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Deutschland / Welt Drastischer Mitgliederverlust bringt Kirchen in die Bredouille
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20:13 02.05.2019
Der Naumburger Dom gehört zu den schönsten Kirchen der Welt. Quelle: Jan Woitas/ZB/dpa
Berlin

Die Mitgliederzahlen der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland werden sich bis 2060 gegenüber heute nahezu halbieren. Auch die Kirchensteuer-Einnahmen werden in 41 Jahren nur noch für die Hälfte der heutigen Ausgaben reichen.

Das sind Ergebnisse einer von den Kirchen bei dem renommierten Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg in Auftrag gegebenen Studie, die Donnerstag veröffentlicht wurde.

Gegenwärtig sind 44,8 Millionen Deutsche Mitglieder einer der beiden christlichen Kirchen, 2035 werden es noch 34,8 Millionen sein, für das Jahr 2060 errechnete die Forschungsgruppe 22,7 Millionen Kirchenmitglieder.

Mitgliederschwund ist von Kirchen zum Teil beeinflussbar

Erstaunliche Erkenntnis: Der Mitgliederschwund um 49 Prozent geht nur zu 21 Prozent auf demografische Faktoren wie Geburten oder Sterbefälle zurück. 28 Prozent sind „kirchengemacht“.

Austrittswahrscheinlichkeit 2017 Quelle: Forschungszentrum Generationenverträge

Das liegt vor allem daran, fanden Raffelhüschen und seine Mitarbeiter heraus, dass nicht alle konfessionsgebundenen Mütter ihre Kinder taufen lassen und kontinuierlich vor allem die 25- bis 40-Jährigen aus der Kirche austreten. 2017 lag der Anteil von Kindertaufen an allen Geburten bei 43 Prozent, bis 2060 wird er laut Projektion auf 22 Prozent sinken.

Bei den Austritten im dritten und vierten Lebensjahrzehnt ist zu beobachten, dass sie mit dem Eintritt ins Erwerbsleben und den ersten Kirchensteuerzahlungen zusammen fallen. Da in dieser Lebensphase junge Paare Kinder bekommen, wirkt sich das auch auf die Taufen aus.

Mitglieder 2017 Quelle: Forschungszentrum Generationenverträge

Vor allem die Landeskirchen und Diözesen im Osten (2017: 3,2 Millionen Mitglieder) und im Norden (7,6 Millionen) müssen sich bis 2060 auf herbe Verluste und Mitgliederzahlen von 1,5 Millionen beziehungsweise 3,8 Millionen einstellen. Den stärksten Rückgang verzeichnen die Kirchen im Westen - von 17,3 Millionen im Jahr 2017 auf 8,5 Millionen Mitglieder 2060. Der Süden verliert 7,8 Millionen Kirchenmitglieder und zählt in 41 Jahren 9 Millionen. 90 Prozent der deutschen Katholiken leben im Süden und im Westen.

Mitglieder 2060 Quelle: Forschungszentrum Generationenverträge

Die Höhe des Kirchensteuer-Aufkommens werde sich zwar durch steigende Einkommens- und Steuerentwicklungen bis 2060 mit 12 Milliarden Euro kaum verändern, prognostiziert Professor Raffelhüschen. Das Geld sei dann aber nicht mehr so viel wert. Das Doppelte werde benötigt, um wie heute Gehälter für Pastoren und Pastorinnen sowie Löhne für Mitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen zahlen zu können. Außerdem fallen Kosten für Gebäudesanierungen und die Verwaltungen an.

Auch bei der Kirchensteuerkraft sind daher die Auswirkungen im Osten und im Norden dramatisch. Die nördlichen Landeskirchen und Diözesen werden 2060 nur noch knapp 900 Millionen Euro an Kirchensteuern einnehmen, die östlichen höchstens 350 Millionen Euro. Die süddeutschen und westdeutschen Kirchen werden dann noch knapp 2,4 Milliarden Euro Kirchensteuern erhalten.

Kircheneintritte und -austritte Quelle: Forschungszentrum Generationenverträge

Der Wissenschaftler Raffelhüschen empfahl den Kirchen, sich noch stärker den veränderbaren Indikatoren der Entwicklung wie etwa Konfirmationen und Taufen zuzuwenden. „Hier liegt eine echte Generationenaufgabe. Und unsere Analyse macht deutlich: Die Kirchen verfügen in den kommenden zwei Jahrzehnten weiterhin über die Ressourcen zur Umgestaltung.“

Mitgliederentwicklung Quelle: Forschungszentrum Generationenverträge

Die Ergebnisse der Langzeitprojektion werden nun in den Gremien der 20 evangelischen Landeskirchen und 27 Erzbistümern der katholischen Kirche beraten werden. „Die Kirchen wollen die Erkenntnisse der Studie nutzen, um sich langfristig auf Veränderungen einzustellen“, erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. „Wir geraten angesichts der Projektion nicht in Panik, sondern werden unsere Arbeit entsprechend ausrichten.“

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, sagte: „Diese Veränderungen werden kommen und es ist gut, in einer heute wirtschaftlich guten Lage die Fragen von morgen in den Blick zu nehmen.“ Der bayrische Landesbischof betonte, dass sich schon heute Millionen Menschen freiwillig in Gemeinden und diakonischen Einrichtungen engagieren würden. „Deutschland wäre ärmer ohne die vielen Christinnen und Christen, die sich aus der Kraft des Glaubens heraus für das Gemeinwesen einsetzen.“

Von Thoralf Cleven/RND

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