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Deutschland / Welt Nordirland: Ein Grenzfall für den Frieden
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Nordirland: Ein Grenzfall für den Frieden
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15:00 18.11.2018
1998 zogen die nordirischen Parteien unter Vermittlung Irlands, Großbritanniens und der USA mit dem Karfreitagsabkommen einen Schlussstrich unter den Konflikt. Doch der Brexit bringt den immer noch fragilen Frieden in Gefahr. Quelle: Niall Carson/PA Wire
Whitecross

Wo soll diese Geschichte beginnen? Sie kennt keinen wirklichen Anfang und ist von einem Ende weit entfernt. Es ist die Geschichte vom blutigen Konflikt in Nordirland, die wohl nie auserzählt sein wird und auch nicht sein kann, zu viele Opfer und Täter hat der Bürgerkrieg gefordert; die seit Jahrzehnten von Leid und Gewalt und bestenfalls Versöhnungsversuchen bestimmt wird.

Sie spielt dort, wo der Frieden seit 20 Jahren auf dem Papier steht, aber längst nicht in allen Köpfen verinnerlicht ist. Jetzt reißen die von beiden Seiten sorgsam gepflegten Narben wieder auf. Schuld sind die Brexit-Debatten, in deren Mittelpunkt die geteilte irische Insel gerückt ist. Wo also will man, wo soll diese Geschichte beginnen?

Bei einer Tasse Tee, findet Eugene Reavey. Der pensionierte Farmer lädt in sein Haus im nordirischen Dörfchen Whitecross nahe der Grenze zur Republik Irland, setzt den Wasserkessel auf und lässt sich am hölzernen Esstisch nieder. Er ist ein Besessener, getrieben von der Vergangenheit, die bis an sein Lebensende seine Gegenwart bleiben soll. Vor ihm liegen sorgsam ausgeschnittene Zeitungsartikel, Gerichtsdokumente, Gutachten, Ordner, noch mehr Ordner. Sie quellen über vor Geschichten. Und sie beginnen alle am Sonntagabend des 4. Januar 1976 um kurz nach sechs.

Hingerichtet, weil sie katholisch waren

Der 24-jährige John Martin sowie seine Brüder Brian, 22, und der erst 17 Jahre alte Anthony saßen zu Hause vor dem Fernseher, ihre Lieblingsspielshow „Celebrity Squares“ hatte gerade angefangen; die restliche Familie war zum Besuch bei einer Tante aufgebrochen.

Plötzlich stürmten vier schwer bewaffnete Maskierte ins Wohnzimmer. 43 Maschinengewehrschüsse durchsiebten John Martin. 17-mal trafen die Mörder Brian in den Rücken. Anthony kroch noch schwer verletzt den kleinen Hügel zum Nachbarn hinauf, zwei Wochen später starb auch er. John Martin, Brian, Anthony – Eugene Reaveys Brüder, hingerichtet, weil sie katholisch waren. Allein deshalb.

Mehr als 42 Jahre später weist Eugene zur Stelle des Elternhauses nur wenige Meter von seiner Farm entfernt. Heute wohnt ein weiterer Bruder, Oliver, hier. Er entdeckte damals die Leichen und sprach in der Folge ein Jahr lang nicht mehr. Kein Wort. „Zu traumatisiert“, sagt Eugene und führt zum kleinen Friedhof, auf dem die Toten beigesetzt sind. Mindestens einmal pro Woche kommt er her, betet und erzählt den Geschwistern – alle liebten Gaelic Football, eine Mischung aus Rugby und Fußball – von deren größter gemeinsamer Leidenschaft. Wie hat der lokale Club gespielt? Wer ist vom Platz geflogen? Solche Dinge.

Am Grab seiner von Terroristen ermordeten Brüder sucht Eugene Reavey Trost – und Kraft für die Versöhnung. Quelle: Katrin Pribyl

„Sie waren unschuldige Zivilisten, hatten wie die ganze Familie weder was mit Politik noch mit der IRA am Hut“, sagt er wie zu sich selbst und blickt in den grauen Himmel. Die Wolken hängen tief in den saftigen Hügeln. Mehr Grüne Insel als hier geht nicht. Mit einem Tuch streicht der 70-Jährige sanft über die Gesichter der jungen Männer auf den drei schwarz-weißen Por­trätfotos, wischt die Nieselregentropfen ab und pflückt Laub vom Grab, als würde er Fusseln von ihren Jacketts klauben.

