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Deutschland / Welt „In unserer patriarchalen Kultur wird Gewalt gegen Frauen weggeredet“
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17:49 20.11.2018
Netzfeministin Anne Wizorek. Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Frau Wizorek, eine wachsende Zahl von Frauen wird von ihren Partnern angegriffen. 147 Frauen wurden 2017 getötet. Überrascht Sie das?

Leider überrascht mich daran überhaupt nichts, denn wer sich wie ich kontinuierlich mit dem Problem Gewalt gegen Frauen beschäftigt und dabei auch im engen Austausch mit Beratungsstellen und -organisationen steht, sieht das Ausmaß jeden Tag und nicht erst zu irgendwelchen Gedenktagen oder wenn bestimmte „große Fälle“ durch die Medien gehen. Aber selbstverständlich machen mich diese Zahlen immer noch absolut wütend und zeigen, wie notwendig gerade feministische Arbeit eben immer noch ist.

Worin sehen Sie die Gründe?

Die kurze Antwort: Das Patriarchat.

Und die längere?

In unserer Gesellschaft mit patriarchaler Kultur wird Gewalt gegen Frauen immer noch weggeredet, Frauen eine Mitschuld an den Taten gegeben und das Ganze verharmlost. Trotz aller Fortschritte, die wir natürlich in dem Bereich gemacht haben und die in erster Linie Feministinnen zu verdanken sind. Gerade Opferanwältinnen berichten immer noch davon, wie gering Strafen ausfallen, wenn es sie denn überhaupt gibt. Wenn ein Ehemann seine Frau schlägt, dann wird das in der Regel milder bewertet, als wenn er das einer fremden Person auf der Straße angetan hätte. Es gibt in unserer Gesellschaft leider einfach immer noch einen großen Hang dazu, die Gewalt, die Frauen vor allem in Partnerschaften angetan wird, einfach hinzunehmen, statt alles daran zu setzen, dass sie gar nicht erst passiert.

Was kann man aus Ihrer Sicht gegen Partnerschaftsgewalt tun?

In akuten Situationen müssen wir alle weitaus mehr Zivilcourage zeigen. Wenn es in der Nachbarswohnung immer wieder laut wird und der Verdacht auf eine gewaltvolle Beziehung besteht, hören und schauen noch zu viele von uns weg. Dabei haben wir ja Mittel, etwas zu tun. Man kann sich da zum Beispiel auch ans Hilfetelefon wenden und beraten lassen, welches Vorgehen im jeweiligen Fall am besten ist. Generell braucht es noch mehr Aufklärungsarbeit, damit Betroffene sehen, dass sie all das nicht aushalten müssen und sie ihre Rechte sowie Beratungsangebote kennen. Es muss endlich genügend Geld für schon bestehende, aber auch neue Initiativen gegen Gewalt in die Hand genommen werden.

Und sonst?

Gleichzeitig brauchen wir eine breit aufgestellte antisexistische Präventionsarbeit in unserer Gesellschaft. Die kann nie früh genug losgehen, sollte aber letztlich in allen Altersschichten stattfinden. Geschlechterstereotype, also die aufgezwungenen Vorstellungen, wie Frauen und Männer zu sein haben, bilden ja die Grundlage für das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern. Und das zeigt sich dann eben auch in entsprechender Gewalt. Diesen sexistischen Nährboden müssen wir einfach entziehen. Nur leider werden heutzutage schon Babys in entweder rosafarbene oder hellblaue Schubladen gesteckt und damit zum Beispiel auch zweigeschlechtlich aufgeteilt, obwohl unsere menschliche Realität vielfältiger ist.

Der Großteil ausgeübter Gewalt geht von Männern aus

Die Familienministerin Franziska Giffey will mehr Frauenhäuser schaffen. Reicht das?

Mehr Frauenhäuser und damit Plätze für Betroffene zu schaffen, ist ein guter Anfang. Zu viele Frauen müssen derzeit immer noch abgewiesen werden, obwohl sie schon den schweren Schritt gegangen sind, um sich aus den gewaltvollen Beziehungen zu lösen. Aber die Arbeit in den Häusern selber muss auch endlich finanziell gut aufgestellt werden und dann tatsächlich dauerhaft abgesichert bleiben – und das bundesweit mit einheitlichen Standards. Außerdem braucht es weitaus mehr Fachpersonal. Nach dem Aufenthalt im Frauenhaus gehen die Probleme im Übrigen weiter.

