Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Deutschland / Welt Nächste Brexit-Abstimmung: Wo ist die britische Coolness geblieben?
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Nächste Brexit-Abstimmung: Wo ist die britische Coolness geblieben?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:51 29.03.2019
Als Großbritannien cool war: Die Brüder Noel (l) und Liam Gallagher von der britischen Band Oasis Quelle: dpa
London

Es war unausweichlich. Theresa May konnte nicht länger nur der bösartige Clown bleiben, der sie in seinen Augen so lange war. Mit dem weißen Gesicht, der spitzen Nase, den tiefen Augenringen und den Schuhen im Leopardenlook. So oft schied die britische Premierministerin politisch in der Downing Street dahin, dass der Karikaturist Steve Bell sie zum Zombie weiterentwickeln musste.

Nur, das war vor fast zwei Jahren. Die Regierungschefin ist bis heute im Amt, auch wenn sie am Mittwoch ihren Rücktritt angeboten hat, sollte das Parlament den mit Brüssel ausgehandelten Deal billigen. Seit zwei Jahren also zeichnet Bell den Zombie aus der Downing Street fast täglich aufs Neue. „Es gibt eine Grenze, inwiefern man ausdrücken kann, wie stupide, wie borniert, wie kleingeistig, wie langweilig, wie lächerlich Theresa May ist“, sagt er.

„Es gibt eine Grenze, inwiefern man ausdrücken kann, wie stupide, wie borniert, wie kleingeistig, wie lächerlich Theresa May ist“: Karikaturist Steve Bell in seinem Atelier. Quelle: Katrin Pribyl

Zurückhaltung ist seine Sache nicht, ebenso wenig wie der objektive Blick. Der 68-jährige Linksintellektuelle ist vielmehr ein Mann, der die Konfrontation liebt und die Torys hasst. Seit fast 40 Jahren arbeitet er als Karikaturist für den „Guardian“, und wenn er auf das Chaos in Westminster blickt, sprudeln die Schimpfwörter nur so aus ihm heraus. Der Brexit bestimme die Debatte. Jeden Tag. Im Fernsehen und in den Zeitungen. Am Frühstückstisch und im Pub. „Man spürt eine Verbitterung im Land“, sagt Bell. Die Zeiten seien wieder so schlimm wie damals unter Margaret Thatcher, sagt er. Und das will etwas heißen.

Der 29. März – Chiffre für Regierungschaos

Tatsächlich herrscht im Königreich knapp drei Jahre nach dem EU-Referendum und exakt zwei Jahre nach dem Beginn des Austrittsprozesses das blanke Chaos. Am Freitag, dem 29. März, diesem Datum, das mittlerweile in ganz Europa zum Chiffre für Regierungschaos und gesellschaftliche Brüche geworden ist, wollten die Brexit-Anhänger eigentlich ihren „Unabhängigkeitstag“ feiern, endlich befreit von den Fesseln der Europäischen Union, auf in eine glorreiche Zukunft. Doch die Union-Jack-Flaggen sind wieder eingepackt, der B-Day ist verschoben.

Die Insel wird vielmehr beherrscht von Ungewissheit, internen Machtkämpfen, einem beispiellosen Durcheinander. Das Parlament präsentiert sich über der Europafrage zerstritten genauso wie das Volk, und niemand weiß, wie es weitergehen soll. Wie der Brexit aussehen kann. Ob es überhaupt zur Scheidung kommt. Nicht einmal mehr klar ist, wer das Land aus der EU führen soll, nachdem Premierministerin Theresa May am Mittwoch ihren Rücktritt angeboten hat, sollte das zwischen London und Brüssel verhandelte Austrittsabkommen doch noch vom Unterhaus gebilligt werden.

„Zombie“ aus der Downing Street? Die britische Premierministerin Theresa May. Quelle: GETTY IMAGES EUROPE

Am Freitag will sie, die Störrische, den Abgeordneten den Deal abermals vorlegen, die Aussichten auf einen Erfolg aber sind so trüb wie das Wasser der Themse. Zweimal wurde der Vertrag bereits abgelehnt. May dürfte abermals krachend scheitern. Und müsste dann wohl gehen. Eigentlich. Aber die politischen Naturgesetze gelten in der ältesten Demokratie der Welt schon länger nicht mehr.

