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22:03 17.11.2014
Der deutschstämmige Klaus Iohannis ist überraschend zum Präsidenten in Rumänien gewählt worden.
Der deutschstämmige Klaus Iohannis ist überraschend zum Präsidenten in Rumänien gewählt worden Quelle: dpa
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Sibiu

Am Montag nach dem Wahlsieg ging die künftige First Lady Rumäniens zur Arbeit. Wie immer zu Fuß. Die Englischlehrerin Carmen Iohannis lässt den Unterricht am Gymnasium in Sibiu (Hermannstadt) nicht ausfallen,  bloß weil ihr Mann jetzt Präsident wird und ein Schwarm von Reportern ihr folgt. Carmen Iohannis macht einfach ruhig weiter.

„Schweigen und machen“, war auch einer der zentralen Sätze des früheren Physiklehrers Klaus Iohannis, in einem langen und dreckigen Präsidentschaftswahlkampf. Iohannis hat es offensichtlich richtig gemacht. Der Bürgermeister von Sibiu, deutschstämmiger Siebenbürger Sachse und Kandidat der Allianz aus Konservativen und Liberalen, hat sich in einer geradezu historischen Wahl gegen den Favoriten Victor Ponta von den regierenden Sozialdemokraten durchgesetzt. Iohannis hat mit 54,66 Prozent der Stimmen gesiegt. Die Wahlbeteiligung war mit 64 Prozent so hoch wie kaum jemals zuvor.

Wahlausgang als europäische Sensation

Niemals würden die Rumänen einen „Sachsen“ zu ihrem Präsidenten wählen, hatten Beobachter vor der Stichwahl am Sonntag gesagt. Nun gilt der Wahlausgang als europäische Sensation: Ein Mitglied der deutschstämmigen Minderheit soll Rumänien aus der politischen und wirtschaftlichen Krise führen. Zum Triumphator aber taugt Klaus Iohannis nicht. In seiner etwas verlegenen, fast schüchternen Art sagt der 55-Jährige nur: „Ich werde der Präsident aller Rumänen sein.“ Er wird es sein müssen.

Die Nacht der Stichwahl hätte eine Nacht des Aufruhrs werden können. Tausende hatten sich auf den Straßen versammelt, um gegen Premier Victor Ponta zu demonstrieren. Vor den rumänischen Vertretungen im Ausland hatten sich – wie bereits vor zwei Wochen in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl – lange Schlangen gebildet. Schuld an stundenlangen Verzögerungen soll Ponta gewesen sein. Ihm schien jedes Mittel recht, zu verhindern, dass die mehrheitlich Iohannis zugeneigten Auslandsrumänen die Wahl entscheiden.

Der Gegenentwurf zu alten Seilschaften

„Das Wahlchaos ist von Ponta absichtlich herbeigeführt worden“, sagt der Unions-Bundestagsabgeordnete Bernd Fabritius. Der frisch gewählte Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV) ist vor seiner Auswanderung nach Deutschland in Sibiu zur Schule gegangen. Nun will der BdV beim Europarat eine Untersuchung der Wahlbehinderung beantragen – schließlich hat Ponta bereits erklärt, weiterhin als Premier die Regierungsgeschäfte führen zu wollen.

Iohannis bietet einen Gegenentwurf zu den alten Seilschaften, die seit der Revolution vor 25 Jahren die Politik prägen. Sein Wahlkampf war unaufgeregt, Provokationen ließ er ins Leere laufen. Seine Idee ist ganz schlicht: weniger Rummel, mehr Ergebnisse. Behörden, sagt Iohannis, sind für den Bürger da, nicht zur Selbstbedienung der Beamten und Politiker. Viele trauen dem Saubermann aus Sibiu zu, das Grundübel Rumäniens zu bekämpfen, die omnipräsente Korruption.

Die zweite rumänische Revolution

14 Jahre regiert Iohannis in Sibiu. Er reformierte die Verwaltung, holte Investoren aus Deutschland und besorgte die Mittel für die Renovierung der biedermeierlichen Altstadt. Die Erwartungen sind jetzt riesig. Rumänien soll werden wie Sibiu: Die 147.000-Einwohner-Stadt ist blitzblank, sicher, Arbeitslose gibt es nicht.

Auch die Rumänen, die im Ausland leben, hegen diese Hoffnung. Zum Beispiel Iulia Muntean in Wien. „Wir haben unsere Revolution von 1989 jetzt vollendet“, jubelt sie. „Damals ist die Revolution stecken geblieben. Erst jetzt haben wir eine richtig gesunde Demokratie.“ Die Parole „Ich wähle rumänisch, nicht deutsch“ der Ponta-Anhänger hat sie geärgert. Ponta hatte es unterschwellig immer wieder zum Thema gemacht, dass Iohannis einer Minderheit angehört, der evangelischen, nicht der orthodoxen Kirche verbunden ist. Dass Iohannis in Rumänien blieb, als seine Familie 1990 nach Deutschland auswanderte, erwähnte Ponta nicht.   

Iohannis tat das Schlaueste, was er tun konnte. Er beklagte die „Tonnen von Abfall, die über mich ausgeschüttet wurden“, dann blieb er demonstrativ ruhig: „Lieber verliere ich die Wahl, als mich auf dieses Niveau zu begeben.“

Pragmatische Realpolitik gab es vorher nicht

So schaffte er die zweite rumänische Revolution. „Klaus Iohannis steht für pragmatische Realpolitik, das gab es bisher in Rumänien nicht“, sagt Fabritius. „Die Wähler hatten den Politikerzirkus der letzten 25 Jahre satt.“

Das glaubt auch Beatrice Ungar, die Iohannis seit Jahrzehnten kennt und schätzt. In einem Hinterhof in der Altstadt von Sibiu leitet sie die Redaktion der „Hermannstädter Zeitung“. Auch sie spricht von Revolution. Aber bei ihr hat das einen skeptischen Unterton. Das Land sei nach wie vor gespalten, sagt sie. „Und wir müssen aufpassen, dass die Revolution nicht ihre Kinder frisst.“

Während Tausende noch auf den Plätzen der alten Stadt feiern, macht sie sich Sorgen. Sorgen, dass der unbestechliche Iohannis in Bukarest womöglich in den Sumpf der Korruption und Klientelpolitik hineingesogen wird, dass er seine Strahlkraft verliert, dass er enttäuscht. Es ist schon so oft passiert mit denen, in die Rumänien seine Hoffnungen setzte.

Jan Sternberg / Norbert Mappes-Niedeck

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