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Deutschland / Welt Niederländer feiern den Helden von Detroit
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20:54 27.12.2009
Im US-Fernsehen schilderte Jasper Schuringa, wie er auf den mutmaßlichen Attentäter sprang, ihn niederrang und das Feuer löschte, bevor er ihn gemeinsam mit der Crew fesselte.
Im US-Fernsehen schilderte Jasper Schuringa, wie er auf den mutmaßlichen Attentäter sprang, ihn niederrang und das Feuer löschte, bevor er ihn gemeinsam mit der Crew fesselte. Quelle: afp
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Der Niederländer Jasper Schuringa weiß sofort, was los ist, als er kurz vorm Landeanflug der Maschine auf der anderen Kabinenseite einen Knall hört. „Ich dachte: Verdammt, da versucht einer, das Flugzeug in die Luft zu jagen“, sagt der Filmemacher mit müdem Gesicht und ruhiger Stimme ein paar Stunden später dem US-Sender CNN. Seine rechte Hand ist von großen Verbänden umwickelt. „Ich habe keinen Moment gezögert, bin auf den Mann zugerannt, habe mich auf ihn geworfen und versucht, das Feuer zu löschen. Glaubt mir, wenn Feuer im Flugzeug ist, dann ist man sofort hellwach. Mir war schlagartig klar: Der Kerl will das Flugzeug in die Luft jagen. Das wollte ich verhindern.“

Wie nahezu jeder, der seit dem 11. September 2001 ein Flugzeug besteigt, hatte Schuringa irgendwo im Unterbewusstsein abgespeichert, dass so etwas jederzeit wieder passieren kann. Aber anders als viele es wohl vermocht hätten, handelt der Holländer mit Geschick und Fortune, er springt über mehrere Sitze hinweg zu dem Platz, von dem die Explosion kommt, und auf dem ein junger Afrikaner mit brennenden Hosen sitzt. Mit bloßen Händen und mit seinen Schuhen löscht Schuringa das Feuer, zerrt den jungen Mann aus seinem Sitz und sorgt mit der Hilfe von Flugbegleitern und anderen Passagieren dafür, dass der Attentäter im vorderen Teil des Fliegers durchsucht und mit Handschellen gefesselt wird.

Der 32-Jährige ist der Held des Fluges Northwest 253 von Amsterdam nach Detroit. Ohne ihn wäre es am Weihnachtstag am Himmel über Michigan wohl zu einer Katastrophe gekommen. Immerhin war der Airbus mit mehr als 280 Menschen voll besetzt. Trotz milliardenteurer internationaler Bemühungen um Flugsicherheit, trotz weltweiten Antiterrorkampfes war es dem 23-jährigen Nigerianer Umar Faruk Abdumutallab gelungen, die hochexplosive Substanz Pentaerytritol an Bord zu schmuggeln. An sein Bein geklebt waren ein Pulver und eine Spritze mit einer Flüssigkeit, die zusammen eine Bombe mit genug Sprengkraft ergaben, um ein Flugzeug zu zerstören.

Der Anschlag zeugt davon, dass das Risiko islamistisch motivierten Terrors ungebrochen ist. Bei einer ersten Vernehmung in der Klinik von Ann Arbor in Michigan, wo seine schweren Verbrennungen behandelt werden, sagt Abdumuttalab aus, er habe die Zutaten für die Bombe von einem Al-Qaida-Mitglied im Jemen erhalten. Er habe per Internet Kontakt zu einem extremistischen Imam im Jemen aufgenommen, der ihn mit dem Bombenbauer in Verbindung gebracht habe.

Trotzdem ist bislang noch nicht endgültig geklärt, ob Abdumutallab einen Auftrag des Al-Qaida-Netzwerkes hatte oder ob er doch ein Einzeltäter war. Fest steht allerdings, dass er in das gängige Profil von islamistischen Terroristen passt. Abdumutallab stammt aus gutem Haus, ist hochgebildet, hat im Westen gelebt. Doch irgendwann in seiner Ausbildung ist er der Ideologie des Dschihad begegnet, und sie hat bei ihm verfangen.

Sollten sich die ersten Aussagen von Abdumutallab bestätigen, dass er einen Al-Qaida-Auftrag aus dem Jemen erhalten hatte, stellt dies indes den weltweiten Antiterrorkampf vor ein neues Problem. Denn es könnte bedeuten, dass der Jemen zusätzlich zu Afghanistan und Pakistan eine Basis für internationale Aktivitäten der Al Qaida geworden ist. Jüngst tauchten sogar Gerüchte auf, der Terrordrahtzieher Osama bin Laden befinde sich im Jemen.

Schon jetzt aber steht fest, dass der Anschlagsversuch ein Problem der Sicherheitsbehörden offenbar gemacht hat: „Wie konnte der Mann mit dem Sprengstoff am Leib durch die Kontrollen kommen?“, lautet die Klage, die Schuringas Mutter Ingrid Schuringa gegenüber der niederländischen Zeitung „de Telegraaf“ aufwarf. „Die Sicherheitsbehörden haben offenbar ein Problem.“ Diese Feststellung gilt besonders für die Kontrolleure auf dem niederländischen Großflughafen Schiphol – aber nicht nur für sie: Auch in den USA ist bereits eine Debatte über die Sicherheitskontrollen bei Flügen entbrannt. Die Hauptverantwortung für das Versagen liegt aber bei den Niederländern, deren Koordinationsbehörde für Terrorismusbekämpfung (NCTB) denn auch bereits ermittelt. Schließlich war Faruk Abdumutallab aus Nigeria mit einer KLM-Maschine auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol gelandet, und dort war es ihm auch gelungen, mit seiner Bombenmischung in die Detroit-Maschine der Delta-Northwest Airlines umzusteigen – und dabei alle auf dem Amsterdamer Airport üblichen Sicherheitsschranken zu überwinden.

Trotz der EU-typisch strengen Kontrollen haben die Sicherheitskräfte und die Amsterdamer Grenzpolizei den Sprengstoff, den Faruk Abdumutallab am Körper trug, nicht entdeckt. Er soll ihn im Genitalbereich verborgen haben. Die Metalldetektoren der Sicherheitsschleusen konnten den chemischen Sprengstoff, den der mutmaßliche Terrorist bei sich trug, auch nicht entdecken. Kein Wunder also, dass der Anschlagsversuch beiderseits des Atlantiks auch eine neue Debatte über die Sicherheitsvorkehrungen losgetreten hat. US-Präsident Barack Obama will alle Sicherheitsregeln auf den Prüfstand stellen, in Deutschland warb der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach um Verständnis für schärfere Kontrollen, wandte sich jedoch gegen „gesetzgeberischen Aktionismus“ und ausdrücklich gegen die in der EU nach Protesten im Jahr 2008 nicht eingesetzten sogenannten Nacktscanner. Konrad Freiberg, Chef der Gewerkschaft der Polizei, forderte indes die Weiterentwicklung technischer Durchsuchungsmöglichkeiten.

Unabhängig vom Verlauf der Debatte dürfte jetzt schon feststehen, dass spätestens die Weihnachtsrückreisewelle für Tausende von Passagieren wegen mehr Kontrollen unangenehmer wird. Verschärfte Kontrollen gab es bereits gestern auf internationalen Flughäfen. Angesichts der Terrorgefahr wird sich darüber jedoch wohl kaum jemand beklagen.

Von Sebastian Moll und Helmut Hetzel

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