waren sie die Stütze Dschingis Khans, des großen mongolischen Feldherrn: Yak-Rinder, haarige Bewohner der kargen tibetischen Hochebene, dienten ihm zu Hunderttausenden bei Eroberungszügen zum Transport von schwerem Gerät und Kriegern. Heute braucht das an extreme Höhenlagen gewöhnte Tier selbst Hilfe. Denn zumindest die wild lebenden Populationen sind vom Aussterben bedroht. Unterstützung für die Yaks kommt – wer hätte das gedacht – von einer Stiftung im schleswig-holsteinischen Krempe. In Zentralasien gibt es nämlich keine Einrichtung oder Gruppierung, die sich des „Kamels der kalten Wüste“ annimmt.

Die „Yak-Kamel-Stiftung“ wurde deshalb 1992 gegründet, um mit Stipendienprogrammen und Fachveranstaltungen „die wissenschaftliche Dokumentation von Haltung, Einkreuzung und Gesundheit der Yaks und der doppelhöckrigen Bergkamele“ zu gewährleisten. Jedes Jahr kommen chinesische Forscher dank der Fördergelder nach Deutschland und lernen hier von den Experten. Es ist ein Nischenthema, für das ein Tierarzt einst sein Vermögen stiftete und so nachhaltige Strukturen schuf. Aber es sind genau diese Blüten des Stiftungswesens, die von der Bandbreite des in Deutschland vorhandenen Potenzials im sogenannten „dritten Sektor“ zeugen.

Stiftungen sind in einem Maße Teil der deutschen Gesellschaft, dass es manchmal sinnvoll scheint, den Blick auf andere Länder zu richten, um sich der enormen Vielfalt und Stiftungsfreudigkeit in der Bundesrepublik wieder neu bewusst zu werden. Die Journalistin und Wissenschaftlerin Barbara von Ow-Freytag (51) kann von den ganz anderen Verhältnissen in Russland so einiges erzählen. „Unter Putin“, sagt sie, „ist die Entwicklung von gesellschaftlichen Strukturen, auch von Stiftungen, beschnitten worden.“

Vor der Krise hätten immerhin die superreichen Oligarchen ab und zu eine Glamour-Party geschmissen, deren Erlöse für Kinder oder Kultur gesammelt wurden. Aber auch dieses zarte Pflänzchen drohe in der momentanen Krisenstimmung zu ersticken. Die Russlandexpertin hat das als Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“ jahrelang in Moskau erlebt und beschrieben, nun arbeitet sie für Andreas Schockenhoff, den Russland-Koordinator der Bundesregierung.

Nebenbei ist sie mit viel Herzblut für die Stiftung „Deutsch-Russischer Austausch“ tätig, die sich seit 1992 der Verbesserung des deutsch-russischen Verhältnisses, aber auch der „Modernisierung Russlands“ verschrieben hat. „Das geht weit über den Hilfseinsatz hinaus“, sagt Ow-Freytag. Man wolle Strukturen schaffen, die auch jenseits von Geldtransfers die russische Zivilgesellschaft stärkten. Deshalb arbeite man etwa in Konfliktgebieten im Nordkaukasus, unterstütze Bildungszentren, in denen die verfeindeten Volksgruppen ausgebildet und zugleich ausgesöhnt werden können. „Unsere Stiftung hat kein besonders großes Budget“, sagt die 51-jährige Journalistin. „Aber wir wollen gern helfen, Menschen Mut zu machen, die keine Zukunft mehr für sich sehen.“

Viele Stiftungen arbeiten emsig im Verborgenen. Es gibt aber auch solche, die einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind. Dazu zählen politische Stiftungen wie die Friedrich-Ebert- oder die Konrad-Adenauer-Stiftung mit ihren Stipendienprogrammen für Studierende. Wer ihre Auswahlverfahren erfolgreich absolviert hat, genießt nicht nur Segnungen finanzieller Unterstützung, sondern wird Teil eines Netzwerkes, das oftmals weit über den Studienabschluss hinaus fruchtbare Kontakte und Anregungen mit sich bringt.

Wer dagegen vor der Entscheidung steht, welcher Studiengang für ihn möglicherweise infrage kommt, nutzt vielleicht ebenfalls das Know-how einer von Stiftungsgeldern getragenen Institution: Das Hochschul-Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) hat sich über die Jahre zu einer echten Marke entwickelt. Finanziert wird das CHE zur Hälfte von einer der größten deutschen Stiftungen – der von Reinhard Mohn 1977 gegründeten Bertelsmann-Stiftung (jährliches Budget: 70 Millionen Euro).

Immerhin 1,5 Millionen Euro fließen an das CHE, die andere Hälfte seines Budgets wird durch eigene Projekte und Publikationen finanziert. Das 1993 gegründete Zentrum ist ein hochschulpolitischer „Thinktank“, der seiner Unabhängigkeit wegen auch unbequeme Themen zur Diskussion stellt. „Alle anderen Akteure müssen Interessen berücksichtigen“, sagt CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele. „Wir arbeiten dagegen an Projekten, um die sich sonst keiner kümmert.“

Eines der aktuell knapp 40 Projekte ist die Modernisierung der Kultusministerien. Bei der Vielzahl von Initiativen, die Hochschulen zukunftsfit machen sollen, sei vergessen worden, dass auch die Ministerien oftmals in völlig veralteten Strukturen arbeiteten, sagt Frank Ziegele. „Das ist so ein Thema, bei dem wir bestimmt Prügel beziehen, aber langfristig können wir auf diese Weise Dinge ändern.“ Lücken zu schließen, die Staat, Politik und Wirtschaft nicht schließen wollen oder können – auch Stiftungen, die sich dem kulturellen Wert der Tapete oder dem Vorhandensein von tröstenden Teddybären in Rettungswagen und Krankenhäusern widmen, tun nichts anderes. Und vielleicht ist das ja die nobelste Aufgabe des „dritten Sektors“.