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Deutschland / Welt Präsidentin der Welthungerhilfe über Pakistan
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08:38 03.09.2010
Bärbel  Dieckmann: „Wir werden sehr viel länger helfen müssen“.
Bärbel Dieckmann: „Wir werden sehr viel länger helfen müssen“. Quelle: Handout
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Sie sind gerade aus Pakistan zurückgekommen. Warum sind Sie persönlich auf dem Höhepunkt der Katastrophe mitten ins Notstandsgebiet gereist?

Wegen der zwiespältigen öffentlichen Diskussion, die auch bei uns noch geführt wird. Mir geht es ja nicht anders als den meisten Deutschen: Auch ich habe meine Fragen an dieses Land, an die Militärregierung, die den Besitz von Atombomben für ihr natürliches Recht hält, an die Taliban, die zurück ins gesellschaftliche Mittelalter wollen. Pakistan ist kein Land, das mit besonderen Sympathien bedacht ist. Wir sind auf Spender angewiesen. Ich bin froh, dass ich mir ein eigenes Bild gemacht habe.

Ist dieses Bild anders als das der Fernsehdokumentationen und Zeitungsberichte?

Ja. Ich benutze dieses Wort nicht gerne und auch jetzt nicht leichtfertig, aber das, was ich gesehen habe, ist die Apokalypse. Ein unvorstellbares Ausmaß an Zerstörung. Wir sind an Friedhöfen vorbeigefahren, auf denen die Leichname an die Oberfläche gespült worden sind. Die Frauen hocken neben ihnen und bewachen ihre Toten. Über Quadratkilometer steht flächendeckend alles unter Wasser – die Menschen haben keinerlei Rückzugsmöglichkeiten. Da ist ein Rhein-Hochwasser, wie ich es als Bonnerin gewohnt bin, nichts dagegen. Bei uns findet jeder in 500 Meter Entfernung eine Schule, in der er mit dem Nötigsten versorgt wird – in Pakistan sind ganze Dörfer, kleine Städte seit Wochen von jeder Versorgung abgeschnitten. Dieses Land braucht wirkliche jede internationale Hilfe.

Nicht jeder will diese Hilfe. Sind Sie oder Ihre Mitarbeiter von Taliban, die eigenem Bekunden nach ausländische Organisationen angreifen, bedroht worden?

Absolute Sicherheit kann es in so einer Situation nicht geben. Aber es gibt in der Bevölkerung insgesamt keine aggressive Stimmung. Mir erscheint es einleuchtend, dass die Taliban jetzt versuchen, möglichst viele Menschen selbst zu erreichen mit Lebensmitteln, Ärzten, Predigern. Dass die Menschen alles annehmen, was kommt, ist klar.

Was kann die Welthungerhilfe im Moment überhaupt leisten?

Wir haben Glück im Unglück: Unser Aufbaueinsatz nach dem Erdbeben von 2005 ist erst im Dezember 2009 abgeschlossen worden. Wir haben noch unsere lokalen Mitarbeiter vor Ort und sind noch akkreditiert. Unsere Nothelfer konnten also auf eine Struktur zurückgreifen. Wegen der akuten Seuchengefahr konzentrieren wir uns mit europäischen Partnern im Moment auf die Verteilung von Hygienepaketen, Moskitoschutz, Medikamenten gegen Durchfall. Jetzt, wo das Wasser im Norden abläuft, helfen wir beim Häuserbau in den Dörfern – die Pakistaner selbst packen dabei schon kräftig an.

Wie sieht’s mit der Ernährung aus?

Das wird eines der größten Probleme. Die Septemberernte ist vernichtet. Aber es gibt auch Situationen wo – wie am Nil – der Boden nach Überschwemmungen besonders fruchtbar ist. Wir überprüfen gerade, wo in naher Zukunft die besten Anbauflächen sein werden. Das Programm ist auf zwei Jahre angelegt – ich bin aber sicher, dass wir sehr viel länger werden bleiben müssen.

Interview: Susanne Iden