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Deutschland / Welt Kenias Slums im Strudel der Wahlen
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13:03 04.03.2013
Foto: Die Angst vor sozialen Unruhen in Kenia ist groß.
Die Angst vor sozialen Unruhen in Kenia ist groß. Quelle: dpa
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Nairobi

Rachel Kathambi sitzt in der Neun-Quadratmeter-Hütte in Mathare und stillt ihren Sohn. Über dem Gaskocher prangt ein Poster von Uhuru Kenyatta, einem der Spitzenkandidaten bei der Präsidentenwahl. Mit resignierter Stimme sagt die hübsche 22-Jährige: „Es wird Krieg geben."
Wie viele andere Slum-Bewohner in Nairobi erinnert sie sich gut an die Bilder ihres brennenden Heimatlandes. Nach den letzten Wahlen Ende 2007 war es im Safari-Paradies fast zu einem Bürgerkrieg gekommen. Hass und Gewalt hatten Kenia an den Rand des Zusammenbruchs getrieben. Am Montag war es wieder soweit: Knapp 15 Millionen Wahlberechtigte sollen einen neuen Staatschef bestimmen. Wird sich die Geschichte nun wiederholen?

Um zu verstehen, worum es bei den Unruhen ging, muss man sich zu ihren Ursprüngen begeben. Alles begann in Kibera, Mathare und Dandora - den drei größten Slums von Nairobi, in denen mehrere Hunderttausend Menschen am Rande der Gesellschaft leben und in winzigen Lehmhütten mit brennend heißem Wellblechdach versuchen, ihr Dasein zu meistern. Sie besitzen nicht viel, aber sie haben Stolz, eine Volksgruppe, der sie angehören, und eine Stimme, wenn es darum geht, den nächsten Staatschef zu bestimmen.

Stichwahl 2007

Als Mwai Kibaki Ende 2007 nach einer Stichwahl zum Wahlsieger erklärt wurde, obwohl von Betrug und Schmierereien die Rede war, brach in den Slums, ebenso wie in vielen Regionen des kenianischen Rift Valleys, sprichwörtlich die Hölle los. Viele wurden angeschossen, von Machetenhieben getroffen oder vergewaltigt.

Tabitha Dorcas Akingi war eine derjenigen, die es am schlimmsten traf: Als sie in Dandora vor einer schwer bewaffneten Kikuyu-Gang davonlief, musste sie ihren dreijährigen Sohn zurücklassen. Er wurde grausam getötet - genau wie 1200 seiner Landsleute.

„Tribalism" - die Dutzenden Ethnien und Unter-Ethnien - stellen seit jeher das größte Problem des ostafrikanischen Landes dar. Kenyatta ist ein Kikuyu, sein wichtigster Kontrahent Raila Odinga ein Luo. Will heißen: Die Kikuyu im Land geben ihre Stimme Kenyatta, die Luo wählen Odinga.

Die anderen, die Kalenjin, die Kamba, die Luhya, schauen auf die Kandidaten, die Vizepräsident werden wollen, oder nehmen bei ihrer Entscheidung historische Bündnisse zu Hilfe. Wahlkampf mit politischen Inhalten ist da kaum zu betreiben. Deshalb verwundert es nicht, dass die Anwärter in einer TV-Debatte vor wenigen Wochen unisono von einem "Kenya Unite" schwärmten, einem vereinten Kenia.

Immerhin, die Botschaft ist angekommen. „Mein Stamm heißt Kenia", prangt es im Armenviertel Kibera in bunter Graffiti-Schrift auf einer Mauer. „Politisch erwarte ich von diesen Wahlen absolut gar nichts", sagt George Kimani Munyaka. „Letztlich muss ich für mich selbst sorgen, weil niemand mir hilft." Bei den Ausschreitungen 2007 brannten aufgebrachte Luo seinen kleinen Lebensmittel-Laden komplett nieder und der Vater von vier Kindern stand vor den Scherben seiner Existenz. Der 53-Jährige ist ein Kikuyu. „Darum wähle ich Kenyatta."

