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Deutschland / Welt Kreuzfahrtschiff entkommt Piraten
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22:53 26.04.2009
Die MS Melody entkam den Piraten durch geschicktes Navigieren. Quelle: MSC Kreuzfahrten GmbH/ddp
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Die Sonne ist seit Stunden hinter dem Horizont verschwunden, das allabendliche Galadinner längst vorbei. An Bord herrscht entspannte Stimmung: Von den Seychellen, wo die fast 1000 Passagiere auf ihrer Kreuzfahrt zuletzt von Bord gegangen waren, trennen die „MS Melody“ knapp 300 Kilometer, von Somalia und dem Golf von Aden mehr als tausend. So weit von der Piratenküste entfernt erwarten die bewaffneten Sicherheitskräfte, die Kapitän Ciro Pinto ohne Wissen der Passagiere mit an Bord genommen hatte, keinen Angriff.

Doch auf einmal fallen Schüsse. Sechs Piraten in einem Schnellboot greifen den Ozeanriesen mit Kalaschnikows an. Doch Kapitän Pinto reagiert schnell: Er fordert die Passagiere auf, in ihre Kabinen zu gehen und das Licht zu löschen. In der Dunkelheit erwidert die „Melody“ das Feuer. „Unsere Sicherheitsleute haben in die Luft geschossen“, berichtet Pinto.

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Als die Piraten trotzdem versuchen, das Schiff zu entern, setzen die Sicherheitskräfte Feuerlöschschläuche ein, um die Angreifer abzuwehren. Erst sieht es so aus, als würden die Seeräuber nicht locker lassen: 20 Minuten lang folgen sie der „Melody“. Dann drehen sie ab. Die 991 Passagiere – darunter sollen sich 38 Deutsche befinden – und die mehr als 500 Mann Besatzung kommen mit dem Schrecken davon. „Diesen Abend werde ich nie vergessen“, sagt Kapitän Pinto nach dem glücklichen Ende erleichtert. „Ich kam mir vor wie im Krieg.“

Die Piraten haben ihre Angriffszone inzwischen auf weite Teile des Indischen Ozeans ausgeweitet. Selbst Schiffe, die den langen Umweg ums Kap der guten Hoffnung wählen, wurden in den vergangenen Monaten überfallen. Somalische Piraten haben eine Yacht auf einer der äußeren Seychellen-Inseln und Schiffe vor Madagaskar entführt. Wer in dieser Weltregion unterwegs ist, scheint nicht mehr ausweichen zu können. Auch die Fahrt im Konvoi durch den Golf von Aden hilft wenig, wenn die Piraten so weit vor der Küste zuschlagen.

Am Sonnabend entführten Piraten 300 Kilometer vor der Küste des Jemen einen deutschen Frachter. „Der Kapitän hatte sein Schiff angemeldet, den Sicherheitsabstand zur Küste eingehalten und alles richtig gemacht“, erklärte am Sonnabend ein Sprecher der EU-Mission Atalanta, in deren Rahmen auch zwei deutsche Fregatten vor Somalia stationiert sind. Bei dem Schiff handelt es sich vermutlich um die „Patriot“ der Hamburger Reederei Johann Blumenthal. Das Schiff soll Getreide geladen und 17 Besatzungsmitglieder an Bord haben.

Es scheint, als ob die somalischen Piraten auf die Marinepräsenz mit immer dreisteren Überfällen reagieren. So wollten die mächtigen Hintermänner der Piraterie sich weiterhin die Millionensummen aus Lösegeldern sichern, sagen Fachleute.

Bislang konzentrierten sich die Piraten vor allem auf Handelsschiffe, deren kleine Besatzung sie schnell überwältigen können. Wie sechs Piraten ernsthaft glauben konnten, 1500 Menschen auf der „MS Melody“ in Schach zu halten, gibt Rätsel auf. Wahrscheinlich ist, dass ein Mutterschiff der Piraten nicht weit entfernt war: Anders hätten die Angreifer in ihrem kleinen Boot nicht so weit von der Küste entfernt zuschlagen können.

Doch selbst mit Verstärkung scheint die Entführung eines ganzen Kreuzfahrtschiffs kaum zu schaffen zu sein – das erträumte Lösegeld muss die Piraten dennoch bewogen haben, ihr Glück zu versuchen. Sie sind nicht die ersten: Ende November beschossen Piraten das amerikanische Kreuzfahrtschiff „Nautica“ mit mehr als 1000 Menschen an Bord. Im Dezember verfolgten Schnellboote die deutsche „MS Astor“ und drehten erst ab, als ein deutsches Kriegsschiff Warnschüsse abgab. Die Reederei Hapag-Lloyd ließ daraufhin alle Passagiere der „MS Columbus“ von Aden nach Dubai fliegen, die Besatzung durchquerte das gefährliche Seegebiet allein.

Die „Melody“ hat unterdessen ihre Fahrt fortgesetzt. Sie steuert den jordanischen Hafen Akaba an und soll am 7. Mai in Italien ankommen.

von Marc Engelhardt