Inwiefern?

Frauen, die danach wieder bereit und in der Lage sind, sich ein eigenes Leben aufzubauen, kommen oft nicht mal dazu. Überall gibt es zu wenig Wohnraum und horrende Mieten, so dass diese Frauen keinerlei Chance auf dem Wohnungsmarkt haben. Sie müssen dann viel länger im Frauenhaus bleiben, und damit fehlen diese Plätze wieder für andere Betroffene. Bezahlbarer und verfügbarer Wohnraum muss ohnehin Teil feministischer Forderungen sein, und das hier ist nur einer der Gründe. Und wie gesagt, es ist an der Zeit, dass endlich verstärkt in Präventionsarbeit investiert wird, damit es eben im besten Fall gar nicht erst zur Gewalt kommt. Das sollte ja unser aller Ziel sein.

82 Prozent der Opfer von Gewalt in Partnerschaften sind Frauen. Das bedeutet, 18 Prozent sind Männer. Dabei passt das Bild von der Frau als Täterin und dem Mann als Opfer weder in die gesellschaftliche Wahrnehmung von Frauen noch in die von Männern, oder?

Es gibt ja nicht nur Partnerschaften, die aus Mann und Frau bestehen. Und mitunter ist bei diesen Zahlen unklar, ob vielleicht eine notwendige Gegenwehr im Spiel war und schließlich beide Parteien als gewalttätig festgehalten wurden. Aber natürlich spielt auch beim Blick darauf, was wir als „typische Täter“ und „typische Opfer“ erachten, Sexismus eine Rolle. So gab es zum Beispiel bei der rechtsextremen Terroristin Beate Zschäpe im Zusammenhang mit dem NSU oft verharmlosende Darstellungen ihrer Person. Das ist dann eben der wohlwollende Sexismus, der Frauen nicht ernst nimmt und ihnen bestimmte Sachen gar nicht erst zutraut. Das sollte aber nicht davon ablenken, dass der Großteil ausgeübter Gewalt in unserer Gesellschaft von Männern ausgeht, weil diese Gewalt eben auch mit einer bestimmten gewaltvollen und frauenverachtenden Vorstellung von Männlichkeit verbunden ist, die wir leider immer noch nicht ablegen konnten und die insbesondere in rechten Parteien wieder ein extremes Comeback erfährt. Genau diese Vorstellung, dass Männer zum Beispiel immer stark sein müssen, ist wiederum schuld daran, dass gerade männliche Betroffene sexualisierter Gewalt es sehr schwer haben, über das zu sprechen, was ihnen angetan wurde, weil die vermeintliche Schwäche eines Opfers nicht mit dem Bild harter Männlichkeit zusammenpasst.

Die jetzt präsentierten Zahlen zu Gewalt in Partnerschaften legen den Schluss nahe, als habe sich trotz #Aufschrei- und #Metoo-Debatte nichts verändert – auch wenn es da um Gewalt außerhalb von Partnerschaften ging. Stimmt das?

Das stimmt so nicht, denn bei #aufschrei und #metoo ging es auch um Gewalt innerhalb von Beziehungen, weil schließlich das gesamte Spektrum an Gewalt sichtbar gemacht wurde. Die in den Medien vieldiskutierten Fälle waren zwar oft andere. Aber generell hat man auch bei den jeweiligen Hashtags sehr gut sehen können, dass gerade sexualisierte Gewalt nun mal am häufigsten im nächsten Umfeld der Betroffenen passiert: Sie kommt also von Ehemännern, Lebenspartnern, Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten. Trotzdem ist klar: Ein Hashtag oder auch zwei können das Patriarchat nicht abschaffen. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Doch diese Aufgabe ist weitaus größer. Und wir müssen sie als gesamtgesellschaftliche begreifen.

Von RND/Markus Decker

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