Weiterlesen:
Unterhaus darf zum dritten Mal über Mays Brexit-Abkommen abstimmen

Selbst wenn der Deal schlussendlich vom Parlament abgesegnet werden sollte, stehen dem Land mühsame Jahre voller Verhandlungen mit der EU und dem Rest der Welt bevor. Der Brexit, er wirkt wie Gift für das Land, das doch eigentlich Aufbruch und neuen Zusammenhalt so dringend nötig hätte.

Der Brexit ist Gift für das Land

Bronwen Maddox, Direktorin der renommierten Londoner Denkfa­brik „Institute for Government“, sieht in Neuwahlen einen möglichen Weg aus der Sackgasse. Doch das eigentliche Problem liegt für sie tiefer. Das Votum habe jene Spaltungen an die Oberfläche gespült, die es seit langem in diesem Land gebe: London und das restliche Land. Ältere Generationen im Gegensatz zu den Jungen. Unterschiedliche Interessen in England, Schottland, Wales und Nordirland. „Es ist Großbritannien nicht geholfen, wenn es von außen immer als das konservative Land mit den langen Traditionen und all seiner Geschichte wahrgenommen wird“, sagt Maddox. Das Land habe rasante Veränderungen durchgemacht, für viele ging es offenbar zu rasant.

Tony Blair und Oasis – wo ist das „cool Britannia“?

Vor gut 20 Jahren mag Tony Blair als Premier Großbritanniens neuen Optimismus verkörpert haben – jenes „Cool Britannia“, auf das die Briten stolz waren und das Ausland bewundernd blickte. Der geflügelte Begriff strahlte von der Insel in alle möglichen Ecken dieser Welt aus. Britpop-Bands wie Oasis führten die Hitlisten an, im Radio liefen Lieder von den Spice Girls oder Take That in Dauerschleife. Das hippe England dominierte Mode, Kultur und Design. Die Wirtschaft boomte und brachte Wohlstand und Arbeitsplätze, Investoren und Einwanderer waren willkommen. Die wiederum machten das bunte London noch kosmopolitischer und multikultureller, als es ohnehin schon war.

Dieses Image, das auch 20 Jahre später noch Touristen anzieht, die zur Abbey Road pilgern und sich in Soho mit Klamotten ausstatten, ist stets nur ein Teil der Wahrheit gewesen. Es ging nicht allen gut. Und die Dinge verschlechterten sich über die Jahre. Die Sparpolitik der Konservativen in den vergangenen zwei Jahrzehnten, die wachsende Ungleichheit, die ungerechte Ressourcenverteilung im Land. Der Brexit ist auch ein Ventil für diese Spannungen. Nur dass es sich bisher nicht öffnet. Im Gegenteil: Die Risse werden immer nur noch deutlicher.

Der damalige britische Premierminster Tony Blair spielt 2001 Gitarre. Quelle: PAPA

Sechs Millionen Menschen unterzeichneten bis gestern eine Petition, die den Verbleib in der EU fordert. Am vergangenen Wochenende gingen rund eine Million Demonstranten für eine zweite Volksabstimmung auf die Straße. Es war bunt. Und friedlich. Ein Festival für Europa mit flatternden EU-Flaggen und Plakaten, auf die Protestler „Fromage not Farage“ geschrieben hatten. Käse statt Farage – eine Anspielung auf den Rechtspopulisten Nigel Farage, der als ehemaliger Chef der europahassenden Partei Ukip nicht müde wird, das Land gegen Brüssel aufzuhetzen.

Vom Regen in den Pub – Nigel Farages Marsch floppte

Auch Farage wollte kürzlich marschieren, vom nordenglischen Sunderland aus sollte es bis in die Hauptstadt gehen. Doch zum Auftakt des Pro-Brexit-Marsches erschienen lediglich 70, 80 Leute. Ein Rohrkrepierer, nichts weniger, wie sie da im englischen Regen durch den Matsch stiefelten und sehr schnell im Pub landeten.