In der Grafschaft Armagh, wo heute scheinbar nichts als herbstliche Idylle herrscht, gehörten Anschläge in den Jahren zwischen 1969 und 1998 zum Alltag. Kein Landstrich hat so gelitten wie dieser. Hier lagen die „Killing Fields“ während der „Troubles“, wie sowohl Briten als auch Iren den Konflikt bemerkenswert beschönigend nennen. Als wäre ein Guerillakrieg, der in 30 Jahren mehr als 3500 Menschen das Leben gekostet hat, lediglich ein bisschen „Ärger“.

Die protestantischen Loyalisten, die im Zeichen der Krone Nordirland als Teil des Königreichs verteidigten, standen den katholisch-irischen Republikanern entgegen, die ein wiedervereinigtes Irland anstrebten. Die Paramilitärs der IRA (Irisch-Katholischen Armee) und der Loyalisten wie der Ulster Volunteer Force (UVF) oder der Ulster Defence Association (UDA) töteten wahllos, kopflos.

Niemand registriert diese Grenze mehr

Überall in den Grenzregionen und in Belfast Wachtürme, Kasernen und Zäune. Bomben, Straßensperren, Barrikaden. Hinrichtungen und Schikane. Autos stauten sich auf beiden Seiten an den schwer gesicherten Kontrollposten. In Bessbrook am Rande der Grenzstadt Newry lag einer der bedeutendsten Militärstützpunkte der britischen Armee. Die Anlage durchschnitt wie ein stählernes Riesenbeil die saftigen Wiesen, auf denen heute Schafe und Kühe grasen.

Heute prahlt die Gegend auf einer Tafel zu Recht mit „außergewöhnlicher Schönheit“. Steinerne Brücken führen im Süden von Armagh über den kleinen Fluss und damit die unsichtbare Grenze. Allein ein Schild darauf gibt die Geschwindigkeit plötzlich statt in britischen Meilen in Stundenkilometern an. Niemand registriert diese Grenze mehr.

Seit dem Brexit-Votum am 23. Juni 2016 aber sprechen wieder alle über die künftige Außengrenze zwischen dem EU-Mitgliedsstaat, der Republik Irland, und dem zum Königreich gehörenden Nordirland.

Eine fast unsichtbare Grenze: Nur die Geschwindigkeitsbegrenzungen in Meilen oder Kilometern lassen nahe der Ortschaft Newry erkennen, auf welcher Seite man sich befindet. Quelle: Getty

Der Backstop, das Auffangnetz für den nördlichen Landesteil, soll deshalb im Notfall gewährleisten, dass es nach der Scheidung keine harte Grenze gibt, um den Friedensprozess nicht zu gefährden. Die Situation ist verfahren. Die EU hat immer wieder einen Sonderstatus für die Region ins Spiel gebracht.

Nun einigten sich London und Brüssel auf einen Kompromiss, der den Verbleib des gesamten Königreichs in der Zollunion vorsieht, bis eine langfristige Lösung gefunden wird. Der Widerstand in den Kreisen der Brexit-Hardliner in Westminster aber ist groß. Sie beharren darauf, dass jedes Provisorium ein festes Enddatum haben oder einseitig aufkündbar sein muss. Anderenfalls würden sie dem Entwurf bei der entscheidenden Parlamentsabstimmung ihr Votum versagen.

Am 29. März 2019 treten die Briten aus der Staatengemeinschaft aus. Sollten besondere Arrangements für die nördliche Provinz greifen, wäre sie weiterhin eng an das EU-Regelwerk gebunden. Die nordirische, erzkonservative Democratic Unionist Party (DUP), auf deren Stimmen die Minderheitsregierung von Premierministerin Theresa May angewiesen ist, lehnt aber jeglichen Sonderstatus für Nordirland kategorisch ab. Keine Ausnahmen, keine Spaltung des Landes – das fordern die Europaskeptiker der DUP und reden von einer „blutroten Linie“.

