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Deutschland / Welt Sarrazins Thesen sind bei EKD-Synode in Hannover Thema
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13:02 08.11.2010
Zur Synode der EKD waren (von links) auch Bischofsvikar Hans-Hermann Jantzen, Präses Nikolaus Schneider, Bayerns Landesbischof Johannes Friedrich und EKD-Synodenvize Günther Beckstein gekommen.
Zur Synode der EKD waren (von links) auch Bischofsvikar Hans-Hermann Jantzen, Präses Nikolaus Schneider, Bayerns Landesbischof Johannes Friedrich und EKD-Synodenvize Günther Beckstein gekommen. Quelle: Nico Herzog
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„Niemand darf verloren gehen“, steht in großen Lettern auf einem Plakat im fensterlosen Saal des Maritim-Hotels am hannoverschen Flughafen. Und damit nicht nur im Übertragenen, sondern auch im sehr konkreten Sinne niemand verloren geht, etwa durch einen Anschlag, schnüffelt ein Polizeihund an den abgelegten Rucksäcken und Aktentaschen der Journalisten und Kirchenvertreter herum, die an diesem Sonntag zur Eröffnung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eingetroffen sind. Es ist keineswegs so, dass der kircheninterne Streit über Segen und Fluch der Präimplantationsdiagnostik zu viel Sprengstoff böte – aber der Bundespräsident kommt gleich samt Frau Bettina in den Saal. Da muss die Polizei auf Nummer sicher gehen, auch wenn manche Gäste spöttelnd versichern: „Wir tun dem Wulff nix.“

Im Gegenteil: Alle in Hannover versammelten Kirchenparlamentarier erheben sich von ihren Plätzen, als Familie Wulff den Saal betritt. „Das ist keine Selbstverständlichkeit, dass der Bundespräsident die Synode besucht“, sagt die Grüne Katrin Göring-Eckardt, im Zivilberuf Bundestagsvizepräsidentin. Als „Präses“ ist sie sozusagen Herrin der Synode, eine liebenswürdige Sachwalterin gepflegter Diskussionen.

Die Synode, das ist das Kirchenparlament der EKD. Es trifft sich einmal im Jahr an wechselnden Orten. Sicher ist nur, dass irgendwo ein Maritim-Hotel Obdach bietet. Diesmal das am Flughafen Langenhagen. Synode, das heißt auch: Sehr viele Herren in Grau, manche sind mit der sogenannten „Kalkleiste“ am Kragen als Pastor ausgewiesen, und eine außerordentlich höfliche, sachliche, zuweilen auch öde Diskussion. Die diesjährige Tagung – sie ist bereits vor zwei Jahren für Hannover beschlossen worden – hätte die große Käßmann-Synode werden können. Doch da kamen eine rote Ampel, zu viele Gläser Wein und eine Führerscheinkontrolle dazwischen. Nicht wenige bedauern das noch heute.

Diesmal will die Synode über Bildungsgerechtigkeit diskutieren. So heißt am Montag das sogenannte Schwerpunktthema, eines, bei dem niemand verloren gehen soll. Alle gehen sie in ihren Grußworten auf diesen Slogan ein – und kritisieren Thilo Sarrazin, der mit seinen Einwürfen die Islam-Integrations-Sarrazin-Debatte eröffnet hatte. Allerdings erwähnt keiner den Namen des entlassenen Bundesbankers, denn Sarrazin gilt jetzt öffentlich als Unperson.

Christian Wulff liefert vor den versammelten Protestanten Ergänzungen seines etwas schillernden Satzes, wonach auch der Islam zu Deutschland gehöre. Unsere Gesellschaft sei „von der christlichen Tradition zutiefst geprägt“, sagt der Bundespräsident. Doch keineswegs sei das Christentum „die einzige prägende Kraft“. „Unsere Kultur ist ebenso geprägt von der Aufklärung, vom Judentum, von der Arbeiterbewegung, vom Liberalismus und von der Frauenbewegung.“ Fehlt noch etwas? Ja, doch. Ein wesentliches Element des „Abendlandes“ sei die Freiheit. So habe jeder die Freiheit, zu glauben, was ihm von seinem Gewissen her richtig scheint. „Genauso gilt die Freiheit, überhaupt keinen religiösen Glauben zu haben – und auch das zu bekennen.“ Wer will da widersprechen?

„Wir brauchen die Stimme der Kirche“, hält Christian Wulff fest – und lobt ohne Einschränkung die Notfallseelsorge: „Das ist ein Beitrag der Kirche, vor dem man sich nur ehrfürchtig verneigen kann.“ Zweifelsfrei.

Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden, ist nicht ganz so hochgestimmt wie der Bundespräsident, der mit großem Beifall von der Synode entlassen wird. In Deutschland lebten zu viele Menschen mit Angst, Unsicherheit und Vertrauensverlust. Das wiederum führe zu einer Gefühlslage, die ein hohes Potenzial an Wut, Aggression und Gewalt böte, sagt Knobloch. Die negativen Gefühle in Teilen der Bevölkerung ebneten Menschenfängern und Demagogen den Weg. Nur Bildung mache gegen Scharfmacher und Volksverhetzer immun, „Deutschland schafft sich wirklich ab, wenn wir den Menschen keine Bildungsperspektive geben“, sagt sie. Noch größerer Beifall.

Auch im Grußwort von Hildesheims Bischof Norbert Trelle geht die Sarrazin-Debatte nicht verloren, obwohl der katholische Bischof nur von „Stimmen“ spricht, die die Betroffenen „in einer extrem zugespitzten und groben Sprache“ verletzt hätten „und in keiner Weise angemessen“ gewesen seien. Jetzt sei es Sache der Christen, zur Versachlichung der Debatte beizutragen.

Das tun sie an diesem Sonntag alle. Nikolaus Schneider, Präses der rheinischen Kirche, dankt Wulff für seine Anstöße in der Islam-Debatte („Die Aussage, dass der Islam zu Deutschland gehört, ist wie eine ausgestreckte Hand“) und erhält langen Beifall, als er meint, dass die Einwanderungsgesellschaft „Alltag und Normalität in Deutschland“ sei: „Sie zu gestalten braucht keine Scharfmacher, sondern verdient eine klare Analyse, Geduld, Pragmatismus und Kreativität.“

Schneider, der am Dienstag zum neuen Ratsvorsitzenden der EKD gewählt werden soll, hält eine Rede, die platte Politisierungen vermeidet, aber dennoch eine politische ist. So mahnt er zur Wachsamkeit in Fragen des Sonntagsschutzes. Zugleich plädiert er für eine größere Offenheit in medizinethischen Debatten. Wer meine, mit absoluter Gewissheit sagen zu können, man „pfusche Gott ins Handwerk“ mit Geburtenverhütung, pränataler Diagnostik, künstlicher Befruchtung oder Präimplantationsgenetik, der schließe zu kurz. „Zu der dem Menschen von Gott geschenkten Verantwortung gehört auch ihre Wahrnehmung in der Anfangsphase des menschlichen Lebens“, sagt er im Theologenkauderwelsch. Auf Deutsch: Auch der medizinische Fortschritt ist ein Gottesgeschenk.

Michael B. Berger