Dass der frühere Finanzminister vom Weltstrafgericht in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt ist, weil er seine Leute vor fünf Jahren zu Morden und Vergewaltigungen angestiftet haben soll, stört nicht. „Das ist doch kein Problem, dann werden seine Minister eben das Land führen."

Diese Meinung ist in Mathare und Dandora weit verbreitet. Wenn Kenyatta erst einmal Präsident ist, so glauben die meisten seiner Anhänger, dann wird sich das Gerichtsverfahren vermutlich in Luft auflösen.

Politische Beobachter und die Luo im Kibera-Slum sehen das anders. „Viele Kaffeeproduzenten befürchten, dass es Sanktionen geben könnte und ihre Exporte einbrechen", erklärt ein kenianischer Experte, der anonym bleiben will.

Der 27-jährige Odinga-Fan Lutas, der sich nach der letzten Wahl mit Schlagstöcken Gehör verschaffte und zugibt, zahlreiche Läden und Häuser in Kibera geplündert zu haben, fügt hinzu: "Wir haben Angst, dass die Europäische Union und große Geber wie Deutschland und die USA uns nicht mehr helfen werden, falls Kenyatta die Wahl gewinnt."

Kampf für den Frieden

Derweil haben Aktivisten seit Monaten versucht, in den Slums Friedensbotschaften zu verbreiten. Konzerte, Fußballturniere, SMS-Textnachrichten und politische Diskussionen wurden organisiert, um die Menschen zur Gewaltlosigkeit zu bekehren. "PEACE" prangte es in großen Lettern auf der Titelseite der Zeitung Ghetto Mirror und darunter: "Gewalt ist dieses Mal keine Option."

Der Künstler und Filmemacher Evans Kamau, der selbst in Kibera wohnt, hat die Mauern des Elendsviertels mit betörend schönen "Murals" (Wandbildern) verziert. Sein Projekt heißt "Walls for Peace" (Mauern für den Frieden): "Das, was 2007 geschehen ist, darf sich nicht wiederholen", sagt er ernst. Als zwei Jugendliche an dem 29-Jährigen vorübergehen, geben sie ihm die Hand und rufen auf Swahili: "Amani Mtaani" - Frieden in unserer Gemeinde.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und viele haben sich entschieden, in ihren Hütten zu bleiben, statt sich auf dem Land in Sicherheit zu bringen. In Dandora gleich neben der größten Müllhalde der Stadt gehen die Leute auf Nummer sicher und setzen auf die Verriegelung von sechs der sieben Slum-Eingänge mit Holzbarrikaden.

Andere wollten gleich nach der Stimmabgabe ihre Habseligkeiten packen und für unbestimmte Zeit die Stadt verlassen. Denn manche sind schon im Begriff, die Steine, Äxte, Schlagstöcke und Macheten hervorzuholen. "Wenn Odinga nicht gewinnt, dann werden wir wieder auf die Straßen gehen und demonstrieren", sagt Lutas. "Unsere Schreie müssen gehört werden."

Bei mehreren Anschlägen in der kenianischen Küstenstadt Mombasa sind seit der Nacht zum Montag mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen. Unter den Opfern waren offenbar mehrere Polizisten und einige der Angreifer. Ob auch Zivilisten getötet wurden, war zunächst unklar.

Gewalt am Wahltag: Zwölf Menschen sterben bei Anschlägen in Mombasa

Bei einer der Attacken waren Sicherheitskräfte offenbar in einen Hinterhalt geraten. Sie wurden von 200 mit Pfeil und Bogen bewaffneten Männern angegriffen.

Polizeichef Jared Ojuok machte die separatistische Gruppe Mombasa Republican Council (MRC) für die Taten verantwortlich. Sie hatte im Vorfeld damit gedroht, die Wahlen in dem ostafrikanischen Land zu behindern. Die Behörden Nairobi schickten weitere 400 Polizisten in die Region, um die Lage unter Kontrolle zu halten.

Die Kenianer wählen seit dem Morgen einen neuen Präsidenten und ein neues Parlament. Die Angst vor Gewaltausbrüchen in groß.

dpa

03.03.2013
03.03.2013