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Deutschland / Welt Michael Buback will endlich die Wahrheit wissen
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23:33 25.05.2009
Von Wiebke Ramm
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„Kampf gegen Windmühlen“: Michael Buback will den Mord an seinem Vater aufklären. Quelle: Jana Striewe
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Manche Wahrheit braucht Jahrzehnte, um ans Licht zu kommen. Karl-Heinz Kurras, der Mann, der am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg erschoss, war ein Stasi-Spitzel. Seit Donnerstag weiß man, dass Kurras, der in der Studentenbewegung als Verkörperung des bundesrepublikanischen Faschisten galt, ein glühender Verehrer der DDR war. 42 Jahre lang blieb dies geheim.

Michael Buback, Sohn des früheren Generalbundesanwalts und RAF-Opfers Siegfried Buback, ist mittlerweile geübt darin, Undenkbares zu denken. Sonderlich überraschen, gar erschüttern kann ihn diese Neuigkeit nicht mehr. „Da sieht man wieder, dass Dinge, gerade weil sie unvorstellbar sind, verborgen werden können“, sagt er nüchtern im Wohnzimmer seines Reihenhauses nahe Göttingen. Es ist der Ort, an dem er sich seit zwei Jahren mit dem Mord an seinem Vater befasst und der Bundesanwaltschaft Arbeit bereitet.

Am 7. April 1977 werden Siegfried Buback und zwei Begleiter in Karlsruhe erschossen. Es ist der erste Mord der RAF an einem Repräsentanten der Bundesrepublik. 30 Jahre lang galt die Tat als aufgeklärt. Christian Klar, Knut Folkerts und Günter Sonnenberg waren, so der allgemeine Erkenntnisstand, die Täter. Unklar geblieben war nur, wer von ihnen die tödlichen Schüsse vom Motorrad aus abgegeben hat. Seit Michael Buback 2007 diese Frage erneut öffentlich stellte, wuchsen die Zweifel an den damaligen Ermittlungen, bis schließlich, so Buback, „alles ins Wanken geriet“.

Buback ist Naturwissenschaftler, er ist Professor für Technische und Makromolekulare Chemie an der Universität Göttingen. Er stürzt sich in die Suche nach dem Mörder seines Vaters wie in eines seiner Forschungsprojekte. Er geht unzähligen Hinweisen nach, studiert Akten und Gutachten, spricht mit Zeugen – je tiefer er gräbt, umso größer werden die Ungereimtheiten.

Das Ehepaar Elisabeth und Michael Buback, beide der Bundesanwaltschaft über ihre Väter eng verbunden, müssen über innere Widerstände hinweg feststellen, dass ihr Vertrauen in die Behörden Risse bekommt. Heute glaubt Buback nicht mehr, dass sich die wahren Mörder seines Vaters vor Gericht verantworten mussten. Er ist davon überzeugt, dass es eine Frau gewesen ist, die seinen Vater erschossen hat: die Exterroristin Verena Becker. Und er ist sicher, dass sie gedeckt worden ist.

So präsentierten zwei leitende Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes nahezu zeitgleich nach dem Attentat zwei unterschiedliche Tätergruppen: Der Einsatzleiter vor Ort nennt Sonnenberg, Klar und Becker als Täter. Gerhard Boeden, Leiter der Abteilung Terrorismus, nennt Sonnenberg, Klar und Folkerts. Es ist das erste Mal, dass der Name Becker verschwindet. Das letzte Mal ist es nicht. Besonders erschüttert Buback, dass Zeugen, die eine Frau gesehen haben, nicht vor Gericht geladen wurden.

Im Mai 1977 wird Becker zusammen mit Sonnenberg im süddeutschen Singen festgenommen, weil sie sich eine Schießerei mit Polizisten liefert. Im Besitz der beiden: die Tatwaffe von Karlsruhe und ein Suzuki-Schraubenzieher, wie er im Motorrad der Täter fehlt. Nach Bubacks Informationen steht in BKA-Unterlagen, „dass Haarspuren in der Haarbürste von Verena Becker identisch seien mit der Haarspur in einem der Motorradhelme“. In den Akten der Bundesanwaltschaft fehlen derartige Hinweise. Wegen der Ermordung von Buback muss sich Becker nie vor Gericht verantworten.

