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Deutschland / Welt Margot Käßmann und die Sinnlichkeit der Theologie
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22:00 27.04.2012
Von Reinhard Urschel
Wortgewaltige Botschafterin: Margot Käßmann in der Berliner Gedächtniskirche.dpa
Wortgewaltige Botschafterin: Margot Käßmann in der Berliner Gedächtniskirche. Quelle: dpa
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Berlin

Es scheint durchaus angebracht zu sein, wenn sich der Besucher des Gottesdienstes in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu Berlin nachhaltig in Erinnerung ruft, dass es um den Doktor Martinus Luther geht und nicht in erster Linie um Frau Professor Doktor Doktor h. c. Margot Käßmann. So oft und so voller Ehrfurcht wird ihr Name genannt zwischen den Gebeten und Liedern, dass ein gänzlich falscher Eindruck mit nach Hause genommen werden könnte. Es ist kein katholischer Fürstbischof der Renaissance, der da unter Orgelklängen Einzug hält in ein Gotteshaus, sondern eine kleine Frau im schwarzen Talar. Aber das Hälserecken, die ehrfurchtsvolle Hinwendung könnte kaum größer sein.

Ein Fest möchte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) feiern in fünf Jahren, wenn 2017 das Jubiläum von Martin Luthers Thesenanschlag ansteht, aber niemand weiß bislang, wie das angemessen geschehen könnte. Die Rettung naht nun in der Person von Margot Käßmann.

Die frühere Ratsvorsitzende der EKD und frühere hannoversche Landesbischöfin ist nun seit Freitag durch Handauflegen „Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017“ geworden. Den Segen dafür hat ihr Nachfolger an der Spitze der EKD gespendet, Präses Nikolaus Schneider. Von den vielen Gleichnissen der Heiligen Schrift, die im Verlauf des Gottesdienstes herangezogen worden sind, hätte das vom verlorenen Sohn am besten gepasst oder, im vorliegenden Fall, von der verlorenen Tochter. Präses Schneider hat diese Bibelstelle nicht zitiert, als er „die liebe Margot“ fragte, ob sie bereit sei, das Botschaftsamt zu übernehmen. Aber die Freude, die bekanntlich herrschte im Hause des Herrn über die Heimkehr des verlorenen Kindes, die klang herzlich und ehrlich aus seinem Mund. Und weil er sich so freut, erzählt der hohe Kirchenmann die Anekdote von den Botschaftern aus aller Herren Länder, die sich angemeldet und wieder abgemeldet haben, als sie bemerkten, dass es sich bei Margot Käßmann keineswegs um eine Botschafterin im diplomatischen Sinne handelt. Ein herzliches Lachen braust durch die Kirche. Margot Käßmann, eine Diplomatin.

Von der Rückkehr der früheren Bischöfin in den Schoß der EKD war zuvor häufiger die Rede gewesen. Es sei schön, sagte der Präses in seiner Ansprache, „dass wir einander wieder verbindlicher zugeordnet sind“. Das kann man so oder so verstehen: Die ungemein populäre Predigerin und Buchautorin, die so etwas wie eine Startheologin geworden ist nach ihrem Rückzug ins Private, wird sich wieder in den Dienst der Kirchenorganisation stellen - oder aber auch, die Kirche kann wieder Einfluss nehmen auf eine Theologin, die zunehmend in die Gefahr geraten ist, „ihr eigenes Ding zu machen“. Zuletzt ist sie als Schirmherrin der Suche nach Deutschlands schönstem Grabstein in Erscheinung getreten. Böse Spötter sahen sie schon auf dem besten Weg ins Dschungelcamp - doch stattdessen hat die Theologin nun ein Büro am Berliner Gendarmenmarkt bezogen. Mit Assistentin und kleinem Apparat, ihr Bischofsgehalt im Rücken. Von da aus soll sie hinarbeiten auf das große Jubiläum, zu dem 2017 viele Hunderttausend Besucher in Deutschland erwartet werden. Mit Vorträgen, Büchern und Fernsehauftritten soll Käßmann das Interesse in einer weitgehend säkularen Umgebung wecken und ihre Popularität dafür in die Waagschale werfen.

Natürlich ist, wie es sich für einen ordentlichen evangelischen Gottesdienst gehört, die Predigt die Mitte, das Kraftzentrum. Margot Käßmann, die wortmächtige Schreiberin und Rednerin wählt den Anfang des Johannesevangeliums für ihre Ausführungen, denen man an diesem Tag und zu diesem Anlass durchaus programmatische Bedeutung beimessen darf: „Am Anfang war das Wort.“ Und natürlich ist sie ohne Umschweife bei Luther, über den sie auch sagen kann, er sei ein wortmächtiger Schreiber und Redner gewesen. Diesen Luther wird sie nun nicht als Verfechter eines unveränderlichen Glaubens präsentieren, sondern als denkenden Gläubigen, nicht als Fundamentalist, sondern als Verfechter der Freiheit im Glauben.

Weil das Wort, so geht es weiter bei Johannes, schließlich Fleisch geworden ist in Jesus, will Käßmann uns auch den „leibfreundlichen Luther“ ans Herz legen: „Theologie braucht Sinnlichkeit.“ Dass sie den Menschen Luther, der diesen Satz spielend mit Leben füllen kann, in- und auswendig kennt, darf man ihr abnehmen. Und dann hat sie auch noch ein schönes Beispiel dafür, wie voll das pralle Leben in der evangelischen Kirche klingen kann: Man möge doch nur den herrlichen Posaunenchören lauschen.

Die Pfarrerin der Gedächtniskirche, die an sich schon einen schweren Stand dort an der quirligsten, lautesten, geschäftigsten Stelle der Stadt hat, im Dreieck von Tauentzien, Zoo und Kurfürstendamm, hat den schwierigsten Part zu übernehmen gehabt an diesem feierlichen Nachmittag. Dem seltenen Anlass entsprechend hatte die Gemeinde den modernen Glasbau mit seinen blauschimmernden Fenstern putzen lassen, zum ersten Mal überhaupt seit dem Aufbau nach dem Krieg. Schön geleuchtet haben die Lichtöffnungen an diesem Frühlingstag.

Aber zum Putzen braucht man viel Wasser, hat Pfarrerin Cornelia Kulawik erläutern müssen, und das Wasser und die Elektrik des Gotteshauses haben sich nicht vertragen. So blieb das Gebäude, hinten, wo das Kirchenvolk Platz genommen hatte, dunkel, und die Glocken im Turm mussten schweigen. Glockengeläut in Berlin und besonders an diesem lauten Platz hat immer etwas Anrührendes. Viele überhören es mit Absicht. Die Botschafterin Margot Käßmann muss sich nun auch dort Gehör verschaffen, wo Glocken schon mal schweigen.