„Wir, die kleinen Nachbarn, müssen mit den Folgen des Brexits leben“

Am Ende könnte die ganze Sache an der knapp 500 Kilometer langen Grenze scheitern – und die Briten verlassen die EU ohne Austrittsabkommen. Wenn das passiert, fürchten viele beidseits der irischen Grenze, kehrt die blutige Vergangenheit womöglich zurück.

Der frühere irische Premierminister John Bruton traut sich nicht einmal, darüber nachzudenken. „Heute gibt es in Nordirland mehr sogenannte Friedensmauern als auf dem Höhepunkt der Unruhen“, sagt er nur. Er meint damit jene Mauern, die in den großen Städten wie Belfast oder Derry/Londonderry die Stadtteile von Loyalisten und Republikanern voneinander trennen – und deren Tore nachts aus Sicherheitsgründen geschlossen werden.

Dieser Tage wirbt Bruton in London für den Backstop und sagt: „Wir, die kleinen Nachbarn, müssen mit den Folgen des Brexits leben.“ Er hat die „Troubles“ erlebt, viele der Toten gekannt und den mühsamen Friedensprozess begleitet. Bruton möchte dieses Erbe nicht gefährdet sehen durch ignorante Ideologen im fernen London. Er hat genug von Ideologen.

In Städten wie Derry sind bis heute die Stadtteile von Loyalisten und Republikanern voneinander getrennt – und nachts aus Sicherheitsgründen durch Tore verschlossen. Quelle: EPA

Die Mörder der Reavey-Brüder gehörten der Glenanne-Gang an, einer geheimen, informellen Gruppe von Ulster-Loyalisten, die in den Siebzigerjahren Schießereien und Bombenangriffe gegen Katholiken und irische Nationalisten durchführten. Einige wohnen bis heute in der Gegend. Keiner wurde je zur Rechenschaft gezogen, geschweige denn verurteilt. Anstelle des Staates kämpft Eugene Reavey seit mehr als 40 Jahren um Aufklärung und eine unabhängige Untersuchung.

„Das waren Morde auf britischem Boden von britischen Sicherheitskräften mit dem Zweck, die Gewalt eskalieren zu lassen“, sagt er. Die Mörder seien vom Staat geschützt worden. „In England gibt es ein faires System. Gerechtigkeit in Nordirland ist eine völlig andere Sache.“ Manchmal sieht er ehemalige Gangmitglieder an seinem Haus vorbeifahren. Er stockt kurz. Und klopft sich mit der Hand auf die linke Brust, als wolle er damit den Schmerz lösen. „Es ist nicht einfach.“

Nur ein Stück weiter auf dieser verfluchten Landstraße steht wieder eins der unzähligen Mahnmale. Eine Mauer erinnert an das Kingsmill-Massaker, bei dem einen Tag nach der Ermordung der Reavey-Brüder zehn Arbeiter auf dem Heimweg aus ihrem Minibus gezerrt, in einer Reihe aufgestellt und dann von republikanischen Untergrundkämpfern erschossen wurden. Protestantische Zufallsopfer. So einfach war das damals. „Ein dreckiger Krieg“, so nennt es Eugene Reavey.

Die „Troubles“ hinterließen ein kollektives Trauma

Die „Troubles“ hinterließen ein kollektives Trauma, das zu tief sitzt, als dass ein Abkommen, unterschrieben am Karfreitag 1998, Frieden befehlen könnte. Bis nicht jede Geschichte erzählt, jeder Täter zur Verantwortung gezogen ist, kann hier kaum jemand zur Ruhe kommen.

Das liegt nicht nur daran, dass die Paramilitärs, die Terrorgangs beider Seiten, noch immer aktiv sind. Wenn der konservative Abgeordnete Johnny Mercer im fernen Westminster behaupten darf, man müsse die Vergangenheit ruhen lassen und aufhören mit „der Hexenjagd auf verdiente Veteranen“, klingt das wie Hohn für Menschen wie Reavey.

Nur, wie kann Versöhnung funktionieren? Es gehe um Gerechtigkeit und Wahrheit. „Das eine bedingt das andere“, findet Stephen Travers. Er gehörte in den Siebzigerjahren zu den begehrtesten Bassisten auf der irischen Insel. Partys in London, Gigs vor etlichen Fans. Dann „fiel der Vorhang“, wie er sagt.