Drei Menschen wurden im Zusammenhang mit den Morden in Karlsruhe verurteilt: Folkerts, Klar und Brigitte Mohnhaupt. Dabei waren sie allem Anschein nach allenfalls Mittäter, nicht die Todesschützen. So war Folkerts zur Tatzeit offenbar in den Niederlanden, auch Mohnhaupt nicht in Karlsruhe, und Klar hat höchstens das Fluchtauto gefahren. Generalbundesanwältin Monika Harms hatte das Urteil gegen Folkerts dennoch verteidigt: Er sei nicht ausdrücklich als Schütze bezeichnet worden, und die neuen Erkenntnisse sprächen nicht gegen seine Mittäterschaft. Zudem wurden auch Sonnenberg, Becker und Wisniewski zu lebenslänglicher Haft verurteilt – jedoch nicht wegen des Buback-Mordes.

Buback, der Sohn, ist sicher, dass Becker geschützt worden ist und zwar „durch einige Ermittler, durch ein Zusammenwirken mit Geheimdiensten, aber wohl auch durch Beiträge einiger Personen in der Bundesanwaltschaft“. Und er befürchtet, dass dieser Schutz bis heute anhält. Ein ungeheurer Vorwurf. „Man denkt immer wieder, das kann doch nicht sein“, sagt Elisabeth Buback. Sie hält kurz inne. „Aber es gibt keine andere Erklärung.“

Aber warum sollte die Mörderin des Generalbundesanwalts gedeckt werden? Der Grund könnte, so Buback, in ihrer Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz liegen, aber es sind weitere Gründe denkbar. Bestätigt ist, dass sie zumindest zeitweise als Informantin des Verfassungsschutzes tätig war. Einzusehen ist die entsprechende Verfassungsschutzakte nicht mehr. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat sie im Januar 2008 sperren lassen. Früher habe er immer gedacht, „meinen Vater holt mal die Stasi“, sagt Buback. „Mein Vater hat sich sein Arbeitsleben lang mit Landesverrat und Spionage befasst. Wenn man ihm ans Leder wollte, dann deshalb.“

Buback hat aus seinen Nachforschungen ein Buch gemacht. „Der zweite Tod meines Vaters“, heißt es. Es hat mit dazu geführt, dass im April 2008 ein neues Ermittlungsverfahren gegen Becker eingeleitet wurde. Doch wenn der Schutz von damals noch anhalte, seien neue Erkenntnisse auf diesem Weg nicht zu erwarten, fürchtet er.

Im Dezember verkündet Bundesanwalt Rainer Griesbaum, dass es bis 1981 keine Zusammenarbeit des Verfassungsschutzes mit Becker gegeben habe. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand sei sie nicht am Tatort gewesen. Für die Bundesanwaltschaft bleiben die Täter diejenigen, die sie seit 30 Jahren nennt: Klar, Sonnenberg und Folkerts.

„Es ist ein Kampf gegen Windmühlen“; sagt Elisabeth Buback im heimischen Wohnzimmer. „Wenn Bundesanwalt Griesbaum sagt, dass es nicht Verena Becker war, dann gilt das eben.“ Sie lächelt und zuckt mit den Schultern. Was können wir schon ausrichten, heißt das. „Für uns steht jetzt fest“, sagt Michael Buback: „Sonnenberg hat das Motorrad gelenkt und Becker geschossen.“ „Was wir nicht kennen, sind die Hintergründe“, sagt seine Frau und ergänzt: „Ich wüsste schon gern, warum mein Schwiegervater sterben musste. Aber das ist eine Dimension, die unsere Möglichkeiten übersteigt.“

Manche Wahrheit braucht Jahrzehnte, um ans Licht zu kommen. „Ich bin davon überzeugt, dass es irgendwann herauskommen wird“, sagt sie. „Genau wie die Sache mit Ohnesorg jetzt herausgekommen ist.“