Vom Protest zum Pub: Der ehemalige Ukip-Chef Nigel Farage auf einem Protestmarsch mit Anhängern. Quelle: GETTY IMAGES EUROPE

Es sind Politiker wie Farage, die Maike Bohn so verachtet. Vor 27 Jahren zog die Deutsche als Geschichtsstudentin auf die Insel, voller Liebe für das Land, den Humor, das manchmal Skurrile. Seit dem Referendum aber ist das Leben für sie ein anderes. „Ich habe erlebt, wie Patriotismus in billigen Nationalismus umgeschlagen ist“, sagt Bohn. Nur eine Woche nach der Volksabstimmung hat sie in einer Kneipe in Bristol mit einem ebenso besorgten Franzosen die Initiative „the3million“ gegründet, um den EU-Bürgern, die in Großbritannien leben, eine Stimme zu geben.

Verloren und traurig. Wütend und frustriert. So fasst die 51-Jährige ihre Emotionen zusammen, wenn sie auf die vergangenen zwei Jahre blickt. Auf den noch immer unsicheren Status der auf der Insel lebenden EU-Bürger. Aber auch auf die angestiegene Zahl von Hassverbrechen gegen Einwanderer. „Es gab immer schon Rassismus, doch das Schlimme ist, dass er nun von oberster Stelle gefüttert wurde“, sagt Bohn. Tatsächlich war der Brexit immer auch von Fremdenhass und Einwanderungsängsten motiviert. Das sei schmerzhaft für Menschen, die teilweise seit Jahrzehnten das Königreich als ihre Heimat betrachten. Das Brexit-Drama könnte dennoch vielleicht etwas Reinigendes haben, meint Bohn. „Es ist, als wasche man nun die schmutzige Wäsche vor der Weltgemeinschaft – doch sie muss jetzt auch gewaschen werden.“

Cameron – für Bell ist er das „Kondom“ von London

Bei Steve Bell war es die Wut auf die konservative Premierministerin Thatcher, die ihn in den 1980er-Jahren zur politischen Zeichnung brachte. Manche auf der Insel nennen Bell heute eine Legende; seine respektlosen Darstellungen der Volksvertreter gelten als Klassiker. John Major mit der Unterhose über dem Anzug. Tony Blair mit den Riesenohren und einem aufgerissenen, leuchtenden Auge, das auf Thatcher hinweist. David Cameron als Kondom, weil dieser „so aalglatt“ sei. Über dieses Motiv redet Bell mit Stolz, auch deshalb, weil der als prüde geltende Cameron keineswegs ein Fan seines Verhütungsebenbildes war. Als Cameron nach dem EU-Referendum 2016 zurücktrat, zeichnete Bell ihn als Kondom, aus dem die Luft herausgelassen war, daneben Brexit-Wortführer Boris Johnson als Hund mit viel blondem Haar.

Achtmal Nein: Der britische Guardian am Donnerstag nach dem Parlamentsvotum, bei dem Brexit-Alternativen abgestimmt wurden. Quelle: Katrin Pribyl

Steve Bell sitzt in seinem Atelier in Brighton, auf dem Zeichentisch liegen Farben und Zeichnungen, Skizzenblöcke und Zeitungen. „Das Referendum hat die schlechtesten Aspekte der Politik hervorgebracht und verstärkt“, sagt der Künstler.

Er führt anhand seiner Karikaturen durch die vergangenen Jahre. Seine skurrilen Figuren zeigen die Geschichte des Brexit auf eigentümliche Weise. Eigentlich sieht es aus wie die Geschichte einer Clique von Verrückten.

Mehr dazu:
Acht Mal „No“

Von Katrin Pribyl/RND

Der Immobilienverband IVD gibt SPD, Linken und Grünen eine Mitschuld an der Attacke. FDP-Generalsekretärin Nicola Beer schließt sich dem an. Grund ist die aktuelle Enteignungsdebatte in der Hauptstadt.

29.03.2019

Wie bekommen Frauen und Männer Beruf und Familie unter einen Hut? Neue Zahlen des Europäischen Statistikamts befeuern die Geschlechterdebatte – und zeigen, was in Deutschland anders läuft als anderswo.

29.03.2019

Findet die große Koalition zu einer Lösung im Streit über den Rüstungsexportstopp nach Saudi-Arabien. Der Bundessicherheitsrat kommt nach Informationen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) noch am Donnerstagabend zusammen.

28.03.2019