Zwei Staaten, ein Volk: Zwei bewaffnete britische Soldaten filzen 1976, während der Hochzeit der „Troubles“, einen Wagen. Quelle: PA WIRE

In jener Nacht, als die gefeierte Miami Showband – eine Musikgruppe aus Protestanten und Katholiken – auf dem Weg nach einem Auftritt in Nordirland zurück in die Republik von britischen Soldaten und Paramilitärs angehalten wurde. Routinekontrolle. Die schwer bewaffneten Soldaten befahlen den sechs Männern, aus ihrem Kleinbus auszusteigen; einige der Sicherheitskräfte durchleuchteten den Kofferraum mit den Instrumenten, zwei andere hantierten am Fahrersitz herum.

Kurz darauf flog der Van in die Luft – und mit ihm zwei Paramilitärs. Sie hatten eine Bombe im Wagen der Band platziert, die aber vorzeitig explodierte. Der perfide Plan: Ein Sprengkörper im Bus der zwischen den beiden Ländern pendelnden Bandmitglieder sollte Argumente für eine Grenzschließung schaffen.

„Sie wollten uns mit dieser Bombe als Terroristen, als Täter darstellen“, sagt Travers und ist überzeugt: „Das wurde von hohen britischen Militärs geplant.“ Der Ire wurde durch die Luft und die Böschung hinuntergeschleudert, wie in Zeitlupe habe er den Augenblick empfunden.

Jede Unterhaltung ist überschattet von der schrecklichen Vergangenheit

Dann fielen Schüsse. Man wollte die Zeugen, die die Musiker nach dem misslungenen Coup nun waren, noch in der Dunkelheit der Nacht loswerden. Sänger Fran O’Toole wurde 20-mal getroffen, sein Gesicht von 17 Schüssen zerfetzt. Kugeln durchsiebten auch Gitarrist Tony Geraghty und Brian McCoy. Stephen Travers überlebte. Da war er gerade 24 Jahre alt.

Auch wenn in diesem Fall zum ersten Mal ein Mitglied der Sicherheitskräfte wegen Mordes schuldig gesprochen wurde, die Nacht verfolgt Travers bis heute. Für einen Liveauftritt wurde er nie wieder gebucht. Vor einigen Jahren haben Travers und Eugene Reavey die Initiative TaRP (Truth and Reconciliation Platform) gegründet; sie will Angehörige von Opfern und Überlebende beider Seiten zusammenbringen.

An diesem Mittwochnachmittag treffen sich vier Aktivisten mit Studenten, Betroffenen und Interessierten in einem kleinen Raum der Queen’s University Belfast. Es gibt Sandwiches und Tee, die Stimmung ist gedämpft. Jede Unterhaltung ist überschattet von der schrecklichen Vergangenheit. Auch Alan McBride erzählt, mit gequältem Gesichtsausdruck. Seine Ehefrau Sharon ist seit 25 Jahren tot, und die Worte überschlagen sich fast, wenn er ihre Geschichte erzählt, die auch seine ist.

„Border Communities Against Brexit“, Grenzgemeinden gegen den Brexit, ist eine der Initiativen, die um den Friedensprozess in Nordirland fürchten. Quelle: Niall Carson/PA Wire

Er erzählt davon, wie er sich als 29-Jähriger an einem Sonnabendmorgen, am 23. Oktober 1993, von seiner jungen Frau verabschiedete, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein sollte. Sie half an jenem Tag ihrem Vater in dessen Fischladen an der Shankill Road in West-Belfast aus, dem Zentrum der protestantischen Arbeiterschaft.

Er erzählt, wie er dann mit der zweijährigen Tochter Fahrrad fahren ging; wie später ein Freund anrief, der von einer Explosion in der Shankill Road berichtete; wie er dorthin eilte und beim Anblick des Geschäfts sofort wusste: Hier kam niemand lebend raus. Ein IRA-Terrorist hatte die Bombe gezündet. Zehn Menschen starben. Frauen. Männer. Kinder. Ein Blutbad. Sanitäter zeigten McBride einen Ehe- sowie einen Verlobungsring, „die vom Leichnam einer jungen Frau entfernt“ worden waren, wie es hieß. Der Brite erkannte die von ihm liebevoll ausgesuchten Schmuckstücke sofort.

Es folgte eine Zeit, in der Wut, Ärger und lautstarker Protest das Leben von Alan McBride ausfüllten. Der Zorn zielte insbesondere auf den mutmaßlichen Drahtzieher Gerry Adams, der als führendes IRA-Mitglied bei der Beerdigung von Thomas Begley, dem Mörder von Sharon McBride, Sargträger war. Erst viel später sollte sich der ehemalige Sinn-Féin-Parteipräsident selbst zu einem der Architekten des Friedensprozesses wandeln.

Man muss Frieden mit seinen Feinden schließen

16 Jahre nach dem Anschlag trafen sich die beiden erstmals. Gerry Adams entschuldigte sich bei Alan McBride. Sie gaben sich die Hand. Vergebung? McBride hat den Tätern verziehen, vergessen kann er nicht. Stattdessen ließen ihn seine bitteren Erfahrungen zum Aktivisten werden; für verschiedene Organisationen ruft der gläubige Protestant zu Versöhnung und Aussprache auf. „Man schließt keinen Frieden mit seinen Freunden. Man muss Frieden mit seinen Feinden schließen.“

Irlands Wunden zu heilen, das ist auch das Ziel der Plattform TaRP. „Wir wollen, dass die Menschen den Frieden wertschätzen, vor allem jetzt“, sagt Musiker Stephen Travers. Jetzt, in Brexit-Zeiten. Zu viele Menschen trieben Spielchen mit dem Frieden.

Eine harte Grenze, glauben die Aktivisten, würde den Schmuggel zurückbringen und die Gewalt. „Bauern an der Grenze sagen ganz offen: Hängen die Behörden eine Kamera auf, schießen wir auf die Kamera. Stellen sie eine Person in einer Uniform an die Grenze, schießen wir auf sie.“ Die Geschichte würde von Neuem beginnen.

Jersey, Gibraltar, Zypern – wo Europa auch britisch ist

Bankenoase am Rande der EU: Saint Peter Port auf der Kanalinsel Guernsey, einem Teil des britischen Kronbesitzes. Quelle: Chris George

Rote Telefonzellen und gusseiserne Briefkästen sind im Alltag die bekanntesten Symbole britischer Vergangenheit – und das nicht nur in Großbritannien selbst. Das einstige britische Empire hat in vielen Gegenden der Welt seine Spuren hinterlassen, auch in Europa. Bis heute unterhält London mehrere Dependancen in rechtlich ganz unterschiedlichen Konstrukten. Abstimmen über den Brexit durften die meisten Einwohner dieser Gebiete nicht – die Auswirkungen aber könnten sie durchaus spüren. Ein Überblick.

Gibraltar: Die britische Exklave an der Südspitze Spaniens war das einzige britische Überseegebiet, das sich 2016 am Brexit-Referendum beteiligen durfte, denn es ist Teil der Europäischen Union. Mit knapp 96 Prozent stimmte damals eine überwältigende Mehrheit für den Verbleib in der EU. Dennoch wird es für sie keine Sonderrolle geben: Falls das Vereinigte Königreich im nächsten Jahr Europa Goodbye sagt, wird auch Gibraltar nicht mehr zur EU gehören.

Bereits seit dem Jahr 1704 hält Großbritannien das Gebiet um den berühmten Affenfelsen, das sich gerade in den vergangenen Jahrzehnten zu einem beachtlichen Wirtschaftsfaktor der Region entwickelt hat. Allerdings gehen 90 Prozent der Dienstleistungen nach Großbritannien, nur der kleine Rest in die EU. Zum Problem könnte aber der Grenzverkehr werden: Rund 12000 Pendler kommen täglich aus Spanien, um auf britischem Boden zu arbeiten, wo es mehr Jobs in Hotels, Gaststätten, Einzelhandel und höhere Löhne gibt. Im Gegensatz zu anderen Überseegebieten ist Gibraltar Teil der EU – allerdings mit weitreichenden Sonderregelungen.

Die Exklave ist wie Großbritannien selbst nicht Teil des Schengen-Raums, aber auch nicht Teil des Binnenmarkts. Dennoch ist die Einreise von und nach Spanien bislang eher schnell erledigt. Dies könnte sich nach dem Brexit ändern. Die Regionalregierung in Gibraltar befürchtet lange Schlangen an der Grenze. Viel gravierender noch: Das unmittelbar angrenzende spanische La Línea de la Concepción wäre ohne die Wirtschaftskraft des Nachbarn wohl kaum überlebensfähig.

Ein Jachthafen vor dem Fels von Gibraltar. Quelle: Ben Birchall/PA Wire/dpa

Kanalinseln: Mildes Klima, weiße Strände, einige der besten Restaurants Europas und eine Steuergesetzgebung, die unter anderem Banken aus der ganzen Welt angezogen hat: Die Kanalinseln vor der Küste der Normandie gelten als Juwele unter den britischen Inseln. Dabei gehören sie offiziell gar nicht zu Großbritannien und auch nicht zur EU. Sie sind im Besitz der britischen Königin, da diese aus historischen Gründen zugleich Herzogin der Normandie ist.

Wie aber wird sich der Brexit vor allem auf Handel und Bankenwesen auswirken? Diese Frage stellen sich seit dem Ausgang des Referendums die Politiker vor Ort. Bislang orientierten sie sich grundsätzlich an der Gesetzgebung der EU, um so vor allem den freien Handel zu ermöglichen. Unter anderem Fisch und Kartoffeln sind wichtige Exportartikel der Inseln. Allen ist daran gelegen, auch nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU gute Beziehungen zu Brüssel zu pflegen.

Isle of Man: Ähnlich wie die Kanalinseln ist die Isle of Man in der Irischen See Kronbesitz – sie gehört formal nicht zu Großbritannien, sondern ist direkt der Königin unterstellt. Das ermöglicht ihr weitreichende Sonderrechte vor allem bei der Steuergesetzgebung: Es gibt hier weder Körperschafts- noch Mehrwertsteuer, die Einkommenssteuer liegt zwischen 10 und 18 Prozent und damit deutlich unter der in den meisten anderen europäischen Ländern. Offshore-Banking sowie Briefkastenfirmen zählen deswegen zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen auf der Insel.

Die „Paradise Papers“ deckten auf, dass seit 2011 insgesamt mehr als 230 Privatjets über die Isle of Man in die EU importiert und durch Briefkastenfirmen von der Mehrwertsteuer befreit wurden. Ein beliebtes Geschäftsmodell: Nach eigenen Angaben führt die nur knapp 85000 Einwohner zählende Insel das sechstgrößte Flugzeugregister der Welt.

Die Isle of Man gehört über einen Vertrag mit Großbritannien zum Zollgebiet der EU. Sie ist über dieses Konstrukt auch der einzige Offshore-Staat, bei dem es möglich ist, eine EU-Umsatzsteuernummer zu erhalten. Beides könnte nach dem Brexit entfallen – und damit einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Insel.

Steuerparadies Isle of Man: Offshore-Banking sowie Briefkastenfirmen zählen zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen auf der Insel. Quelle: Picasa

Akrotiri und Dekelia: Die beiden Militärbasen auf Zypern sind längst mehr als britisches Hoheitsgebiet: Sie sind nicht hermetisch abgeriegelt, und es leben längst nicht mehr nur Soldaten hier. Von den rund 14500 Bewohnern sind rund die Hälfte Zivilisten. Akrotiri und Dekelia gehören beide zum Zollgebiet der EU, außerdem gilt hier der Euro als offizielles Zahlungsmittel, nicht das britische Pfund.

Zudem haben die Einwohner – anders als jene anderer britischer Überseegebiete – keinen Anspruch auf die britische Staatsbürgerschaft. Als einziges EU-Mitglied verhandelt Zypern daher unabhängig mit Großbritannien über die notwendigen Schritte im Falle eines Brexits. Dem Vernehmen nach ist auch dabei in vielen Punkten ein Konsens gefunden worden.

Von Katrin Pribyl

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